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Glossar zum Schreibspiel

…und zum checken, wo man steht. Im Folgenden stelle ich die Begriffe vor, die im Schreibspiel relevant sind und dort aktiv benutzt werden und in die die Klientin und der Klient nach und nach hineinwächst, sie zu lieben und zu leben.

Begriffsklärungen. Glossar zum Schreibspiel

Einführung

Die Schutzinstanzen Wächter, Saboteur, Kritiker, Rebell, Nimmersatt oder Bettler, Prinzessin auf der Erbse und Antreiber entsprechen unseren Instinkten. Neurologisch gesprochen befinden sie sich im Stammhirn, das auch Reptilienhirn genannt wird und evolutionär der älteste Teil des menschlichen Gehirns ist. Das Stammhirn hat der homo sapiens mit allen anderen Säugetieren gemeinsam. Aufgabenfeld dieser Hirnregion ist das instinktive Verteidigungs- und Fluchtverhalten, um den Organismus zu schützen. Mit Organismus ist einerseits der Körper gemeint, aber auch das limbische System, dem unsere Psyche zugeordnet wird. Im Modell handelt es sich hier um das innere Kind, das von seinen Schutzinstanzen geschützt wird, damit es keine Wiederholungen und Vertiefungen von bereits erlittenen Verletzungen erfährt.

Im nächsten Evolutionsschritt, so lässt es sich erahnen, wird es wohl darum gehen, die instinktiven Schutzinstanzen von ihren Aufgaben zu befreien und die Aufgaben Schutz und Abgrenzung auf unserer Humanität, das heißt auf unseren humanistischen Werten wie Freiheit, Toleranz, Akzeptanz, Mitgefühl, Respekt, Präsenz und Anerkennung basieren zu lassen. Den sieben genannten Wertekategorien sind weitere Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität, Treue, Loyalität und so weiter zugeordnet. Schutz bietendes und Abgrenzung sicherndes Handeln und Sprechen untersteht dann nicht mehr irrationaler Emotionalität, sondern es untersteht konsequent einer auf der Humanität basierenden Rationalität. So wird aus all dem verteidigenden, verletzenden, herabwürdigenden, abwehrenden Verhalten ein humanes Verhalten in Form von Hilfsbereitschaft, Kooperationsbereitschaft, Fürsorge, Großzügigkeit, Rücksichtnahme, ein angemessenes Abgrenzungsvermögen, wie auch der Wille zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Neurologisch gesprochen würden im Gehirn neue Verbindungen geschaffen, so dass das Sprachzentrum und der motorische Kortex nicht mehr vom limbischen System und vom Stammhirn befehligt werden, sondern von der Großhirnrinde und dem präfrontalen Kortex, zuständig für Mitgefühl und Intuition. Wir würden uns vom jetzigen homo sapiens zum homo humanus entwickeln, was keine Utopie mehr ist, sondern viele Menschen sind bereits auf diesem Weg – und von dort zum homo deus. Der homo deus wird derjenige Mensch sein, der seine nicht nur integrierte, sondern intuitiv veredelte Erfahrung als charismatische Kraft wieder in die Welt einbringt und anderen hilft, sich ebenfalls in den nächsten Evolutionsschritt hinein zu entwickeln. Als derartige Kräfte kommt die natürliche Autorität in Frage (im Gegensatz zu einer funktionalen oder auch angemaßten Autorität), wie auch die Medialität, die Manifestationskraft, die Telepathie, die Wertschöpfung auf höchster Frequenz des eigenen Seins, die Heilkraft und die Genialität, wobei ich unter Genialität das tiefe Lauschen verstehe, dessen Objekt andere Menschen, Tiere, Texte oder die Welt an sich sein kann, was zu einer hohen Synthesefähigkeit führt. 

Der Weg zum homo deus führt über die Herausbildung eines integralen Denkens, bei dem keine Bewusstseinsdimension mehr ausgeschlossen wird, sondern alle Bewusstseinsdimensionen – mentales Bewusstsein, rationales Bewusstsein, mythisches Bewusstsein und magisches Bewusstsein – in ihren erlösten Versionen miteinander verbunden werden.

Aufgabe der Schutzinstanzen

Ganz grundsätzlich treten alle Schutzinstanzen auf, um das kognitive Nervensystem und das emotionale Fassungsvermögen vor einer Überlastung zu bewahren. Sie sind “kindliche” Instanzen insofern, als es sich um konditionierte Reaktionsmuster handelt, die zum ersten Mal in der Kindheit aufgetreten sind, eben als Schutzreaktion auf ein als unangenehm, beängstigend oder traumatisch erlebtes Ereignis. Traumatisch bedeutet im psychologischen Kontext, dass ein Ereignis belastend war und das Kind zusätzlich mit dem Erleben des Ereignisses allein gelassen wurde. Es braucht diese beiden Komponenten: ein Schock + das Alleingelassenwerden, um zum Trauma zu werden. Wenn bei einem Unfall im Straßenverkehr sofort ein Physiotherapeut anwesend wäre, der die in den Körper eingefahrene Energie des Aufpralls ableiten würde, würde zum Beispiel kein Schleudertrauma entstehen. Das Trauma entsteht (und wird ja auch erst später entdeckt), weil die Energie unverarbeitet im System steckenbleibt. Im Fall eines psychischen Traumas wirkt es dann wie die posttraumatische Belastungsstörung in Form einer Koppelung. An einen äußeren Reiz wurde das extreme Erleben gekoppelt und die Koppelung wird automatisch wieder aufgerufen, wenn der Reiz in den Erlebnisraum des Individuums eintritt. 

Die Aufgabe der Schutzinstanzen ist es jetzt, dieses Wiedererleben des als extrem und gefährlich empfundenen Reizes zu verhindern. Dazu hat jede Instanz, die in der Psychologie ausgemacht und charakterisiert wurde, einen eigenen Schutzreflex, der im Kontext des zugrundeliegenden Konfliktes immer logisch und kompetent im Hinblick auf das Ziel ist. Deshalb kann man sagen, dass ein Problem immer seine eigene Lösung mit sich trägt. Man muss sich nur das gebundene erwachsene Potenzial im kindlichen Automatismus, also im konditionierten Verhalten anschauen, um die Symbolik zu entschlüsseln und die Lösung zu sehen. Der Passivpol spricht dabei über die Ursache der Traumatisierung. Der Aktivpol birgt die Ressource, selbst wenn er sie zunächst in pervertierter Form einzusetzen versucht. Der affektiven Bevormundung läge zum Beispiel die Fähigkeit zur vernünftigen Fürsorge zugrunde. Darum muss dem Passivpol unser Mitgefühl und unsere Empathie gelten, die sensible Präsenz unseres Yins also. Wenn Yang sich dagegen als erwachsene tatkräftige Instanz dem Aktivpol gegenüber verantwortlich zeigt, kann die Energie des kindlichen Automatismus in eine erwachsene und angemessene Aktion oder Reaktion transformiert werden.

Die Begriffe der Pole. Lebensmodi

Passivpol

Der konditionierte Angstbereich heißt in der korrekten Bezeichnung: bipolarer dysfunktionaler Schatten. Dysfunktional erübrigt sich eigentlich. Ein Schatten muss ja dysfunktional sein, denn alles, was an Wesensanteilen von uns abgespalten wurde und uns nicht bewusst ist, steht uns entweder als Ressource nicht zur Verfügung (wie zum Beispiel abgespaltene Begabungen, die verdrängt wurden, weil wir für sie nicht geschätzt oder sogar verurteilt wurden) oder abgespaltene Verletzungen, die als unbewusste Muster auf andere Menschen projiziert werden, uns also deshalb immer wieder als stetige Wiederholung und Schmerzquelle in unserem Leben begegnen.

Der Passivpol ist quasi die erste Anlaufstelle des Traumas oder der Verletzung unserer Würde und Integrität. Das Kind ist erstmal Opfer, also passiver Empfänger, der Verletzung durch eine Autoritätsperson. Meistens sind es die Eltern, aber es können auch andere Erwachsene sein, die Einfluss auf das Kind haben. Bei der vermeintlichen Grausamkeit der Kinder haben eigentlich auch immer Erwachsene die Verantwortung, weil Kinder, falls es sich um echte Grausamkeit handelt, nur ausagieren, was sie an sich selbst erfahren haben. Von dem Begriff der Grausamkeit ist allerdings die altersgerechte Aggression, die lediglich der Information und Führung bedarf, zu unterscheiden.

Passivpol also: Der innere Ort, an dem die Verletzung empfangen wurde. Hier ist man das “Opfer”. Später ist das der Pol, aus dem heraus wir anderen Menschen energetisch subtil die Erlaubnis geben, sich uns gegenüber auf eine bestimmte grenzüberschreitende oder destruktive Art zu verhalten. Das Subtile besteht in der inneren Haltung des Opfers (“das war schon immer so und wieso sollte ich jetzt anders behandelt werden?” oder: “ich habe es nicht anders verdient”), die sich in der Körpersprache niederschlägt, im Tonfall und in der Ausstrahlung. (“Mit mir kann man das ruhig machen”). So subtil diese Erlaubnis-Botschaft auch ausfällt, sie wird von der Umgebung des sich anbietenden Opfers unfehlbar aufgenommen. Das ist der Grund, weshalb kleinste Veränderungen auf der Bewusstseinsebene sich ebenfalls im Außen manifestieren, weil jede Veränderung des Geistes eine Veränderung der Materie nach sich führt. Findet ein Mensch auch nur ein kleines Stück in seine wahre Identität hinein, verändert sich bereits seine äußere Haltung und die Umwelt reagiert ganz entsprechend.

Aktivpol

Durch relativ kleine Veränderungen im Fühlen und Denken, wechselt das Kind gewöhnlich vom Passivpol, wo es die Verletzung empfangen hat, in den Aktivpol. Ganz klein sind die Veränderungen, wenn das Kind gegen die Ungerechtigkeit aufbegehrt. Groß ist die Veränderung, wenn das Kind an Anderen ausagiert, was es selbst erfahren hat und zum Täter wird. Kinder, die andere Kinder mobben, sind zuhause höchstwahrscheinlich die Leidtragenden ihrer narzisstischen Eltern, also die Verletzungen erleidenden Passivpolbesetzer zum Verletzungen austeilenden Aktivpol ihrer Eltern.

Interessant ist hier, dass viele glauben, sie würden den Aktivpol noch nie besetzt haben, sich also nicht als Täter sehen wollen. Einerseits können wir für den therapeutischen Erfolg heilfroh sein, wenn der Aktivpol sehr wohl schon besetzt wurde, weil dort die Kraftressource liegt. Andererseits wurde er meistens besetzt, ohne, dass es dem Sprecher klar ist. Das Cinderella-Syndrom ist so ein ganz typisches Phänomen. Frauen (und auch Männer!), die Opfer ihrer narzisstischen Eltern waren, halten sich selbst für Märtyrer (als Archetyp). Wenn man dann genau hinschaut, sprechen ihre Forderungen an die Fürsorgepflicht durch ihre Partner von einer Passiv-Aktivpolverschiebung. Sie nehmen zwar nicht ganz den reinen Aktivpol der Selbstwertüberhöhung oder sogar des Narzissmus ein, aber sie besetzen den Aktivpol im Passivpol. An ihnen ist eine passiv-aggressive Haltung spürbar. Durch die Forderungen und Manipulationen durch die inneren Kinder zeigt sich die narzisstische Verletzung, die kompensiert werden soll. Zu diesem Zweck werden andere Menschen instrumentalisiert und in das eigene Drehbuch hineingeschrieben, die diese Kompensation leisten sollen.

Aber genau hier liegt dann das aktive Potenzial gebunden. Vom Aktivpol geht der Yang-Anteil aus. Man sorgt noch nicht für sich selbst, sondern instrumentalisiert andere, für einen zu sorgen. Der Aktivpol muss noch in eine erwachsene Energie transformiert werden, um die Emanzipation von der Dominanz der Ängste herbei zu führen, mit der man sich dann erwachsen für seine Belange einsetzen kann, seine Grenzen vertritt und sein Leben gestaltet. Diese Transformation geschieht über die Schattenarbeit, aber auch über die Ermutigung und die Erweiterung der eigenen Lebenskompetenz. Für den Passivpol muss, wie schon gesagt, Präsenz aufgebracht werden. Hier liegen die Gefühle, die sich in unserem impliziten Gedächtnis überall zeigen. Wenn man sagt, man müsse lernen, Verantwortung für seine Gefühle zu übernehmen, ist genau diese Präsenz gemeint. Wir lernen, unseren Gefühlen zuzuhören, sie ernst zu nehmen, zu erkennen, worüber sie in Wahrheit sprechen und was wir brauchen, um sie zu beruhigen und auszugleichen. Dieser emanzipatorische Weg führt zunächst über den Aktivpol.

Aktivpol also: Die Reaktion des Aufbegehrens auf das empfundene Passivpoldasein.

Erlöster Pol

Der erlöste Pol ist dann der, in dem die Dinge in Balance sind. Aus ihm heraus setzen wir die Kräfte unserer Essenz entsprechend ein. Wir kennen unsere eigenen Grenzen, kennen unsere Kraft und können auf alle Ressourcen und Anlagen zugreifen. Von hier aus können wir klar und erwachsen formulieren, was wir wahrnehmen, was wir brauchen und wir können auch für uns selbst sorgen. Wir können ja und nein sagen und die Reaktionen auf unsere Antworten aushalten. Das hier ist die Vernunft und zwar nicht mit dem verwechselt, was so oft für den Verstand oder Intellekt gehalten wird und ganz oft eigentlich den inneren Kritiker meint. Die Vernunft ist stattdessen die Verbindung aus unserer Anima (oder unserem Yin) und unserem Animus (oder unserem Yang) in einer Verbindung aus Präsenz und Konsequenz zusammen mit dem inneren Kind (dem erlösten, also unserem Gefühl). Man kann sich den Begriff der Vernunft leicht klarmachen, wenn man sich vorstellt, dass zu handeln, ohne zugehört zu haben (nur Yang) genauso unvernünftig ist, wie zuzuhören, aber nicht zu handeln (nur Yin). Und wem da zugehört wird, das ist die innere Weisheit an integrierter Erfahrung, aber auch der Intuition und dem Instinkt. 

Ich setzte die Vernunft noch nicht ganz mit Intelligenz oder Verstand gleich übrigens. Für mich ist die Intelligenz oder der Verstand die Verbindung aus Anima und Animus, aus allen Yin-Werten und allen Yang-Konsequenzen also. Erst wenn das innere Kind oder das Gefühl dazu kommt, würde ich von Vernunft sprechen, die ihrerseits aber durchaus frei ist von Emotionalität, weil Emotion nicht gleich Gefühl ist. Die Emotionen speisen sich aus den nicht verarbeiteten Erfahrungen der Vergangenheit. Das Gefühl speist sich aus der Empathie, der Intuition und dem Instinkt und kann sich unter anderem als Körperempfindung äußern. Dagegen meine ich mit Intellekt das konditionierte Denken, was nicht schlecht sein muss, denn hier liegt ebenfalls ein Teil unserer Erfahrung zum Beispiel in Form von Traditionen und Bildung, aber hier liegen eben auch unsere Glaubensmuster und Vorurteile, die uns in der Kindheit eingeimpft wurden.

Innerer Erwachsener

Die Verbindung aus Yin und Yang, die ich nach meiner Synthese aus literarischen, philosophischen, psychologischen und spirituellen Texten im Solarplexus (Yang) und im Herzchakra (Yin) ansiedeln würde, ist der innere Erwachsene. Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, dass sie einen haben und bis zu einem Alter von etwa 35 ist diese Instanz auch noch gar nicht fertig. Die blaue Schrift hier spricht über den Ort, an dem die Verbindung erst stattfindet. Es ist das Kehlkopfchakra. Mit 21 Jahren ist das Yang ausgebildet, unsere Tatkräftigkeit. Leistung, Effizienzstreben, Erfolg. Mit 28 Jahren ist das Yin da, unsere Empathie und emotionale Intelligenz. Ganz viele Menschen beginnen mit 28 nochmal ein Studium oder eine andere Ausbildung, weil die Empathie sich auch darauf richtet, sich selbst besser hören zu können, die eigene Essenz in den Blick zu nehmen und zu überprüfen, ob die aktuelle Existenz, wie sie gelebt wird, eigentlich mit der eigenen Essenz, die man in seinem Inneren spürt, übereinstimmt. Wenn das Yang dann auch gut entwickelt ist, kommt es eben konsequenterweise zu einem Richtungswechsel um den persönlichen Neigungen besser gerecht zu werden. Ganz häufig werden in diesem Alter aber auch Familien gegründet.

Meiner Beobachtung nach verbinden sich dann zwischen 28 und 35 alle vier bisherigen Chakren und Themen (Kompetenz, die Fähigkeit, Konsequenzen zu tragen, Mut aufzubringen und Empathie zu zeigen) zu unserem ganz eigenen Ausdruck. Hier wird für gewöhnlich der Platz im Leben gefunden, an dem man sein Talent ausleben kann, sei es in der eigenen Familie und/oder im Beruf. Dieser Platz ist zugleich der Ort, an dem die Integration der bisher berührten Lebensthemen stattfindet. Der innere Erwachsene ist das Ergebnis dieser Integration.

Der innere Erwachsene ist dann also die Vernunft, in die alles mit einfließt, was wir bisher an Leben erfahren haben. In ihr ist das innere Kind als kreatives Potenzial und als innere Weisheit enthalten, wenn wir unsere Schattenanteile befreit, also integriert haben. Sie ist dann nicht nur die Verbindung aus Yin und Yang, sondern auch die mit dem inneren Kind, also die Verbindung aus Verstand und Gefühl.

Inneres Kind

Das innere Kind ist ein Begriff, der nur ein Modell ist und der unser Gefühl und unsere Emotionen meint. Es sitzt jedenfalls kein Kind in uns. Gemeint ist unser implizites Gedächtnis, das wir als Körpergedächtnis und als emotionales Gedächtnis in uns haben. Dieses Gedächtnis entsteht in unserer Kindheit. Wobei mit dem Teil, der entsteht, nur die unbewusst gespeicherten Erfahrungen gemeint sind, das, was wir dann später das Schattenkind nennen. Der Schatten am Schattenkind meint wiederum das Nichtbewusste. Es gibt auch noch das Sonnenkind, das sind sowohl unsere bewusst gespeicherten positiven Erfahrungen, unsere integrierten und in Weisheit verwandelten negativen Erfahrungen wie auch – und das ist vielleicht der interessanteste Teil dieser Instanz – der Zugriff auf das, was alle psychologischen Richtungen nur irgendwie schwammig benennen können mit “kollektivem Gedächtnis” oder “Kontinuum” oder “essenzieller Geist”. Die Religionen nennen es dann “Gott” und die Mystiker “Universum” oder “Ewigkeit” und die Spiritualisten sprechen vielleicht von “Seelenfamilie” oder auch von “Geistführern”. Ich persönlich nenne es “die Intelligenz der Liebe”. Als Übermittlungswege wird hier der Instinkt genannt und die Intuition wie auch die Inspiration. Auf zwischenmenschlicher Ebene wirkt die Empathie als Übermittlungskanal. Was auch immer es ist, das als Quelle bezeichnet werden könnte, kreative, aber auch liebende Menschen können seine Existenz nicht leugnen. Sowohl die Kunst als auch die Liebe greift auf dieses Höhere zu und erfasst Qualitäten, die noch nicht verwirklicht sind. Künstler sehen die Qualitäten auf dem Papier, der Leinwand, der Bühne etc. voraus. Liebende sehen die Qualitäten in Menschen voraus. Beide sehen ein noch nicht verwirklichtes Licht und bemühen sich darum – durch die Kunst und durch die Liebe – die Qualitäten im Raum sichtbar zu machen, selbst wenn es durchaus nicht immer gelingt, weil zum Gelingen notwendig ist, dass der Gabenträger sich seiner Gaben auch selbst bewusst werden will. Und das Sonnenkind, das über unseren Instinkt oder in den höhersensiblen Oktaven der Intuition und der Inspiration mit uns kommuniziert, hat Zugriff auf dieses Was-auch-immer-es-sein-mag-das-noch-nicht-ist. Ich nenne es also die Intelligenz der Liebe. Das gefällt mir als Begriff am besten. Und ich gehe zugleich davon aus, dass wir alle eine Individuation der Liebe sind.

Wenn man am Ende der inneren Arbeit das Schattenkind integriert hat, gibt es keine zwei Kinder oder kein aufgespaltenes Kind mehr, sondern wieder nur noch ein Kind, nämlich das wiedervereinte innere Kind, das uns als Weisheit und als Kreativität zur Verfügung steht. Im Idealfall kann man dann nicht mehr verletzt werden (also wenn wirklich alle Schatten bearbeitet wären, was man vermutlich sein Leben lang nicht schafft), weil es für die Verletzung keinen Anker mehr gibt. Man würde dann mit seinem inneren Erwachsenen immer die Dynamik hinter dem Verhalten eines Anderen erkennen und statt, dass das inneres Kind aus dem Schatten heraus reagiert, würde es einem aus seiner Weisheit und seiner Essenz heraus eine kreative Lösung zuflüstern, während der innere Erwachsene wiederum das letzte Wort über die Handlungsoptionen hat. Dazu braucht das innere Kind den inneren Erwachsenen aber von Anfang an an seiner Seite. Denn zunächst muss der innere Erwachsene verhindern, dass das innere Kind sich in das Drehbuch des anderen Menschen hineinschreiben lässt und unfreiwillig, weil unreflektiert, eine Rolle übernimmt, z. B. das Beleidigtsein auf eine Provokation oder die Unterwürfigkeit auf eine Aggression oder der Verzicht auf die Gier oder, oder, oder. Das innere Kind verlangt Führung – genau wie richtige Kinder. Ihm muss gesagt werden, welcher der bessere Weg ist. Und der bessere Weg führt immer über die humanistischen Werte hinein in eine auf diesen Werten basierende rationale Handlung. Das schafft das innere Kind nicht alleine. Das innere Kind reagiert ausschließlich emotional. Oder umgekehrt: Wenn wir emotional reagieren – egal, ob extrovertiert oder introvertiert – ist das innere Kind im Vordergrund. 

Menschen, deren inneres Kind von ihrem inneren Erwachsenen flankiert wird, sind sehr angenehme und weise Zeitgenossen, aber im Moment noch selten in der Welt anzutreffen. Häufiger erleben wir emotionale Reaktionen und irrationales Verhalten, die von verletzten und vor allem ängstlichen inneren Kindern produziert werden.

Das Wesen der Schutzinstanzen. Instinkte

Der Wächter

Der Wächter hat die Aufgabe, Dinge abzuwehren, die uns potenziell überfordern könnten. Ihm dient dazu das Verstecken als Mauerblümchen (das wäre der Passivpol) oder die Selbstüberschätzung als Angeber jeder Art (das wäre der Aktivpol). Im Passivpol ist die Intention klar erkennbar: Der Wächter will den bereits verletzten Anteil des Schattenkindes vor einer neuen Verletzung bewahren, im speziellen Fall vor dem Versagen, und flüchtet aus jeder Situation, die eine Herausforderung bedeuten könnte. Ganz oft macht er das, indem er eine Krankheit “schickt”. Der sekundäre Krankheitsgewinn ist: “Ich kann das gar nicht tun, weil ich außer Gefecht gesetzt bin.” Es kann aber auch sein, dass Versagensängste, zum Beispiel in Form von Prüfungsangst, den Erfolg verhindern, damit auf keinen Fall nach bestandener Prüfung die nächst höhere Herausforderung in Frage kommt. Ein gutes Abitur würde zum Beispiel ein Studium nach sich ziehen können, das man aber “auf keinen Fall mehr schaffen kann”. Also werden die Antworten – ganz Mauerblümchen und Selbstverleugnung – nur extrem kurz und bündig präsentiert und eher auch nur geflüstert, vielleicht werden sie auch blockiert oder die Prüfung wird gar nicht erst angetreten.

Im Aktivpol mutet der Wächter etwas kamikazemäßig an. Hier will er nach außen beweisen, dass er sehr wohl kompetent ist, auch wenn das hier niemand zu glauben scheint, so wie er selbst es ja auch eigentlich nicht glaubt. Der Besserwisser ist ein innerer Wächter unter Beweiszwang. Grundsätzlich kann der Akt, sich selbst etwas zu beweisen, aber durchaus Ressourcen freisetzen und auch die Vorsicht, wenn sie von der Vernunft geführt wird, hat ihre Berechtigung.

Der Saboteur

Dem Saboteur geht es darum, zu großes Erleben und potenziell überwältigende Emotionen abzuhalten. Irgendetwas hat das Nervensystem irgendwann mal mächtig überfordert und man ist sehr wahrscheinlich für die eigene emotionale Reaktion verurteilt und bestraft worden oder hat anderweitig Leid erfahren. Dass Kinder als Zappelphillippe gemaßregelt werden, ist noch der scheinbar harmloseste Fall. Aber Kinder können ihre Eltern auch mit Lebhaftigkeit, Schnelligkeit, Lautstärke, Emotionalität, Wissbegierde, der exzessiven Ausübung eines Talents und allen anderen vitalen Ausdrücken überfordern. Statt dass die Eltern dann bei sich hinschauen, worin die Überforderung liegt, beschneiden sie lieber die Vitalität ihrer Kinder. Die Kinder erhalten Verbote, Ermahnungen, werden zur Vorsicht angehalten, bekommen alles Mögliche abgenommen oder werden mit einem unverständlichen und einschüchternden Lob überschüttet. So ein Lob bewirkt, dass die Kinder sich die Reproduktion ihrer Leistung nicht zutrauen und es lieber nicht noch einmal versuchen. Das hat zur Folge, dass der Wesensanteil “Lebendigkeit” abgespalten wird. Aus dem Kind wird ein ängstliches Häschen, das sich die Konsequenzen von Leben nicht mehr zutraut. Sobald ein Ausdruck von Leben am Horizont aufzieht, der heißen kann “Erfolg” oder “Wunscherfüllung” oder “tiefes Empfinden” oder “Freude”, tritt der Saboteur auf den Plan und inszeniert irgendeine Selbstsabotage, damit dieses Lebhafte nicht stattfindet. Das ist der Herpes vor der so lange ersehnten Verabredung oder dass man auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch zu seinem Traumjob in einen Hundehaufen tritt, sich am Abend vor der wichtigen Präsentation betrinkt, sich im Job als unzuverlässig erweist und so weiter. Das Ergebnis ist Leere. Ein ungelebtes Leben. Depression. Die Wissenschaft sagt, dass der Depression immer auch ein biologischer Fakt zugrunde liegt. Und das stimmt auch. Die Psychosomatik ist dasjenige Spezialgebiet der Medizin, das anerkennt, dass wir eine Manifestation unseres Geistes sind. Wir somatisieren, was in unserer Psyche los ist. Natürlich schlägt sich das Gefühl von innerer Leere biochemisch in unserem Körper nieder und führt auch Hirnlappenverletzungen mit sich oder Hormondisbalancen oder was auch immer notwendig ist, um das Symptom zu produzieren, weil das depressive Gefühl sonst ja nicht manifest werden könnte. Grundsätzlich aber versucht der Saboteur uns auf Missstände aufmerksam zu machen, darauf, dass etwas nicht stimmt am Erleben im Außen oder an unserer Bewertung und inneren Haltung dem Erleben gegenüber.

Der Kritiker

Der innere Kritiker ist ein Geselle, den man aus anderen Modellen, zum Beispiel der Transaktionsanalyse, als Eltern-Ich kennt. Das ist die Imitation der introjezierten Elternstimme, aber es bleibt ein inneres Kind bzw. eine Schutzinstanz. In der Kindheit hat diese Schutzinstanz für sich herausgefunden, dass Mimikry wirklich funktioniert. Indem man sich wie ein Chamäleon an die Umgebung anpasst, wird man übersehen und entgeht liebloser Behandlung. Indem man Einwände und Beschuldigungen als Selbstbestrafung vorwegnimmt, sich also schon mal selbst herabwürdigt – und die Selbsterniedrigung ist das Charakteristikum des Märtyrers, also des Passivpols der Angst vor Wertlosigkeit – strafen die Anderen einen viel weniger. Das sind die Kinder, die sich selbst beschimpfen oder schlagen oder verletzen. Es ist der Versuch, die Bestrafung vorwegzunehmen und sie so abzumildern, aber aus dem tiefen Gefühl heraus, die Strafe gänzlich verdient zu haben. Im Narzissten wendet dieser Kritiker sich dann nach außen, statt nach innen, und wertet andere Menschen systematisch ab. Sein Ziel ist es, vom eigenen Wertlosigkeitsverdacht abzulenken, den Schmerz zu vermeiden oder ihn zu kompensieren.

Ganz oft wird der innere Kritiker mit dem Verstand verwechselt, der uns jeden vitalen Impuls kaputtredet. Aber mit dem Verstand hat der Kritiker rein gar nichts zu tun, wenn wir Verstand als die Kombination aus humanistischen Werten und ein auf diesen Werten basierendes rationales Handeln definieren. Er ist eine Emotion, ein inneres Kind, das sich über unsere Gedanken und in Form innerer destruktiver Dialoge ausdrückt. Eigentlich aber versucht der Kritiker, uns für das zu sensibilisieren, was unserer Wahrheit entspricht und was ihr nicht entspricht, damit wir eben nicht unkritisch alles annehmen, was uns übergestülpt wird. Die erlöste kritische Instanz in uns operiert mit einer klaren Gegenstimme, die oft nur als „innere Stimme“ bezeichnet wird. Diese Stimme ist klar und wohlwollend. Sie ist Teil unserer Resilienz und manche Menschen hatten diese Stimme sogar schon als Kinder in sich. Sie war stärker als der innere Kritiker, den es in der Regel parallel zur kritischen Instanz oder inneren Stimme gab.

Der Rebell

Bei dem inneren Rebellen geht es um unseren Bindungsstil, der, so heißt es, nur in 50% der Fälle ein sicherer Bindungsstil sein soll (wobei ich diese Zahl, die ich bei der Psychologin Dr. Elaine Aron gelesen habe ziemlich hoch gegriffen finde). In 50% sei es ein unsicherer Bindungsstil, schreibt sie, der sich nochmal nach Passiv- und Aktivpol aufteilt in unsicher-distanziert und unsicher-bindend. Andere Begriffe sind auch unsicher-vermeidend und unsicher-abhängig. Der Rebell hat dabei die Aufgabe, die Angst vor einem Verlust zu mildern, sie zu kontrollieren oder zu kompensieren. Er hält die Menschen also entweder direkt auf Distanz, damit sie dem inneren Kind nicht zu nahe kommen, so dass es potenziell einen Verlust könnte erleiden müssen oder er klammert sich fest, damit das innere Kind die Menschen nicht wieder verliert, die es endlich gefunden hat und denen es vertrauen kann. Beide Strategien des inneren Rebellen scheitern im Hinblick auf das Ziel, keinen Verlust zu erleiden. Die Menschen distanzieren sich beiden unsicheren Bindungsstilen gegenüber und der Rebell kann dann sagen: “Siehst du! Ich wusste, dass es so kommt!” Mit jedem Verlust wird die Angst weiter genährt und wird der Rebell stärker. Im Passivpol ist der Überlebenskünstler, der emotional “nichts und niemanden braucht” genauso ein Rebell, wie derjenige, der sich über sein Dasein völlige Illusionen macht und destruktive Beziehungen gnadenlos schönredet. Die vorgetäuschte Autonomie gehört auch  in den Passivpol, die Behauptung “auch sehr gut alleine klar zu kommen”. 

Im Aktivpol ist der Rebell fast nicht als solcher zu erkennen, denn sein Klammern äußert sich zum Beispiel in einem peniblen Ordnungssinn und in einer Kontrollsucht, die auch zur Bevormundung und zur Überfürsorge neigt, also gar nicht rebellisch und oppositionell anmutet. Dieses Überwachenwollen von allem und jedem aber dient der Enttäuschungsprophylaxe. In der Enttäuschungsprophylaxe ist der Rebell besser zu erkennen, denn die Basis des Aktivpols ist die Haltung des Starrsinns: „Ich will, was ich will.“ Alles wird entgegen jeder Erwartung gemacht, nur, um keiner Erwartung zu entsprechen, sich nicht gemein zu machen, kein Zugehörigkeitsgefühl aufkommen zu lassen, das man ja ohnehin viel zu leicht wieder verlieren könnte. Jederzeit soll der Eindruck von Unabhängigkeit aufrecht gehalten werden. Der Rebell ist also Gefangener seines Rebellentums. 

Der ewig Plappernde, der durch seine ständige Gegenrede versucht, Aufmerksamkeit zu gewinnen, besetzt den passiv-aggressiven Pol. Aus dem Passivpol des abwartenden Rückzugs (“der andere muss mir beweisen, dass er mich wirklich liebt”), wird die Aufmerksamkeit aktivisch eingefordert, aus Angst, womöglich doch übersehen zu werden und den Beweis zu verpassen. Von hier geht auch die kindische Provokation aus, die den Liebesbeweis-trotz-allem, trotz schlechten Benehmens, zu erzwingen versucht. Grundsätzlich versucht der Rebell vor dem Herzschmerz durch Verlust und Einsamkeit zu schützen.

Der Nimmersatt/innere Bettler

Der Nimmersatt oder der innere Bettler gehört zu unserer Expressionsebene. Solange wir nicht essenznah leben, fehlt uns das Gespür für unseren Selbstwert. Aber die zweite Komponente hier ist das Selbstvertrauen und die Selbstfürsorge. Solange wir nicht in der Lage sind, liebevoll für uns selbst zu sorgen, suchen wir beides im Außen: Bestätigung unseres Wertes und liebevolle Fürsorge. Da wir aber im Außen immer nur unser Inneres gespiegelt bekommen, müssen wir von unserem Wert zuerst selbst überzeugt sein und müssen uns selbst lieben, damit wir beides im Außen erfahren können.

Der Nimmersatt oder Bettler versucht die Angst vor dem essentiellen Mangel zu kontrollieren oder zu kompensieren. Entweder verwaltet und kontrolliert er den Mangel, was sich auf der Körperebene als Anorexie oder Magersucht oder auch in materieller Armut äußern kann. Oder er greift sich raffgierig, was immer er kriegen kann, was auf der Körperebene Übergewicht oder Fettsucht sein kann oder auch das Horten von Dingen. Es kann aber auch jede andere Ebene betroffen sein. Die Gier nach Aufmerksamkeit, nach Geld, nach Ruhm, nach Wissen, nach materiellen Gütern kann ihr Ausdruck sein oder jede Art von Sucht. Und es kann sich jeweils zeigen in der Verweigerung und im Geiz (Passivpol) oder in der Übertreibung und im Übermaß (Aktivpol). Aber der Nimmersatt/Bettler bedient ja, weil er zum Kehlkopfchakra und zum 5. Dreieck gehört, alle vier vorherigen Dreiecke, weshalb diese Instanz eine ziemlich große Aufmerksamkeit braucht, um sie von ihrer schweren Aufgabe zu entbinden. Grundsätzlich versuchen Nimmersatt oder Bettler über die Körper- und Symptomsymbolik auf ein nicht beachtetes psychisches Problem aufmerksam zu machen.

Die Prinzessin auf der Erbse

Die liebe Prinzessin auf der Erbse ist als Schutzinstanz den Hochsensiblen vorbehalten. Hier geht es um die Angst vor Verletzung. Sie äußert sich ganz oft in Hochmut und Arroganz, um sich gleich über die Anderen zu stellen, von denen man potenziell verletzt werden könnte. Das geschieht aber nicht, wie im Fall der Selbstwertüberhöhung, mit dem Ziel, die anderen abzuwerten, um den eigenen Wert zu sichern, sondern es geschieht mit dem Ziel, sich selbst unangreifbar zu machen. Zuerst beißen, bevor der andere beißen kann. Das ist der Aktivpol der Prinzessin auf der Erbse. Oder sie zeigt sich im Passivpol als dieses Stereotyp eines Sensibelchens, das allen mit seiner Besonderheit und seiner Empfindlichkeit und der Forderung nach besonderer Rücksichtnahme auf die Nerven geht. Das Sensibelchen zeigt auch wirklich alle möglichen Symptome, deren sekundärer Krankheitsgewinn der ist, alles von sich fern zu halten, was den sensiblen, vielleicht auch eher überempfindlichen Menschen verletzen könnte. Die Prinzessin auf der Erbse braucht ganz dringend den inneren Erwachsenen an ihrer Seite, damit sie sich entspannen kann und nicht überall Gefahren sieht. Zugleich aber ist in der hohen Sensibilität ein großes Potenzial der Wahrnehmungstiefe gebunden, die bis zu Medialität reichen kann. Wenn man sich dann nicht gerade wieder wie eine hochmütige Prinzessin auf der Erbse aufführt und sich für etwas Besonderes hält, kann man mit dieser Wahrnehmungsbegabung der Menschheit wirklich dienen und zum Fortschritt beitragen. Denn das ist die eigentliche Aufgabe der Prinzessin auf der Erbse: Bis tief hinunter zu spüren, was für andere unspürbar ist.

Der Antreiber

Der Antreiber ist der Schurke, der alle Ungeduldigen an der Kandare hat. Im Aktivpol ist so jemand ständig auf der Überholspur und sucht nach Bestätigungen dafür, dass sein Dasein lebenswert sei, wie er auch zugleich eine Bestätigung für seine Lebensberechtigung sucht. “Ich leiste, also darf ich sein”, ist seine innere Einstellung. Das ist der Sensation Seeker, der Suchende nach extremer Erfahrung. Im Passivpol wird der Antreiber  zum Scheintoten, der in der persönlichen Bedeutungslosigkeit versinkt und im Leben keinen Sinn sieht. Hier liegt ebenfalls ein Potenzial zur Depression, nämlich dann, wenn einem Menschen nicht nur das aktuelle Leben abhanden gekommen ist (was der Saboteur zu verantworten hat), sondern auch die Zukunftsvorstellung (worin der Antreiber dem Saboteur die Hand reicht). Das ist so eine Hoffnungslosigkeit, mit der der Antreiber im Passivpol sagt: “Macht doch alles keinen Sinn mehr.” So jemand lebt dann in der Vergangenheit und der Antreiber suggeriert ihm nur, dass er da auch besser bleiben sollte, weil er die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft eh nicht schaffen wird. Im Aktivpol zeigt der Antreiber sich unduldsam und ungeduldig, gängelnd und drängelnd, wie ein Rennfahrer geistig oder physisch ständig auf der Überholspur. Im Leben eines Antreibers gibt es auch eine Menge Extreme, Dramen, viel Schwarz-Weiß-Denken. Dreihunderprozentiges Tun und Waghalsigkeit liegt ganz im Wesen des Antreibers. Ganz viel Tun, aber auch ganz viel Darüber-Reden, am liebsten laut, schnell und wild gestikulierend, ständig neue Ideen hervorbringend und ein absolutes Getriebensein von allen Kräften der Grundbedürfnisse fühlend. Sowohl in seinem ständigen Streben als auch in seiner Lethargie steht der Antreiber mit allen Grundängsten in Verbindung, die sich zusammenfassen lassen als die Urangst davor, die Verwirklichung der eigenen Lebensintention zu versäumen, das Wozu des eigenen Lebens. Sie äußert sich als Angst, etwas im Leben zu verpassen oder als Hoffnungslosigkeit, das Verpasste nicht mehr aufholen zu können und jede Anstrengung lieber gleich zu unterlassen. Eigentlich aber will der Antreiber unsere Kräfte und Ressourcen mobilisieren, damit uns das Leben gelingen kann.

Begriffe der Dreiecksflächen. Ressourcen und Charakterstärken

Selbstsicherheit

Die Selbstsicherheit gehört zum ersten Dreieck und betrifft den beruhigten Wächter. Der innere Erwachsene hat dem Wächter die Aufgabe aus der Hand genommen, Herausforderungen abzuwehren und die Angst kontrollieren zu müssen, was oft auch in echten Kontrollzwang führt. Der Beweiszwang zur Angstkompensation ist dem Wächter ebenfalls abgenommen worden. Stattdessen führen die erwachsenen Instanzen über die Selbstermutigung und die Anerkennung bisher erbrachter Leistungen und Erfolge (Yin), wie auch über die Bereitschaft, Neues zu lernen und sich weitere Kompetenz anzueignen (Yang) hinein in die emotionale Balance der Selbstsicherheit. Das innere Kind fühlt sich sicher im Selbst, in der Anwesenheit des inneren Erwachsenen also. In der Dreiecksfläche ist das innere Kind in der Lage, seine Kompetenz einzuschätzen und sich mit dieser Kompetenz sicher zu fühlen. Die Erinnerung an vergangene Erfolge wie auch die Lust am Lernen vermitteln Sicherheit. Aus diesem Gefühl der Sicherheit heraus kann der Mensch sowohl Herausforderungen annehmen als auch eingestehen, dass er etwas nicht oder noch nicht kann oder weiß oder dass er sich für etwas nicht zuständig oder nicht qualifiziert sieht und dass er damit im Frieden ist. Er kennt seine Fähigkeiten und seine Grenzen und erkennt beides in selbstsicherer Kompetenz an.

Selbstbewusstsein

Das Selbstbewusstsein gehört zum zweiten Dreieck und meint, dass der Mensch ein klares Bewusstsein dafür hat, wie er in der Welt so da ist und was er braucht, um sich ausgeglichen und gesund zu fühlen. Dazu übernimmt die Präsenz Verantwortung, die erfasst, was das Individuum von seiner Konstitution und von seinem Temperament her verkraften kann und was nicht. Die Yang-Kraft sorgt entsprechend für eine der Konstitution angemessene Lebensweise, schirmt aber auch von fremden Zuschreibungen und Rollenerwartungen ab. Wenn ein gesundes Selbstbewusstsein vorliegt, wurde der innere Saboteur von seiner Aufgabe entbunden, das Nervensystem vor allem abzuschirmen, was potenziell überfordernd sein könnte. Aus dem Bewusstsein heraus, dass das Selbst Präsenz (Yin) und Angemessenheit (Yang) ist, während der Mensch zugleich weiß, worauf diese Präsenz und diese Angemessenheit bei ihm persönlich zielen müssen – Biorhythmus, Nahrungsmittelverträglichkeiten, Schlafnotwendigkeit, Sensitivität gegenüber Substanzen und Stress, Bewegungsbedarf, Verwirklichung von Erlebniswerten – kann der Mensch sich selbst gut regulieren. Manches wird im Außen reguliert und so eingestellt, dass ein gesundes und ausgeglichenes Leben möglich ist, wie Arbeits- und Schlafenszeiten, Nahrungsmittelauswahl etc. Manches wird aber auch in der inneren Haltung, Einstellung und Bewertung reguliert. Eine spontane Schattenarbeit ist immer möglich. Eine regelmäßige Psychohygiene wie das Tagebuchschreiben oder regelmäßige Coachinggespräche helfen, frühzeitig zu erkennen, wenn etwas aus der Balance zu geraten droht. Im Zustand eines gesunden Selbstbewusstseins greift der Mensch auf seine Kreativität wie auch auf seine innere Weisheit zu.

Selbstwertsicherheit

Selbstwertsicherheit und Selbstwertgefühl sind Begriffe, die synonym verwendet werden können. Wenn dem inneren Kritiker die Aufgabe aus der Hand genommen wurde, den Selbstwert mit metaphorischen und greifbaren Fäusten zu verteidigen, dann wurde diese Aufgabe von dem inneren Erwachsenen in Form von Selbstachtung und Selbstwertschätzung (Yin) und in Form einer Konsequenz wie dem Grenzensetzen, dem Neinsagen, dem Für-sich-eintreten (Yang) übernommen. Der Mensch weiß jetzt um seinen geistigen Wert, was ihm eine  würdevolle Haltung und Ausstrahlung verleiht, die es anderen Menschen nicht gestattet, ungefragt in seinen Raum einzudringen, ihm Rollen aufzuzwingen und seine Grenzen zu überschreiten. In einer würdevollen Haltung ist man jetzt in der Lage, sich von den Drehbüchern der anderen fernzuhalten, solange hier lediglich Schattenstücke aufgeführt werden sollen. Die Selbstwertsicherheit geht mit dem Wissen um die eigene Identität einher. Indem ich weiß, wer ich bin, weiß ich auch um meinen Wert. Diese Identität ihrerseits hängt mit der Kenntnis des persönlichen Wertekanons zusammen, für den man steht. Der Identität wird man gewahr durch die Selbstreflexion im Spiegel der Phänomene, zu denen auch Kulturgüter zählen wie Bücher, Filme, Musik, Bühnenstücke, Poesie, Gespräche etc.

Selbstvertrauen

Das innere Kind muss lernen, dass es sich auf den inneren Erwachsenen und seine Zusagen verlassen kann. Es muss durchaus auch wirklich Zusagen der Selbstfürsorge erhalten, damit es kooperieren kann, und es muss dann erfahren, dass es sich von dieser Selbstfürsorge genährt fühlt. Es fühlt sich dann genährt, wenn es exakt das an Zuwendung erhält, was es braucht: Der Schal, wenn es friert, das Weggehen, wenn es sich langweilt, das Grenzensetzen, wenn es sich bedroht fühlt, die Pause, wenn es erschöpft ist. Und was das ist, was das innere Kind braucht, das erfährt der innere Erwachsene durch die Selbstempathie gegenüber den eigenen Gefühlen und Empfindungen. Indem das innere Kind wahrgenommen wird, die Emotionen ernst genommen werden und die Selbstfürsorge konsequent erfolgt, entsteht ein Erfahrungsvertrauen in den inneren Erwachsenen, in das Selbst. Wenn du deinem inneren Kind dann in einer stressigen Situation sagst: “Ich kümmere mich hier jetzt als Erwachsene darum, aber später schaue ich mir an, was mit meinen Emotionen los war” – und es auch tust, dann ist das das Selbstvertrauen, mit dem du das innere Kind aus der Schusslinie nimmst, aber auch weißt, dass du jederzeit für dich selbst zu sorgen in der Lage bist. Das innere Kind weiß, dass du es bist und vertraut sich dir an.

Selbstgewissheit und Selbstverantwortung

Der Nimmersatt oder der Bettler ist von seiner Aufgabe erlöst, wenn das Gefühl von Konsistenz erreicht ist. Wenn die Existenz mit der Essenz übereinstimmt und der Mensch sich mit sich selbst identisch fühlt, dann liegt so etwas wie eine gesättigte Lösung vor. So ein Mensch kann sich selbst spüren und empfindet keinen Mangel mehr, keine Leere, braucht aber auch keine Übersättigung mehr, um sich überhaupt spüren zu können. So ein Mensch fühlt sich seiner selbst gewiss, wobei das Selbst in diesem Fall der inneren Stabilität auf der Basis von Integrität (alle Schatten sind integriert) auf Selbstakzeptanz (Yin) und Authentizität (Yang) beruht. Die eigenen Bedingungen dessen, was man persönlich zu einem ausgeglichenen und glücklichen Leben braucht, werden akzeptiert und authentisch kommuniziert und gelebt. Diese Selbstgewissheit bezieht alle vorherigen Dreiecksflächen mit ein. Das heißt, man kommuniziert authentisch über das, was man kann und nicht kann, wie man sich fühlt, wer man ist und wen oder was man liebt. Und dann lebt man sein Können, sein Fühlen, deine Identität und sein Lieben ganz im eigenen Drehbuch, für das man die volle Selbstverantwortung trägt. Integrität und Selbstverantwortung können hier gemeinsam verwendet werden, um die Balance dieser Dreiecksfläche zu beschreiben, wobei das Grundgefühl der Selbstgewissheit das ist, was im Individuum schwingt und die Zufriedenheit, ja eigentlich die Glückseligkeit, ausmacht. Man könnte es auch Dankbarkeit nennen und sie stellt sich der Konsistenz gegenüber ein. So ein Mensch sagt dann: „Ich habe alles, was ich immer wollte“, und meint wenig Materielles.

Selbsttranszendenz

Bei dem Begriff der Transzendenz, die sehr vielen Menschen ein Grundbedürfnis ist, geht es darum, zunächst das Ego zu transzendieren, dann aber auch das Selbst. Wenn Ego und Selbst transzendiert wurden, befindet der Mensch sich zurück in einem Zustand von Frieden und Urvertrauen. Es gibt nichts mehr zu verteidigen, nichts mehr zu bekämpfen. Man wird von nichts mehr getrieben, sondern fühlt sich stattdessen gezogen, angezogen, von einer unermesslichen Kraft, die jenseits des Menschseins liegt. Es mag die höhere Intelligenz sein, Gott, die Liebe, die Ganzheit, der Spirit. Was auch immer im persönlichen Mythos liegt, diese Kraft zu benennen, von der der selbsttranszendierte Mensch fühlt, dass er von ihr beseelt ist. An dieser Stelle setzt ein Mitfließen oder Mitschwingen ein, ein Mitfließen mit dem Lebensstrom, der als Manifestation des Geistes angesehen wird, sowohl des eigenen Geistes als auch des höheren Geistes (spirit). Aus dem Zustand des Urvertrauens heraus wird dieser Manifestation in unendlichem inneren Frieden begegnet. Die Herausforderungen werden durchaus erkannt, aber immer wird nach dem Wozu gefragt, um die gegebene Situation dem erkannten Wozu gemäß intuitiv geführt zu veredeln. Das letzte Wozu in allem ist die innere Einstellung, die Haltung. In einem Sein im Urvertrauen und im inneren Frieden ist die Haltung der Würde einzunehmen das, was dem Menschen stets als Aufgabe gestellt zu sein scheint, die Menschlichkeit im Menschsein stets aufrechtzuerhalten und nach dem Guten, Wahren und Schönen in allem zu schauen.

Selbstliebe

Wenn der Antreiber von seiner Aufgabe befreit wurde, die Verwirklichung des Lebenssinns und die Selbstevolution von der Ungeduld überwachen, ja antreiben zu lassen, findet sich das innere Kind in einem Zustand wieder, den wir Selbstliebe nennen können. Es ist der zur Liebe zurückgekehrte Zustand, in dem die Anwesenheit der Liebe endlich gefühlt wird als ein Zustand, aus dem wir kommen. Hier treffen sich alle selbstregulatorischen Kräfte und balancierten Seinszustände in einem Grundgefühl, das sich für manches innere Kind wie immerwährende Ferien oder wie anhaltende Weihnachten oder eine andere Feierlichkeit anfühlen mag oder auch einfach wie ein innerliches Nachhausekommen. Es ist ein Ort des Einfach-nur-Seins, aus dem heraus sich alles entwickelt, was sich dem inneren Plan nach entwickeln soll. Man muss nichts weiter mehr tun als dem Leben die Freiheit geben, sich selbst zu entfalten, wie ein sich ausrollender kostbarer Teppich. Der Glaube daran, dass dieser Teppich fliegen kann, lässt ihn dann auch fliegen und wiederum hat man nichts weiter zu tun, als sich auf ihn zu setzen und eben zu fliegen. Aber es ist der fliegende Teppich, der uns fliegt. Nicht wir sind es, die danach streben müssen, sich Flügel wachsen zu lassen. Im Vertrauen gegenüber dem Teppich aber werden wir auf magische Art mit dem Teppich eins. Wir haben dann keinen Teppich, sondern sind der Teppich. Der Antreiber oder eher noch das innere Kind ist nun in der Lage, auf den Teppich zu warten und wenn er da ist, setzt es sich darauf und schaut von oben auf das Land hinunter, um nur noch dort zu landen, wo es etwas Lohnendes erblickt hat, das der Erfahrung wert sein könnte. Ganz souverän selektiv geht das innere Kind jetzt mit der Auswahl um, denn da ist kein “ich muss” mehr in ihm, sondern nur noch ein “ich darf”. Dieses “ich darf” wird getragen von einem Gefühl, dass die Liebe wirklich anwesend ist, und zwar in uns als Wir. Das ist die Ferienstimmung oder ein anderes feierliches Gefühl oder das Nachhausegekommensein als Grundgefühl.

Werte

Der Begriff “Werte” unterteilt sich zunächst in zwei Kategorien: Einstellungswerte und schöpferische Werte. Die Einstellungswerte betreffen die innere Haltung, eben die persönliche Einstellung zum Leben. Sie stehen hier auf der Yin-Seite. Die schöpferischen Werte betreffen das rationale Sprechen und Handeln, das etwas in der Welt hervorbringt. Sie stehen hier auf der Yang-Seite. Die beiden Wertkategorien zusammen bilden den inneren Erwachsenen, den Verstand oder die mental-rationale Bewusstseinsebene. Als dritte Kategorie des Daseinssinns haben wir mit dem (erlösten) inneren Kind die Erlebniswerte, Werte also, die Erfahrung, Begegnung, Genuss, Kreativität und Lieben umfassen. Ein vollständiges Dasein strebt danach, alle Wertkategorien zu verwirklichen und im letzten Sinn, einem schicksalhaft notwendigen Leiden gegenüber die persönliche Einstellung der Humanität, die humanistischen Werte also, unbedingt aufrechtzuerhalten und nicht zurück zu verfallen in Schattenaspekte seines Daseins.

Ich finde es ganz wichtig, dass erwachsene Menschen rationales Verhalten von gefühllosem Verhalten unterscheiden können. Oft wird ein Verhalten nämlich als rational bezeichnet, das in Wahrheit nur empathielos, in der Regel auch selbstempathielos ist. Aber bloße Gefühllosigkeit ist noch keine Rationalität, so wie bloße Harmoniesucht noch keine Diplomatie ist und wie bloßes Ignorieren auch noch keine Toleranz ist. Als konkretes Beispiel würde ich gerne die Situation anführen, dass man etwas aushält, in dem man sich absolut unwohl fühlt, in der ungünstigen Situation aber verharrt, weil man äußeren Zwängen unterliegt oder zu unterliegen meint. Manchmal ist es ein Abwägen einer Konsequenz gegen eine andere Konsequenz. “Ich trage lieber diese negative Konsequenz des Aushaltens hier (und verwirkliche damit einen Einstellungswert, z. B. den der Akzeptanz) statt die andere negative Konsequenz zu tragen, die meine Opposition bedeuten würden.” Und so hält man es aus, sich das unverschämte Gerede seiner Exvermieterin anzuhören, weil man eben das Haus loswerden will und zwar schnell, verbittet sich bei aller Akzeptanz aber neurotische und respektlose Grenzüberschreitungen. Alles okay damit. Solche Situationen gibt es und wenn man die Entscheidung bewusst abwägt und trifft, sind es eben Situationen, in denen man mal die Faust in der Tasche macht, die Erfahrung überlebt, integriert und an ihr wächst. Im Idealfall. 

Es gibt aber auch sehr viele Situationen, in denen nichts zu gewinnen ist und die Menschen harren aus Konventionalität aus: “Das gehört sich so”; “Man kann doch nicht…”. Unnötig lange Arbeitszeiten, womöglich noch als unbezahlte Überstunden, ohne dass ein Sinn in der spezifischen Tätigkeit der Abendstunden erkennbar wäre während Menschen, die einem wichtig sind, zuhause warten und vernachlässigt werden. Ausharren in Gesprächssituationen, die langweilen, nerven und alles andere als inspirierend sind. Das Ausgebeutetwerden durch Familienmitglieder, denen gegenüber man sich verpflichtet fühlt, obwohl Respekt, Dankbarkeit und Kooperation gänzlich fehlen. Ich glaube, der Beispiele genügt es. Das Verharren in diesen Situationen wird als rational deklariert, aber wenn man nach dem dahinterstehenden Wert fragt, der hier angeblich verwirklicht wird und wie dieser Wert auch auf einen selbst angewandt wird – “liebe deinen Nächsten wie dich selbst” – dann erntet man eher die Antwort: “Nee, aber das Leben ist ja nun mal kein Ponyhof und irgendwer muss es ja machen.” Das ist nicht rational, sondern empathielos, ja gefühlskalt. Es ist durchaus nicht emotionslos, denn die Emotion ist irgendeine Form der Angst, aus der heraus der Mensch sich nicht gestattet, sich selbst mitfühlend wahrzunehmen, seine Grenzen zu erkennen und zu respektieren und sich selbstfürsorglich zu verhalten.

An dieser Stelle jetzt würde ich das Glossar gerne noch um die Begrifflichkeiten der Dreiecksseiten (Yin und Yang) erweitern, die Einstellungswerte und die schöpferischen Werte. Denn das Erschreckende ist doch, dass wir mit den Begriffen zwar von Kindheit an bombadiert werden, sie also durchaus in verschiedenen Kontexten hören, oft auch als Forderung an uns “Akzeptier es doch einfach!”, “Kannst du nicht mal etwas dankbarer sein?”, “Ich verlange Respekt und Loyalität!”, dass wir sie aber selten an uns selbst erleben und sie für uns auch nicht systematisch mit Inhalt gefüllt werden. Welches Kind erlebt schon am eigenen Leib echte Toleranz, um zu erfahren, was sie ausmacht und wie sie sich anfühlt? Toleranz würde bedeuten, dass man als Kind etwas Befremdliches sagt oder tut (der Aspekt des Fremdseins ist notwendig, um Toleranz überhaupt relevant zu machen) und man erfährt, dass man in seinem Fremdsein dennoch angenommen wird. Es gibt wundervolle Ausnahmen, aber die gewöhnliche Reaktion dürfte wohl die sein, dass die mit der Fremdartigkeit konfrontierten Erwachsenen das kindlich befremdliche Verhalten, wenn nicht sogar die Kinder selbst zu korrigieren versuchen, sie beschämen oder sie ignorieren. Toleranz aber würde sich so verhalten: “Ich würde gerne verstehen, wie du es siehst. Erzählst du mir davon?” Und dann entsteht Offenheit und der Wille, wirklich zuzuhören der Fremdartigkeit gegenüber, die an sich fremdartig bleiben darf und dennoch ihren Wert und ihren Platz in der Gemeinschaft hat.

Wenn ich einen Erwachsenen nach seinem Wertekanon frage, dann erlebe ich öfter, dass derjenige gar nicht weiß, was denn zur Auswahl steht als dass er zum Beispiel sagen könnte: “Ja, ich stehe für die Freiheit ein” und auch sinnvoll ausführen könnte, was das für ihn bedeutet. 

Also darum zur Ergänzung und Abrundung hier die Begriffe an den Dreiecksseiten.

Anerkennung und Lernen

Lernen, heißt es, geschieht ja ein Leben lang. Eine Mentalität zu haben, die das Lernen und die Weiterbildung nicht nur als notwendiges Übel ansieht, sondern als Lust empfindet, bringt das Lernen auf eine rationale Ebene, veredelt die Notwendigkeit zu lernen also, hebt sie aus dem Angstbesetztsein empor: zu lernen, um sich verändern zu können, zu lernen, um flexibel zu bleiben, zu lernen, um Wachstum zuzulassen und zu befördern, zu lernen, um Chancen ergreifen zu können, zu lernen, um sich selbst zu verwirklichen, zu lernen aus Freude am Lernen. Es ist aber notwendig, dass sowohl die Lernanstrengung als auch der Lernerfolg von einem selbst (und im Fall von Kindern von Erwachsenen) anerkannt wird. Diese Anerkennung dessen, was schon alles geschafft wurde und was demnach bereits als Kompetenz vorliegt, wird zugleich zur Ermutigung einem Menschen gegenüber, auch in schwierigen Situationen zum Lernen bereit zu sein. Einem Arbeitsplatzverlust gegenüber könnte der Wert der Anerkennung und seine Konsequenz der Lernbereitschaft höchst relevant sein, insbesondere dann, wenn es diesen Arbeitsplatz in Zukunft überhaupt nicht mehr gibt, weil er in Zukunft digital bedient wird oder die Branche geschlossen wird. Gerade dann könnte die Anerkennung der bisherigen Lebensleistung zu jener Ermutigung werden, die Kraft gibt, sich dem Lernen von Neuem erneut zuwenden zu können. Hier würden im schicksalhaft notwendigen Leid des unabänderlichen Arbeitsplatzverlusts der Einstellungswert der Anerkennung und der schöpferische Wert des Lernens verwirklicht.

Präsenz und Urteilsvermögen

Präsenz ist ein Einstellungswert, den ich direkt der emotionalen Intelligenz zuschreiben würde, noch vor der Empathie, denn sie liegt der Empathie zugrunde. Es geht um das wirkliche Hiersein, im Moment sein, anwesend sein. Es geschieht zu viel Leid aus Unachtsamkeit, wobei die Achtsamkeit schon die sehr intensive und vertiefte Präsenz wäre. Die Wirkung des eigenen Sprechens und Handelns zu beobachten und mitzubekommen, was die eigenen Aussagen mit anderen machen, gehört zur Präsenz. Präsent zu sein aber heißt auch, jenseits der eigenen Befindlichkeit in der Situation zu erkennen, was wirklich geschieht und was eben auch nicht geschieht. Die Präsenz lässt die Projektionen, Übertragungen und Zuschreibungen beiseite und sei es nur für einen Augenblick. Sie lamentiert nicht herum, was eigentlich sein sollte oder früher immer war, sondern nimmt klar zur Kenntnis, was jetzt ist. Dabei werden Tiere nicht vermenschlicht und Menschen nicht zu anderen Menschen gemacht, die sie gar nicht sind, Emotionen werden nicht zugeschrieben und Selbstbilder werden nicht künstlich stilisiert, aber die Dinge werden auch nicht schlechter gemacht als sie sind. Der Satz “das war schon immer so” bleibt aus und “so bin ich nunmal” hat Urlaub und “das kann ja nicht gut gehen” wird gestrichen. Aus echter Präsenz, dem wirklichen Wahrnehmen einer Situation erwächst ein Urteilsvermögen, das pure Angemessenheit hervorbringt. Anstelle von Genörgel, von Schuldzuweisung und von unangemessenem Verhalten, vor allem jenem, das sabotierend die Situationen noch verschlimmert und erschwert, wird zum Beispiel beherzt zugegriffen, wenn etwas herunterfällt, wird die Tür aufgehalten (was über die Höflichkeit hinaus zuerst mal mit der Präsenz zu tun hat einen anderen Menschen überhaupt wahrzunehmen), wird ein Gruß erwidert, selbst wenn man von ihm überrascht wurde und wird auch dem anderen Menschen Raum zugestanden, indem bemerkt wird, wann der andere sich äußern möchte. Man bewundert an so einem Menschen dessen Reaktionsschnelligkeit oder dessen Schlagfertigkeit oder dessen Einfallsreichtum oder dessen Aufmerksamkeit. Das alles sind Konsequenzen der Präsenz, zu der ein Mensch automatisch fähig wird, wenn er seine Verletzungen, Wunden, Blockaden, Konditionierungen und hemmenden Glaubenssätze integriert hat, mit denen Menschen zu oft von sich sagen, dass sie nicht bei sich sind. Nur wer bei sich ist, kann auch bei einem anderen sein. Dann ist der Mensch frei von Masken und Gefängnissen, frei davon, sich um sich selbst zu drehen, frei, um wirklich in seinem Leben anwesend zu sein und lebendig teilzunehmen und die Erlebniswerte Begegnung, Erfahrung, Kreativität, Genuss, Lieben zu verwirklichen. 

Respekt und Konsequenz

Respekt und Wertschätzung werden als Begriffe der persönlichen Einstellung anderen Menschen gegenüber in der Regel zusammen benannt. Wenn man jemanden wertschätzt, respektiert man ihn automatisch und Respekt setzt Wertschätzung voraus. Vor jemandem keinen Respekt zu haben heißt, dass man seinen Wert nicht sieht oder dem anderen den Wert sogar abspricht (was natürlich eine Projektion des eigenen Wertlosigkeitsempfindens ist). Aus der Selbstwertsicherheit heraus kann ich jemanden respektieren, selbst wenn ich mit seinem Verhalten nicht einverstanden bin, mich also nicht bei ihm seiend fühle. Wir sagen vielleicht “ich bin da nicht bei dir, aber ich akzeptiere deine Meinung und respektiere deine Person.” Es ist aber im Grunde ein gemeinsamer Wert: Jemanden zu respektieren heißt, ihn zu wertschätzen, seinen Wert zu erkennen und anzuerkennen vielleicht auch jenseits seines Tuns. 

Die Konsequenz kann allerlei sein. Wenn ich einen Menschen als ganzes wertschätze, werde ich ihm Zeit widmen wollen. Wenn ich die Leistung eines anderen Menschen wertschätze, werde ich sie angemessen ausgleichen. Wenn ich ein Beziehungsengagement wertschätze, werde ich meinen eigenen Beziehungsbeitrag ebenso leisten, möglicherweise, indem ich im gemeinsamen Haushalt einen eigenen Aufgabenbereich übernehme oder mich hilfsbereit zeige oder indem ich eigene kreative Beiträge zur Beziehungs- und Zeitgestaltung einbringe. Die Selbstwertschätzung, die als zweiten Begriff die Selbstachtung oder eben den Selbstrespekt beigeordnet bekommt, kann als Konsequenz eine Abgrenzung erforderlich machen, insbesondere der menschlichen Tendenz gegenüber, die Mitmenschen ungefragt ins eigene Drehbuch hineinzuschreiben und ihnen ungewollte Rollen zuzuweisen. 

Zur Wertschätzung kann auch ein Blick in die Vergangenheit gehören, mit der man eine Lebensleistung, vielleicht eine Leistung im eigenen Leben, wie in der Kindheit zum Beispiel, wertschätzt und dabei akzeptiert, dass die Möglichkeiten der Werteverwirklichung vielleicht begrenzt waren. Die Wertschätzung bemüht sich darum, anzuerkennen, dass jeder unter gegebenen Bedingungen sein Bestes gegeben hat, den Wert des Lebens zu verwirklichen. Sie übernimmt es aber selbst, das Notwendige zu tun, damit das, was nicht gut gelaufen ist, aufgearbeitet, geheilt und integriert werden kann, ohne es dem anderen als Schuld aufzuladen. Denn die Wertschätzung erkennt über eben diese Einstellung auch den Wert negativer Erfahrung und ihrer Integration, das Hineinwachsen nämlich in die persönliche Integrität, das keineswegs durch ein Leben ohne Leid erfolgen kann. Stattdessen wachsen wir am wertvollen Umgang mit dem Leid, dem Umgang mit dem Leid also, das an den Werten ausgerichtet ist oder sie in uns aktiviert, wie sich der grundlegende Wert der Menschlichkeit angesichts von Notlagen aktiviert, weil er erst dann eine Notwendigkeit erhält.

Empathie und Fürsorge

Zur Empathie oder zum Mitgefühl ist ein Mensch fähig, wenn er die eigenen Gefühle ebenfalls wahrnehmen kann und sie darum kennt. Jemand, der weiß, wie man sich in bestimmten Situationen fühlt wird leichter Mitgefühl aufbringen als jemand, dem eine Situation völlig fremd ist. So sagen Männer manchmal, dass sie den Schmerz einer Frau, die eine Fehlgeburt erlitten hat, nicht nachvollziehen könnten. Andererseits können sich Frauen, die nicht gebärt haben, sehr wohl in den Verlustschmerz hineinversetzen. Es geht also nicht um die exakte Situation, die exakt so erfahren sein muss, damit Empathie möglich ist. Zur Empathie gehört auch das Abstraktionsvermögen plus die unbedingte Präsenz für den Menschen. Dabei ist nicht das Mitleiden gemeint und es ist nicht notwendig, hochsensibel zu fühlen, was der andere fühlt. Vollempathen sind eher selten untern den Menschen vertreten. Für die Empathie genügt es aber, sich vorstellen zu können, was im Anderen vorgehen könnte, sich hineinversetzen zu können, man nennt es auch mentalisieren, und dann die richtigen Fragen zu stellen, bis man verstanden hat, was den anderen bewegt. Verstehen zu wollen ist das Ziel der Empathie. Empathische Fragen zu stellen ist bereits Teil der Yang-Kraft zur Empathie, Teil der Fürsorge. Die richtigen Fragen kann man nur stellen, wenn man sich auf den anderen ganz einlässt, ihn ganz erfasst in seiner Vollständigkeit, ihn nicht reduziert (zum Beispiel auf nur den Körper oder nur die Psyche oder nur die Seele), sondern den Menschen als Ganzes wahrnimmt. In der Medizin wäre Empathie sehr, sehr wünschenswert.

Die Fürsorge gerät dann automatisch angemessen, das heißt dem entsprechend, was auch wirklich gebraucht wird und nicht demgemäß, was man zufällig anzubieten hat: “Ich hab noch Bananen und es ist mir egal, ob du Bananen nicht magst und Appetit auf Äpfel hast. Nimm jetzt Bananen!” So eben nicht, wenngleich es durchaus der Empathie entspricht zu sagen: “Leider kann ich dir nur Bananen anbieten. Wenn du lieber Äpfel möchtest, müsstest du weiter schauen”. Echte Fürsorge stellt die Frage komplett offen “Wie kann ich helfen?” und überlässt dem erwachsenen Selbst des anderen, aus der Selbstempathie und der Selbstfürsorge heraus zu formulieren, was das ist, was er braucht. So wird der andere nicht zum hilflosen Kind degradiert, sondern bleibt kompetenter, selbstempathischer und selbstfürsorglicher Teilnehmer am kooperativen Geschehen. Die kooperative Haltung auf beiden Seiten sorgt ihrerseits dafür, dass sich Fürsorgeangebot und Fürsorgenachfrage fruchtbar treffen.

Akzeptanz und Authentizität 

Und das zweite Wertepaar, das hierher gehört, ist Großmut und Großzügigkeit. Das zweite Paar ist nur enger und konkreter gefasst als das erste. Die Akzeptanz meint, genau wie die Großmut, dass man Bedingungen so annimmt, wie sie sind. Und zwar die eigenen Bedingungen wie die Bedingungen anderer. Hier entsteht oft das Missverständnis, dass Akzeptanz bedeuten müsse, dass man das Verhalten anderer und die Bedingungen, unter die dieses Verhalten uns setzt, hinnehmen und mittragen müsse. Das allerdings hat, im Fall, dass uns diese Bedingungen nicht gut tun oder auch einfach uns nicht entsprechen, nichts mit Akzeptanz zu tun, sondern könnte zu einem Fall von Co-Abhängigkeit werden. Man ließe sich in dem Moment vom Anderen in dessen Drehbuch hineinschreiben und würde die zugewiesene Rolle des Gegenpols spielen, was jenseits von Authentizität angesiedelt wäre. Die Bedingungen des Anderen zu akzeptieren heißt aber nur, dass man ihn lassen kann, dass man ihn nicht verändern will, dass man stehen lassen kann, was der Andere sagt, was für ihn möglich ist und was bisher noch nicht möglich ist und welche Erfahrungen er machen möchte. Wenn wir die Aussage erhalten, dass jemand zum Beispiel nichts gegen seine Sucht unternehmen will, nichts dafür tun will, sein Leid zu beenden (falls es kein schicksalhaft notwendiges, also unveränderbares Leid sein sollte), dass er nicht (mehr) kämpfen möchte, vielleicht sogar aufgeben möchte, dann ist es ein Akt der Liebe zu sagen: “Wenn das deine Entscheidung ist, kann ich das akzeptieren.” Akzeptieren könnte ein Gehenlassen bedeuten, ein Loslassen oder auch ein Unterstützen und Mitkämpfen, falls der andere sich für die Anstrengung entschieden hat. Im nächsten Schritt muss mit der gleichen Haltung sich selbst zugehört werden: “Kann ich diese Bedingungen mittragen? Will ich das?” 

Wenn die Bedingungen, denen der andere uns durch seine Entscheidung aussetzen würde, für uns leidvoll wären, bedeutet Akzeptanz, die Bedingungen jeder Partei anzuerkennen und möglicherweise eine Konsequenz zu ziehen, bei der sich niemand verstellen muss. Gute Miene zum bösen Spiel zu machen, wäre keine Akzeptanz gegenüber den eigenen Bedingungen, den eigenen Gefühlen gegenüber also, die das Spiel als böse empfinden, und es wäre kein authentischer Selbstausdruck, weil die gute Miene aufgesetzt und vorgespielt wäre. Authentizität setzt voraus, dass ich zu den Bedingungen innerlich Ja sagen kann, vielleicht sogar trotz allem Ja sagen kann. Dann ist das Lächeln echt, ist die Freundlichkeit echt, ist die Hilfsbereitschaft echt und die Fürsorge, die ich jemandem zukommen lasse ist ebenfalls echt. Auch die Geschenke und die Umarmungen fühlen sich dann echt an, liebevoll bedacht und aus der Fülle kommend. Diese Zuwendungen fühlen sich automatisch nicht so an, als würde man durch sie in einen Zustand versetzt, in dem man dem anderen etwas schuldet. 

Akzeptanz ist das Gleiche wie Bedingungslosigkeit, wenn man versteht, dass Bedingungslosigkeit nicht meint, keine Bedingungen zu haben, sondern meint, alle Bedingungen als gleichwürdig und gleichermaßen gültig zu akzeptieren und also die Erfüllung der eigenen Bedingungen nicht zur Bedingung für eine Interaktion zu machen, wohl aber auf eine Interaktion zu verzichten, wenn die eigenen als notwendig erachteten Bedingungen nicht erfüllt werden können. Jemanden zu verlassen heißt demnach nicht, ihn und sein Leben nicht zu akzeptieren, sondern es heißt ganz im Gegenteil, beider Menschen Lebensbedingungen zu einem authentischen Dasein auf der Basis von Integrität vollständig zu akzeptieren. Die Räume werden getrennt, damit jeder seine Bedingungen leben kann.

Toleranz und Rücksichtnahme

Toleranz und Achtsamkeit sind innere Haltungen, Einstellungen gegenüber dem Leben an sich, die miteinander verschmelzen. Die Achtsamkeit ist notwendige Voraussetzung, um tolerant sein zu können. Achtsamkeit geht tiefer als der Wert der Präsenz. Ihn umschwebt zusätzlich eine meditative, vielleicht sogar eine grundsätzlich therapeutische Haltung. Jemand, der achtsam zuhört, lauscht dem anderen auf eine Art, die mehr als nur ein Hinhören ist. Das Ziel der Achtsamkeit ist nicht nur, die offenbare Information zu erfassen, sondern auch die noch nicht offenbare Botschaft. Dazu wird auf den Subtext geachtet, auf die Aura eines Menschen und die Energie einer Situation. Hochsensible Menschen sind begnadet achtsame Menschen, wenn sie ihre Schatten integriert und ihre Gaben aktiviert haben. 

Toleranz wird als Wert dem Fremdartigen zur Seite gestellt. Gerade dem Andersartigen oder Fremdartigen, also dem von der eigenen Anschauung unterschiedenen gegenüber ist die Achtsamkeit und die aus ihr resultierende Toleranz derjenige humanistische Wert, der die Dreiecksfläche des inneren Friedens und darüber den äußeren Frieden möglich macht.

Der schöpferische Wert zum mentalen Wert der Toleranz ist die Rücksichtnahme, die tätige Toleranz also. Hier wird im spirituellen Jargon auch gerade das Nicht-Tun eingesetzt, das heißt, dass jegliches Missionieren und Verändernwollen ausgesetzt wird zugunsten einer absoluten und unbedingten Rücksichtnahme dem Andersartigen gegenüber. Ob das Andersartige dabei integriert oder assimiliert wird oder neben dem schon Gewohnten und Bekannten eigenständig stehen bleibt, hängt von den Zielen der Beteiligten ab, die jeweils meditativ lauschend geklärt werden müssen. So würde Rücksichtnahme im Modus der Toleranz fragen: “Ich kenne deine Denkweise nicht, aber würdest du mir davon erzählen? Mir ist deine Lebensweise ungewohnt, aber kann ich sie kennenlernen?” Indem der andere dann entweder erzählt oder uns teilhaben lässt, sind wir aufgefordert, den Wert der Toleranz und Achtsamkeit zu verwirklichen, indem wir teilnehmende Beobachter sind, aber keinesfalls Veränderer oder gar Verbesserer.

Freiheit und Evolution

Der Wert der Freiheit ist der höchste menschliche Wert. Und der Wert der (Selbst-)Evolution ist seine schöpferische Entsprechung jenseits einer biologistischen Vorstellung von Anpassungszwang und sinnloser Zufälligkeit. Der spirituell-schöpferische Evolutionsbegriff sieht in der Anpassung eine auf innerer Freiheit basierende Entscheidung, selbst wenn sie unbewusst gefällt wird. Das Aussterben würde aus spiritueller Sicht eine gleichwertige freiheitliche Entscheidungsalternative darstellen wie auch die Selbstbehauptung oder die Entscheidung zur Dominanz und zur Überlegenheit.

Im Wert der Freiheit gehen alle anderen Werte auf, sind also in ihm verwirklicht, wenn Freiheit verwirklicht ist. Es gibt keine Freiheit ohne Toleranz, ohne Akzeptanz, ohne Mitgefühl, ohne Respekt, ohne Präsenz und ohne Anerkennung gegenüber anderen Lebewesen und gegenüber sich selbst. Wird einer der mentalen Werte missachtet, ist die Freiheit bereits eingeschränkt. Zur Anwendung käme also nicht der Freiheitsbegriff nach Kant, mit dem die eigene Freiheit an der Freiheit des anderen endet, sondern der Freiheitsbegriff nach Sartre, mit dem die eigene Freiheit die Freiheit des Anderen miteinschließt. Ich kann nur frei sein, meint die sartresche Philosophie, wenn ich auch für die Freiheit der Anderen sorge.

Der schöpferische Wert der Selbstevolution umfasst dementsprechend alle anderen schöpferischen Werte. Im Menschen ist es angelegt, dass er im Laufe seines Lebens alle schöpferischen Werte aufsucht und zur Verwirklichung bringt. Der schöpferische Wert der Evolution meint diesem Freiheitsbegriff gemäß nun gerade nicht das Streben nach Veränderung und Verbesserung und Optimierung und das Vorantreiben in allen möglichen Kategorien von Fortschritt bis Wachstum, und es meint auch nicht mal notwendigerweise Überleben, sondern dieser schöpferischer Wert der Evolution, insbesondere der Selbstevolution, zielt auf das innere Werden, Wachsen, Herausbilden und Bewusstwerden gegenüber dem eigenen Wert, verkörpert in den verkörperten Werten und das Erkennen, dass die Verwirklichung dieses menschlichen Wertseins an sich der Sinn des Lebens ist. Es geht nicht um Fortschritt und Wachstum womöglich an Macht und Reichtum, sondern es geht ums Wertsein. Das Unbewusste weiß um diesen Sinn, weshalb ein als sinnlos empfundenes Leben, in dem der Mensch seinen Wert nicht erkennt und fühlt, in die Depression führen kann und ein als wertlos empfundenes Sein den größten Schmerz auslösen kann. Sobald man erkennt, dass alles Material und alles Tun nur Mittel sind, um Wert zu offenbaren, der schon als anwesend angenommen wird, werden alle Mittel und wird alles Tun der Freiheit unterstellt: Diese Mittel oder dieses Tun sind ebenso gültig wie jene Mittel und jenes Tun, denn der Sinn liegt jenseit von konkreten Mitteln und konkretem Tun. Die Freiheit liegt darin, jeglichem Tun diesen Sinn selbst zu verleihen.

Zu bedenken ist, dass Freiheit und Evolution, indem sie auf die Verwirklichung von Werten zielen, sogar in der größten äußeren Unfreiheit und bis zuletzt möglich sind. Von Camus ist die Idee ausgearbeitet worden, dass der mythologische Sisyphus in seinem Gefangensein und mit seiner scheinbar sinnlosen Tätigkeit, ewig einen Stein den Berg hinaufrollen zu müssen, der sofort wieder den Berg hinunterrollt, dennoch ein glücklicher Mensch sein kann. Es kommt auf seine Haltung an, die er nun gerade in der äußeren Unfreiheit erst zur letzten Vervollkommnung bringen kann, indem er sich in der äußeren Unfreiheit die innere Freiheit zugesteht, dem scheinbar Sinnlosen einen Sinn zu verleihen. Er verleiht ihm Bedeutung durch seine Haltung und freigewählten Bewertung, der er die Konsequenz eines würdevollen oder würdelosen Umgangs mit dem Situationsgegenstand folgen lässt. Sisyphus sieht den Sinn in seinem Tun in der Bewegung an sich, weil Bewegung den Stillstand und damit den Tod überwindet. So berichten Holocaustüberlebende von Menschen, die in der größten menschlichen Katastrophe der Geschichte trotz allem der Humanität den Vorrang gegeben haben, selbst wenn Freiheit und Evolution nur im Teilen eines letzten Stücks Brot oder eines aufbauenden Wort des Trostes inmitten größter Trostlosigkeit verwirklicht wurden. Im Verwirklichen des humanistischen Wertes fand Selbstevolution statt, die ihrerseits zum Vorbild für Evolution wurde. In dem Fall wurde aus der inneren Freiheit heraus gewählt, sich eben nicht anzupassen, nicht ums eigene Überleben zu kämpfen, sondern das menschliche Wertsein konsequent zu verwirklichen. Das Wertsein des Menschen und aller Lebewesen wird als gegeben angenommen, die Anwesenheit der Liebe also in der Welt, und Freiheit und Selbstevolution arbeiten darauf hin, diese Anwesenheit für so viele Menschen wie möglich spürbar zu machen, letztendlich also die Liebe zu verwirklichen. 

Posted on 20. Juli 2019 in Die Drama-Dreiecke