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Empathie und die Falle der Grenzenlosigkeit

Erinnert sich noch jemand an Dirk V., den Mann, der den Toten am Lageso erfunden hatte? Einfach so, hieß es im Januar 2016 in der Presse. Und er selbst gab zu Protokoll, er sei betrunken gewesen und völlig erschöpft. Aber eigentlich geht es Dirk V. um den Frieden. Und um nichts weniger als das.

Um den Frieden geht es auch vielen der ehrenamtlichen Helfer, die man in 2015 stark und in 2016 in stark abflauender Zahl bundesweit im Einsatz erleben konnte. Der Artikel im Tagesspiegel vom 27.1.2016 zitiert stellvertretend drei Personen, die sich – aus einer distanzierten Sicht heraus – übermäßig eingesetzt haben. Sie sind, wie so viele andere Helfer auch, mit ihrem persönlichen Einsatz über ihre Grenzen gegangen. Sie haben sich verausgabt, haben ihre Arbeit vernachlässigt, ihre Freunde, sich selbst. Sie haben die Sorgfaltspflicht sich selbst gegenüber vernachlässigt. Sträflich vernachlässigt. “Ich kannte meine Grenzen nicht”, soll Dirk V. dem Tagesspiegel gegenüber erklärt haben, und so ging er in seinem Einsatz für Andere so sehr über seine ihm unbekannten Grenzen, dass er sich in seiner Wohnung zum Schluss nicht mehr bewegen konnte. Dort lebten geflüchtete Menschen, die er auf der Straße kennengelernt hatte. Die Menschen und ihre Not. Er nahm sie auf und versuchte, ihre Not zu lindern, setzte seine Empathie und seine Kreativität dafür ein, bis seine Wohnung zusätzlich voller Sachspenden war und seine Handynummer so im Umlauf, dass er nachts angerufen und um Hilfe gebeten wurde.

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Warum eigentlich nicht?

Im Tagesspiegel wird eine junge Frau zitiert, die auf die potenzielle Unterstellung eines Helfersyndroms zur Antwort gibt, es sei vielleicht einfach, sie für bekloppt zu erklären, aber sie frage sich, warum die Menschen bei ihr nach einem Fehler suchten, statt bei sich selbst anzufangen. Und den Fehler, den sie bei den Anderen sieht, ist deren Nichthelfen. “Kommt doch einfach her und helft uns!”, soll sie laut Presseartikel gesagt haben.

Was ist an dieser Antwort so irritierend? Dass sie keine Antwort auf die Frage ist, sondern nur das Problem verschiebt. Wo bei einigen Menschen zu viel Empathie gefühlt und grenzenlos ausgelebt wird, ist bei anderen zu wenig Empathie erlebbar. Die Verständnislosigkeit, die der Helferszene in den Jahren 2015/16 entgegen schlug mag ein Ausdruck mangelnder Empathie gewesen sein und der Ausdruck des Mangels galt denen, die halfen und auch denen, die Hilfe erhielten. Das aber ist ein anderes Problem unserer Gesellschaft und es hängt nur indirekt mit der Frage zusammen, weshalb einige Menschen – auch wenn es derer tausende gewesen sein mögen – sich beim Helfen völlig verausgabten.

Noch habe ich mit keinem der Helfer konstruktiv über das Phänomen sprechen können, aber durchaus mit denen, die Hilfe erhielten. Und von jener letztgenannten Seite traf mich in einem Kommunikationsworkshop, der zum Ziel hatte, Missverständnisse zwischen den Erwartungen auf beiden Seiten auszuräumen, ein Satz, der mich aufhorchen ließ: “Eigentlich braucht ihr uns doch für euch selbst.” Eine junge Syrerin sagte uns auf den Kopf zu, sie spüre, dass wir Helfenden gar nicht sie als Mensch und nicht sie persönlich meinten mit unserer Wohltätigkeit, sondern in Wahrheit uns selbst. Wir würden helfen, sagte sie, um uns gut zu fühlen und das wiederum könnte sie spüren.

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Im Raum herrschte für einen Moment ein verständlicherweise geschocktes Schweigen und dann folgte an einigen Stellen ein Nicken. Einige von uns verstanden, was die junge Frau meinte. Andere nicht. Aber das war in Ordnung. Ob man etwas in diesem Moment verstehen kann oder will, hängt von so vielem ab. Es kann sein, dass mit etwas Abstand besser verstanden werden kann, was jetzt für impertinent und ungerechtfertigt gehalten wird.

Aber was genau hat die junge Frau, die im übrigen für eine Gruppe von Heimbewohnern aus Berlin-Friedenau sprach, uns eigentlich genau gesagt? Ich muss nicht spekulieren, denn sie führte ihre Wahrnehmung, unterstützt von den anwesenden männlichen Syrern, selbst aus. “Ihr überschlagt euch damit, uns Kleidung zu bringen und Essen zu verteilen, mit den Kindern zu spielen und Sprachunterricht zu geben und das alles. Aber ihr seht uns nie an. Ihr macht das alles und seid sehr beschäftigt, aber ihr habt keine Zeit für uns.”

Eine andere Syrerin sagte mir kurz nach Weihnachten, dass die Weihnachtspäckchen für sie und ihre Familie völlig überflüssig gewesen seien. Aber das sei auch normal, sagte sie. “Ihr kennt uns ja gar nicht.”

“Und woher solltet ihr uns auch kennen?”, sagte mir ein Syrer an anderer Stelle, “das ist ganz normal.”

Die junge syrische Workshopteilnehmerin forderte im Kontext der Frage: “Was wünscht ihr euch von uns?” sehr direkt: “Das ihr weniger für uns arbeitet und stattdessen mit uns redet. Ihr braucht gar nicht so viel für uns zu tun. Wir können uns mit dem, was alles da ist, gut selbst helfen. Wir haben immerhin tausende von Kilometern unter schlimmen Bedingungen überlebt und hier ist ja alles organisiert und zivilisiert, auch wenn manches für uns sehr chaotisch und anstrengend ist. Aber wir kommen zurecht.”

Und doch sprach sie von Unterstützung, die sie sich wünsche, und zwar nicht, indem wir etwas für sie täten, sondern indem wir uns mit ihr auseinandersetzten. “Hört uns zu und lasst uns euch von uns erzählen.” Indem wir zuließen, sagte die junge Frau, dass wir einander kennenlernten, würden wir ihnen wirklich helfen.

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Und warum passiert das nicht? Weil das nicht unsere Vorstellung von Helfen ist. Wenn wir uns mit jemandem gemütlich zum Tee hinsetzen und für ein oder zwei Stunden einfach da sind, fühlt sich das nicht wie Arbeit an. Es ist vielleicht nicht mal anstrengend. Es ist keine Mühe. Also ist es keine Hilfe.

Das Gleiche gilt für die Zahl der Menschen, denen man mit einer Aktion helfen kann. Von den ehrenamtlich Deutsch Lehrenden hörte man im Umfeld der überheizten Klassenräume einer Notunterkunft in Berlin-Schöneberg immer wieder, es kämen nur fünf oder sechs Leute zum Unterricht und das lohne sich nicht. Von den afghanischen und syrischen Deutsch Lernenden hörte man zur gleichen Zeit, dass es ihnen mit fünf oder sechs Leuten im Raum schwer falle, sich zu konzentrieren. Sie würden sich schämen. Sie seien diese Art zu lernen nicht gewohnt. Sie trauten sich nicht, Fragen zu stellen oder etwas auszuprobieren.

Und da sind wir im Kern der Antwort, im Auge des Sturms, der eigentlich in uns wütet. Wir wollen helfen. Und wir wollen nützlich sein. Manche von uns opfern sich dafür auf. Das ist das Phänomen, das dahintersteckt, wenn wir über unsere Grenzen gehen. Die wir im Übrigen meistens sehr wohl ziemlich gut kennen. Wir ignorieren sie aber, wofür wir unbewusst gute Gründe haben.

Die Aufopferung kann die Form der Selbstausbeutung annehmen und sie kann bis zum Märtyrertum gehen. Dahinter wieder kann alles Mögliche an unbewussten Mustern stecken. Am Ende aber sind es Glaubenssätze, die individuell verschieden lauten mögen, aber im Kern die Botschaft enthalten:

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“Ich kann nur geliebt werden, wenn ich nützlich bin.”

“Ich muss zuerst geben, um nehmen zu dürfen.”

“Wenn ich viel für andere tue, werde ich vielleicht so geliebt werden, wie ich es verdiene.”

Glaubenssätze stammen aus unserer Kindheit. Das Interessante ist: Unsere neuen Mitbürger kennen sie auch. In meiner Arbeit als Schreibtherapeutin ist zuzuhören und schriftlich zu kommunizieren genaus das, was ich tue und womit ich – arbeitend – ihren Bedarf treffe. Dabei erfahre ich, dass junge Syrer und Afghanen, männliche und weibliche, genauso getrieben sind, wie wir Deutschen es von uns kennen. Sie übernehmen zwei oder drei Schichten, um zu dolmetschen, reisen quer durch die Republik, um fremden Landsleuten bei Behördengängen und Anwaltsbesuchen beizustehen, sind immer zur Stelle, wenn Unterstützung gebraucht wird. Sie begleiten Schwangere zum Arzt und in Krankenhäuser und wenn sie Glück haben, werden sie mit einem Euro pro Stunde dafür bezahlt. Meistens haben sie kein Glück, aber dann beklagen sie sich nicht, weil das Wissen, nützlich gewesen zu sein, ihnen reicht.

Natürlich geschieht das nicht flächendeckend. Auf der deutschen Seite aber ereignet es sich letztlich auch nur punktuell, bezogen auf die Gesamtbevölkerung. Das Helfersyndrom geflüchteten Menschen gegenüber erwies sich auch da nicht als flächendeckendes Phänomen.

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Aber ging es nicht eigentlich um Empathie? Oder geht es um beides? Und da zugleich? Oder gibt es sogar einen Zusammenhang?

Mal sehen.

Glaubenssätze arbeiten in fast jedem Menschen. Der Zustand unserer Welt lässt darauf schließen, dass es nur wenige Menschen gibt, die nicht von Glaubenssätzen beherrscht oder zumindest von ihnen gelenkt werden. Nicht von Glaubenssätzen gelenkt zu werden, würde bedeuten, in jeder Situation aus einer klaren Präsenz heraus neu und individuell entscheiden zu können, was jetzt die richtige Handlungsoption ist. Solche Menschen sind mit sich im Reinen. Sie haben es geschafft, Gefühl und Verstand so miteinander zu verbinden, dass Glaubenssätze keine Macht über sie haben. Mit sich selbst im Reinen zu sein, hat nichts mit den Stammtischparolen zu tun, bei denen Menschen, die andere verachten, behaupten, sie seien damit im Reinen. Mit sich selbst im Reinen zu sein ist ein zutiefst friedfertiger Ausdruck. So ein Mensch kann andere gelten lassen wie sich selbst. Er kann andere akzeptieren wie sich selbst. Er liebt andere wie sich selbst. Und darum würde er nie über seine Grenzen gehen, denn er respektiert seine Bedingungen so gut wie die Bedingungen anderer und er sorgt für andere wie für sich selbst.

Und jetzt noch mal zur Empathie. Empathische Menschen nehmen die Gefühle anderer wahr. Sie können sich in Andere hineinversetzen und fühlen mit. Sie fühlen, was andere fühlen. Die Empathie gehört zur Wesensart der Hochsensibilität. Hochsensible nehmen über alle ihre Sinne mehr wahr als Normalsensible. Allerdings vermute ich, dass es auch empathische Menschen geben muss, die nicht hochsensibel sind, deren Wahrnehmung aus bestimmten Erfahrungen heraus besonders auf Empfang steht. Für Menschen, die in ihrer Kindheit seelisch verletzt wurden, mag das zutreffen. Und hier liegt eine mögliche Verbindung zwischen Empathie und Glaubenssätzen. Sind wir aus unserer Kindheit darauf gepolt, uns für das Wohlergehen Anderer verantwortlich zu fühlen, werden wir mit superfeinen Antennen, mit ganz selektivem Blick sofort erfassen, wenn jemand Hilfe brauchen könnte. Und schon sind wir zur Stelle. Die aus der Kindheit abgelegten Glaubenssätze versprechen uns: “Wenn du jetzt wieder hilfst, wird diesmal alles gut ausgehen und du wirst für deine Hilfe geliebt werden.” Die Empathie lässt uns fühlen, wo die Lücken entstehen, in die wir mit unseren Glaubenssätzen passen.

In meiner Google-Sammlung zur Hochsensibilität teilte ich vor kurzem ein Plakat von Happy Roots, auf dem es hieß, Empathie sei “die Fähigkeit zum Einfühlen und Nachempfinden der Erlebnisse und Gefühle Anderer, und das Nutzen dieses Verständnisses um ethisch und mitfühlend zu handeln.” Ich begleitete diesen Post mit meinem Kommentar, dass Hochsensible darin besonders gut seien, weil die Hochsensibilität Empathie möglich mache. Daraus ergäben sich Aufgaben für uns, schrieb ich. Einige Nutzer antworteten, wie schwer sie es mit der Empathie hätten, gerade dann, wenn sie nichts tun könnten und ihnen beim Helfenwollen die Hände gebunden seien. Ein User schrieb, zu Empathie sei in Wahrheit niemand fähig. Wir lebten alle nur in unserem Kopf und projizierten nur.

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Nun, das stimmt. Für die meisten Menschen. Für 80-85% der Menschen stimmt es. Der Normalfall ist der, dass wir von uns auf Andere schließen. Der Mutter ist kalt, also muss das Kind eine Jacke anziehen. Die Frau hat Hunger, also wird der Mann aufgefordert, etwas zu essen. Das hat nichts mit Empathie zu tun. Es ist vielmehr ein parallel zur Empathie existierendes Phänomen. Was nicht bedeutet, dass jene 80-85% der Menschheit, die als normalsensibel gelten, nicht empathiefähig wären. Ihre Empathie speist sich jedoch gewöhnlich aus ihrem Vorstellungsvermögen. Sie können Situationen nachvollziehen und können sich vorstellen, wie ihre Mitmenschen sich fühlen könnten. Vielleicht können sie es sich aus dem Grund vorstellen, weil sie selbst Erfahrung mit einer ähnlichen Situation haben, an deren Gefühle sie sich erinnern. Oder sie stellen sich vor, wie sie sich an dieser Stelle fühlen würden, würden sie sich in so einer Situation befinden. Das sagt nichts darüber aus, ob der Andere, der in die Situation Involvierte, tatsächlich so fühlt, wie sie es sich vorstellen. Hier stimmt der Satz: Wir leben nur in unserem Kopf.

15-20% der Menschheit aber sind hochsensibel. Für diese Menschen geht der Satz weiter. Sie leben in ihrem Kopf. Aber nicht nur. Sie leben auch in ihren Gefühlen. In ihrer Intuition. Sie leben in ihrem Mitfühlen mit Anderen. Und das ist nicht immer einfach.

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Wie aus den Kommentaren in Foren und Communities, in denen sich Hochsensible austauschen, hervorgeht, besteht die Unterscheidungsschwierigkeit in umgekehrter Richtung. Während normalsensible Menschen manchmal ihre eigenen Gefühle für die Gefühle anderer halten und sie ihnen versehentlich überstülpen, passiert es hochsensiblen Menschen, dass sie die Gefühle anderer für ihre eigenen halten und verwirrt sind. An dieser Stelle, spätestens, kommt die Frage nach der Abgrenzung auf. Muss sie aufkommen.

Wie mache ich das, fragen Klienten mich im Laufe ihrer Arbeit, dass ich die Gefühle Anderer bei den Anderen lasse? Ich fühle mich immer sofort verantwortlich, sagen sie. Ich will immer sofort etwas tun und helfen. Wie kann ich mit meinen Gefühlen bei mir bleiben? Und wie gelingt es mir folglich, meine Grenzen zu sehen, zu setzen und zu wahren, statt mich in fremde Dramen hineinziehen zu lassen?

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Zugegeben: Auch Hochsensible stehen nicht ständig auf Empfang. Auch ihnen passiert es, dass sie im Grunde nur von außen beobachten und ihre eigenen Gefühle der beobachteten Situation gegenüber auf die an der Situation beteiligten Personen übertragen. Und genau das sollten sie sich zunutze machen: Auch mal nicht auf Empfang zu sein, auch mal nur der Beobachter sein und das bewusst üben und dann bewusst einsetzen. So ist man der Situation gegenüber präsent, ohne involviert zu sein. Man ist in der Lage, die Bedürfnisse des Anderen zu erkennen, aber auch die eigenen wahrzunehmen.

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Hast du den Film “Die Wutprobe” gesehen? Eine Komödie aus dem Jahr 2003. Dave Buznik, gespielt von Adam Sandler, der einem erst nach seiner Metamorphose so richtig gefällt, ist ein höflicher, zurückhaltender Mensch. In den ersten drei Minuten des Films wird dem Zuschauer Daves Problem klar vor Augen geführt und dann von seiner Freundin Linda zusammengefasst: “Du musst lernen, dich durchzusetzen.” Man könnte es gleich mit dem Song ausdrücken, der sich leitmotivisch durch den Film zieht: Das Lied der Maria aus dem Musical West-Side-Story: “I feel pretty”. Der Chor der Mädchen, der Marias Liebe nicht wahrhaben will, charakterisiert Maria wie man Dave im Film auch erlebt: “Modest and pure, polite and refined, well-bred and mature, and out of her mind!” Bescheiden und rein, höflich und fein, und wohl-erzogen und vernünftig, und (jetzt gerade und ganz untypischerweise) von Sinnen. Maria aber widerspricht und Dr. Buddy Rydell, Daves Psychiater, gespielt von Jack Nickolson, versucht alles, um Dave auch dazu zu motivieren, endlich zu widersprechen. Dave aber ist vor allem sanftmütig und umso komischer wirkt seine richterliche Verurteilung zu einer Aggressionsbewältigungstherapie bei Dr. Rydell.

Dr. Rydell spricht dann von Selbstbetrug und von verdrängten Gefühlen,von Verzögerungstaktiken und Selbstsabotage und provoziert Dave mit allen möglichen Schikanen. Gegen nichts begehrt der gute Dave auf. Dave bleibt höflich und kooperativ und sehr konziliant und deklariert sich selbst als geduldig. Das ist seine Erklärung dafür, dass er kein einziges Mal stopp sagt. Dr. Rydell aber kontert: “Hütet euch vor dem Zorn des geduldigen Mannes!” Und schikaniert und provoziert weiter.

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Zum Song von “I feel pretty” kommt es, als Dave durch Buddys Provokation viel zu spät dran ist, um es noch rechtzeitig zur Arbeit zu schaffen. Natürlich kommt Dave nie zu spät – aber vor lauter Panik, jetzt zum ersten Mal zu spät zu kommen, überfährt er eine rote Ampel. Pure und ungesunde Aggression, befindet Buddy Rydell und zieht mitten auf dem Highway die Handbremse. In die Zwangsstille hinein verordnet er ein Stück Musiktherapie. Dave muss den Song “I feel pretty” singen und soll dabei das Kunststück vollbringen, das Hupen und die Beschimpfungen der durch ihn nun erheblich behinderten Verkehrsteilnehmer zu ignorieren. Und Dave singt. Man ahnt, dass er nicht nur Probleme mit dem Singen an sich hat, sondern auch mit dem Inhalt des Textes. Woran Dave im Leben vor allem zweifelt, ist seine Schönheit. Und Schönheit steht für Selbstwert. (Im Film wird beides symbolisch an einem für Männer prägnanten Körperteil festgemacht.) Ständig vergleicht er sich mit Anderen und hält die Anderen insgeheim für besser: besser geeignet, besser aussehend, besser ausgestattet. Jeder ist besser als er, weshalb jeder über Daves Grenzen gehen darf und es schon immer durfte. An einer Stelle des Films, als er in der Figur der völlig neurotischen Candra mit seinem eigenen Schatten des Minderwertigkeitskomplexes konfrontiert wird, versucht Dave instinktiv selbst mit dem Song zur Deeskalation beizutragen: “Du bist sehr aufgebracht. Sollen wir ein Liedchen singen? Kennst du I feel pretty?” Aber die aufgebrachte Candra, die sich für hässlich, fett und unattraktiv hält, wirft nur mit Muffins nach ihm und schmeißt ihn raus.

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Dave aber hat bereits den Unterschied zwischen ungesunder Aggression und gerechtem Zorn gelernt, wie Dr. Rydell triumphierend zu Protokoll gibt. Jetzt konnte er den Unterschied noch einmal selbst erfahren: Die Dame erging sich in ungesunder Aggression. Dave erreicht das Haus seines Psychiaters im Zustand von gerechtem Zorn und lernt jetzt noch, seinen Zorn auch zu vertreten. Für den Film muss natürlich alles klamaukhaft komisch zugehen, aber dem Zuschauer wird doch klar, dass sich hier gerade ein Mensch von alten und einschränkenden Mustern emanzipiert.

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Dr. Rydell konfrontiert Dave sogar mit dem Ursprung allen Übels: der gelernten Hilflosigkeit, die mit einem als übermächtig empfundenen Widersacher aus der Kindheit zusammenhängt. Der Widersacher von damals ist heute ein buddhistischer Mönch, aber die Aggression brodelt noch unter seiner Mönchskutte. Es kommt zu einer, von Dr. Buddy Rydell inszenierten, Prügelei, bei der alle Heuchelei aufgedeckt wird. Daves innere Haltung verschiebt sich in Richtung Marias Song: “I feel pretty, oh so pretty, that the city should give me it’s key, a committee should be organised to honor me.” Jetzt fühlt er seine innere Schönheit in Form von Selbstwert und Stärke. Er ist zum ersten Mal für sich eingestanden und findet in der nachfolgenden Szene sogar zu seinem ihm ganz eigenen Humor. Zu Humor gehört Souveränität und Authentizität.

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Am Ende stellt sich heraus, dass Dr. Buddy Rydell doch nicht irre, sondern ein Genie ist und dass seine Patienten unter seiner irren Führung erreichen, was in der Regel überfällig war: Sie werden erwachsen. Und zwar nicht äußerlich, nicht ablesbar an Job, Karriere, Heiratsantrag und daran, dass sie ihren Bürgermeister erkennen, sondern innerlich. Die Instanz des inneren Erwachsenen tritt auf den Plan und übernimmt die Führung. Diese Instanz ist präsent und nimmt wahr, was um sie herum geschieht und was das, was geschieht, mit dem Menschen macht. Der innere Erwachsene sieht das innere Kind oder: Der Verstand verbindet sich mit dem Gefühl, die Vernunft mit den Affekten. Der Mensch ist nicht weniger als in seinem höheren Selbst. Er übernimmt Selbstverantwortung. Er definiert sein Ziel, wägt seine Optionen ab und handelt konsequent. So jemandem mag die Beförderung immer noch vorenthalten bleiben, denn niemand hat die Macht, das Verhalten Anderer zu kontrollieren, aber er wird nicht länger das Opfer der Verhaltensweisen Anderer bleiben. Warum nicht Konsequenzen ziehen, wenn der Chef die Arbeitsleistung nicht wertschätzt? Wie auch immer diese Konsequenzen individuell aussehen mögen. (Hast du den Film: “Kill the boss” gesehen? – Kleiner Scherz. Natürlich…) Bei Dave ist es ein klärendes Gespräch, oder sagen wir mal ein “klärendes” “Gespräch”. Es ist immer noch ein Klamauk-Film.

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Bei Dirk V. hatte es damals ein klar kommuniziertes Stopp sein können. Zuerst ein innerliches, das von einer erwachsenen Instanz hätte zur Kenntnis genommen werden wollen. Und dann ein äußerliches. Bei Dirk V. hätte der innere Erwachsene die Not des inneren Kindes rechtzeitig gesehen, wäre er denn zur Stelle gewesen, und hätte vielleicht zunächst einige kritische Fragen an sein Inneres gerichtet, die damit zu tun gehabt hätten, zu erfahren, welche Motivation dem übermäßigen Helfenwollen eigentlich zugrunde liegt. Was steckt dahinter?, hätte der innere Erwachsene, hätte die Vernunft, hätte der Verstand vielleicht gefragt und so wäre die Vernunft, der Verstand, der innere Erwachsene vielleicht zum inneren Therapeuten geworden. Es hätten Narben und Muster aus frühester Kindheit ans Licht kommen können, die mit einer viel zu großen Verantwortung zu tun gehabt haben mögen, vielleicht auch mit Liebe, die nur unter Auflagen und Bedingungen zu haben war oder mit einem Scheitern, für das sich das Gefühl von Schuld eingeschlichen hatte. Vielleicht. Vielleicht hätte der innere Therapeut auch etwas ganz Anderes erfahren.

Was auch immer er erfahren hätte, er hätte sich schützend vor die kindliche Instanz gestellt, die da völlig unachtsam über ihre Grenzen gegangen ist. Er hätte dem Kind von damals imaginativ beigestanden und hätte ihm, dem Kind, versichert, dass er, der Erwachsene, für die Gegenwart jetzt da sei. Er werde jetzt die Führung übernehmen, hätte der innere Erwachsene versprochen und er hätte es auch gehalten. Denn die Energie der emotionalen Emanzipation hätte dem äußeren Erwachsenen Dirk V. inmitten seiner überquellenden Wohnung zur Verfügung gestanden. Und vielleicht hätte der innere Rebell, jene kindliche Instanz, die vermutlich an dieser Stelle ihr Unwesen getrieben hat, in seiner Not keinen Toten vor dem Lageso erfinden müssen, um sich Gehör zu verschaffen. Vielleicht hätte dieser Rebell sich ganz als Individualist ausdrücken dürfen, der die Welt auf seine Art sieht und einen Weg zum Frieden findet, den er für alle zum Vorbild geht. Für die Anderen sorgend, aber sich selbst dabei nicht vergessend. Das Mitgefühl hätte gesagt: Wir müssen helfen, wir spüren doch ihre Not und die Vernunft hätte geantwortet: Ja, und zwar…und hier ist eine Grenze…und hier ist der Andere auch selbst kompetent, eine Lösung für sich zu finden…und hier ist ein Limit erreicht…  und hier muss ich auch für mich sorgen, denn ich brauche Pausen und Schlaf und ich muss Geld verdienen und meine Wohnung ist kein Luxus, sondern mein Rückzugsort. Meine Gesundheit ebenfalls. Und mein seelisches Gleichgewicht liegt mir am Herzen. Kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Ohne für mich zu sorgen kann ich auch für Andere nicht mehr da sein.

Illustration: Christiane Rösch

Illustration: Christiane Rösch

Dirk V. sagt, er habe den Absprung geschafft, über diese unsägliche Geschichte mit dem erfundenen Toten. Kam dann endlich der innere Erwachsene auf den Plan, als das innere Kind laut genug geschrien hatte, so dass es endlich gehört wurde? Auch wenn man einwenden mag, dass die Erfindung zunächst wie die des inneren Kindes anmutet? Aber das wäre nur unsere Bewertung. In Wahrheit wurde zunächst einmal eine Notbremse gezogen. Das ist alles.

Über die Autorin:

Der Artikel wird in den Communities „Eulennest“ auf google+ und „Hochsensibilität als höchste Form von Intelligenz“ auf Facebook diskutiert. Für die Facebookgruppe braucht es bei Interesse bitte eine PN an die Autorin.

Posted on 30. Dezember 2016 in Hochsensibilität im Alltag

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