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Einführung in die Anthropologie der Drama-Dreiecke

Einführung in die kleine Anthropologie der Humanität basierend auf dem aristotelischen Drama-Dreieck

Das Drama-Dreieck

Von Aristoteles ist uns mit seiner “Poetik” um 335 v. Chr. eine Abhandlung über die Funktionsweise von Dichtkunst und ihren Gattungen, insbesondere der des Dramas auf der Bühne, überliefert worden. Zwar liegt uns heute nur die Poetik der Tragödie vor und nicht die der Komödie, aber der Begriff Drama umfasst beide Kategorien, Tragödie und Komödie. Das Dramatische bezieht sich auf die Erzählstruktur, die einem klaren dramatischen Spannungsbogen folgt, der wiederum der Entwicklung der erzählten Figur entspricht. So liegt uns sowohl Aristoteles Beobachtung vor, dass das Geschehen auf der Bühne die Emanzipation einer Figur von ihren Schatten darstellt, als auch, dass diese Darstellung einen reinigenden, ja therapeutischen Effekt auf den Zuschauer hat, indem er sich selbst in seinen inneren Konflikten durch die Handlung und die dargestellten Affekte der Figuren gespiegelt sieht. Der Zuschauer kann sich über das Bühnengeschehen selbst reflektieren. Aristoteles nannte den Effekt “Katharsis” und meinte damit die Abfuhr der Affekte, indem der Zuschauer sich mitfühlend, ja mitleidend sogar mit den auf der Bühne dargestellten Emotionen identifizieren konnte.

Zugleich berufen sich bis heute versierte Erzähler auf den aristotelischen Spannungsbogen und das Entwicklungs- oder Drama-Dreieck, das zugrunde legt, dass eine Figur nur dann dreidimensional erscheint, wenn sie sowohl in ihren Schattenseiten als auch in ihren erlösten und harmonischen Aspekten auserzählt wird. So wurde von Aristoteles beobachtet, dass eine gute Tragödie den Helden an seinem Ausgangspunkt immer zuerst in Schwierigkeiten hinein schickt, dass der Lösungsversuch an seinen eigenen Schatten scheitern muss, bis er sich über eine im Innern eingeleitete Wende, die sich im Außen als Überraschung und Hilfe manifestiert der Lösung zuwenden kann. Wichtig: Sie manifestiert sich im Auftauchen eines Helfers oder Mentors und wird nicht von diesem herbeigeführt. Erst muss der Schüler bereit sein und dann erscheint der Lehrer.

Von Aristoteles ließ sich über alle kanonisierten Meisterwerke der Weltliteratur (mit eurozentristischem Blick) hinweg bis zum Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung feststellen, dass wir leben wie wir erzählen oder erzählen, wie wir leben, während manche Autoren und Philosophen sogar behaupten, wir lebten, um zu erzählen oder erzählten, um zu überleben. Aristoteles nennt diese Idee „Mimesis“, Nachahmung von Lebenswirklichkeit. Jede Erzählgattung, egal ob Epos, Theater, Gesang, Tanz oder bildende Kunst ahme Wirklichkeit nach und das sei der Grund, weshalb die Menschen Freude an ihr hätten. Über die Kunst sei die Bildung des Menschen zum Menschen möglich. 

Aristoteles benennt die Teile des Dramas wie folgt: „Diese Teile sind Mythos, Charaktere, Sprache, Erkenntnisfähigkeit, Inszenierung und Melodik. Die Mittel, mit denen nachgeahmt wird, sind zwei; die Art, wie nachgeahmt wird, ist eine; die Gegenstände, die nachgeahmt werden, sind drei; und darüberhinaus gibt es nichts” (Aristoteles: “Poetik”).

Und so fand, mit C. G. Jung, Aristoteles Eingang in die Psychologie, wobei im Grunde festgestellt werden kann, dass die Erzählkunst und die Psychologie das Gleiche sind. Deshalb findet die Anwendung von Erzählelementen über Märchenanalysen bis zur Idee der Bibliotherapie oder eben dem therapeutischen Schreiben nach C. G. Jung einen starken und erfolgreichen Ansatz in jener psychotherapeutischen Praxis, deren Ziel es ist, über den Weg der Emanzipation von den Schatten alle Entwicklungsreihen der Individuation abzuschließen. 

Es lohnt sich also, die aristotelische Drama-Dreiecksstruktur in ihren jeweils für die Menschheit relevanten Plots (Aristoteles verwendet den Begriff des Mythos), wie wir sie in den Märchen vorfinden zu betrachten, um liebevoll zu überprüfen, an welcher Stelle der großen Reise zwischen Angst und Liebe wir jeweils stehen und welche Aspekte von unseren erlebten Konflikten berührt sind. Das heilende Element ist meiner Beobachtung nach, noch stärker als es das Verstehen über die Identifikation mit dem Helden verspricht, die Aussicht auf das in den Schatten gebundene Potenzial der Erlösung. Wenn wir die Dreiecksstruktur kennen und uns beim Nörgeln ertappen, können wir uns selbst sofort liebevoll zuflüstern, dass es keinen großen Grund zur Aufregung gibt. Der innere Erwachsene erklärt dem inneren Kind, dass im Nörgeln immerhin seine tiefe Weisheit und Lebendigkeit gebunden ist und dass man jetzt nur noch schauen muss, was sie im Moment noch gebunden hält und wie sie befreit werden kann. Auch Anderen gegenüber erleichtert die Kenntnis der Drama-Dreiecke eine wohlwollend akzeptierende Haltung, wenn wir in der plumpen Provokation das innere Kind des Anderen erkennen und wissen, wie wir ihn, allein durch unsere Intention, auf der Erwachsenenebene ansprechen und so mitfühlend aber dringend auffordern können, die Verantwortung für sein inneres Kind zu übernehmen. Weil wir alle Elemente der Dreiecke kennen, also auch der Dreiecksseiten, wissen wir, dass wir Verantwortung ebenso für unser eigenes inneres Kind tragen und Grenzen setzen und Konsequenzen ziehen können, dürfen und sollten, wenn der andere Erwachsene sich partout nicht in der Lage sieht, die Verantwortung für seine Affekte zu übernehmen. Das verhindert, dass wir gegen unseren Willen in sein Theaterstück hineingeschrieben werden – heute würden wie Drehbuch oder Skript dazu sagen.

Das aristotelische Drama in der Variante der Tragödie zeigt uns den wahrscheinlichen Ausgang für einen Helden, der sich tragisch unbelehrbar zeigt. Aber auch der verlachte Held der Komödie hat es zunächst schwer, wenn die restlichen Figuren ihm unerbittlich den Spiegel vorhalten, bis er zur Emanzipation von seinen Ängsten und Neurosen bereit ist, die sich in Geiz (Molière: Der Geizige) oder in Hypochondrie (Molière: Der eingebildete Kranke) oder in Misanthropie (Molière: Der Misanthrop) oder einem der anderen Schattenaspekte manifestieren. Die Komödie immerhin hält das gute Ende bereit, wie wir es zumeist auch in den Märchen finden. Aristoteles selbst unterscheidet die Gattungen Komödie und Tragödie hinsichtlich des von der Dichtung nachgeahmten Gegenstandes: „Die Komödie sucht schlechtere, die Tragödie bessere Menschen nachzuahmen, als sie in der Wirklichkeit vorkommen“ (Aristoteles: „Poetik“).

Über Märchen

Ein kleines Wort zu den Märchen. Ich habe mir eine Gesamtausgabe der Grimms Märchen aus dem Dörfler Verlag zugelegt, nachdem ich die Reclam-Sammlung von ihrem winzigen Format her nicht mehr leiden konnte, mir das Lesen im Internet keinen Spaß mehr gemacht hat, ich den Kindle für Märchen irgendwie nicht feierlich genug finde und die Textausgabe von Philip Pullman als textliche Katastrophe empfinde. In den Rezensionen zu diesem Märchenbuch hier wird von Eltern kritisiert, dass es sich hier sprachlich und inhaltlich um die Originalversionen der Märchen handele – die Originalversionen letzter Hand, die man so den Kindern nicht vorlesen könne. Außerdem sei das Buch nur sehr sparsam illustriert. Alles Pluspunkte für das, was wir mit den Märchen vorhaben, nämlich, sie zur Selbstreflexion zu verwenden und sie darin als kultureller Speicher voller Weisheit zu verstehen.

Während meines Studiums in Augsburg hatte ich im Rahmen verschiedener Seminare zur Kinderliteratur mit der damaligen Präsidentin der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur zu tun, die ihrerseits ein großer Märchenfan war. Sie plädierte im Unterricht den angehenden Grundschullehrern gegenüber dafür, den Kindern die Märchen unbedingt im Original zuzumuten. Sie sagte, von der Entwicklungspsychologie her sei es so, dass der kindliche Geist selbst filtern könne, was er schon aufnehme und begreifen könne und was nicht. Eine These, die übrigens von Jean Liedloff aus ihren Beobachtungen der Kindheit im Volk der Yequana-Indianer bestätigt wird, in der Kinder niemals von erwachsenen Unterhaltungen ausgeschlossen werden.

Der Punkt ist aber, so lehrte es uns ein von der Präsidentin und Seminarleiterin engagierter Märchenerzähler, dass es in den Märchen auf absolut jedes Wort ankäme. Während der Märchenerzähler uns beibrachte, wie man Märchen frei vorträgt und uns keine einzige Schluderei durchgehen ließ, kam ich in meiner Märchenforschung zum Aschenputtel-Märchen, über das ich meine Magisterarbeit geschrieben habe, darauf, dass die Märchen ja nun keineswegs vom Himmel gefallen sind. Von den Brüdern Grimm wurden die Märchen gesammelt, das ja, aber deren Leistung geht weit über die reine Fleißarbeit des Sammelns hinaus. Es liegen uns Märchen erster bis letzter Hand vor, die zum Teil erhebliche Veränderungen durchlaufen haben. Die Leistung der Brüder Grimm bestand durch eine saubere komparatistische Arbeit darin, die Essenz der Märchen zu erfassen, indem sie die Märchen zu Märchentypen zusammenfassten, die Motive auch international verglichen und dann durch eigene sprachliche Bearbeitungen gerade jenem von ihnen erfassten Geist zum Ausdruck verhalfen. In den aufgeschriebenen Märchen letzter Hand steht kein einziges Wort zufällig und darum kann es auch unmöglich verändert werden, wie Pullman es versucht hat, um die Märchensprache zu glätten und dem heutigen Sprachgebrauch anzupassen. Gerade weil die Märchen so dicht sind, müssen wir sie Wort für Wort respektieren und dürfen sowohl in den Volksmärchen als auch in den Kunstmärchen, von denen die meisten auf den Stoffen und Motiven der Volksmärchen basieren, davon ausgehen, dass es keine Zufälle gibt.

Kunstmärchen sind übrigens solche Märchen, die von nur einem Autor stammen. So ist das Märchen „Aschenputtel“ zwar ein Volksmärchen, die französische Version „Cinderella“ aber eine Version aus Charles Perraults Feder. Er passte die Märchen dem Geschmack der Pariser Salons des 17. Jahrhunderts an, hatte als Autor also eine klare Intention. Noch weiter weg von den Volksmärchen, dennoch aber erkennbar von ihnen inspiriert ist Hans Christian Andersen, dessen Texte ganz literarisch gelesen werden müssen.

Die Anthroposophie basierend auf dem aristotelischen Drama-Dreieck

Was ich mit dem aristotelischen Drama-Dreieck nun unternommen habe, ist die Synthesenbildung. Ich verbinde das Dreieck mit den Kernpunkten möglichst vieler verschiedener Philosophien und Psychologien und komme so in der Ausgangssituation zu einer Darstellung von sieben Dreiecken, die unsere Grundängste und deren Potenziale abbilden. Die sieben Grundängste stehen mit unseren Grundbedürfnissen als Menschen in Verbindung, indem die Ängste sich auf die Grundbedürfnisse beziehen. Der Mensch hat Angst, die Grundbedürfnisse nicht befriedigen zu können.

In der Psychologie werden gewöhnlich nur vier Grundbedürfnisse benannt. Wenn man es aber genauer betrachtet, wird nur die Zahl vier benannt, aber durchaus mehr Grundbedürfnisse. So werden die Grundbedürfnisse nach Kontrolle, nach Lusterzeugung und Schmerzvermeidung, nach Selbstwertsicherung und nach Bindung von eins bis vier durchnummeriert. Gesprochen wird aber auch noch über die Konsistenz als Grundbedürfnis, über die Transzendenz und über die Autonomie. Da diese drei Grundbedürfnisse aber auf die ersten vier verweisen, werden sie gewöhnlich nicht als eigenständig betrachten. Das sollten sie aber. Denn selbst wenn zum Beispiel die Prokrastination (der Schatten der Autonomieverletzung) durch eine Verknüpfung in den ersten vier Grundbedürfnissen entsteht, stellt er dennoch auch ein eigenes Lebensthema dar. Ja, es stimmt, dieses Lebensthema kann nicht erlöst werden, ohne, dass man sich die Verknüpfung anschaut, aber allein die Auflösung der Verknüpfung löst es eben auch nicht vollständig. Wenn wir jetzt schon mal in Dreiecken denken, dann müsste man es so sagen, dass die Dreiecke fünf, sechs und sieben immer mit den Dreiecken eins bis vier zusammen betrachtet werden müssen, dass sie aber auch einen eigenen zu betrachtenden Wert darstellen. Besonders im sechsten Dreieck, dem Dreieck der Hochsensibilität und Medialität wird das deutlich. Einem hochsensiblen Menschen kann sehr geholfen werden, wenn seine Selbstsicherheit, sein Selbstbewusstsein, sein Selbstwertempfinden und sein Selbstvertrauen gestärkt wird (Dreiecke eins bis vier), aber damit ist ihm nicht abschließend geholfen. Der Schatten der Hochsensibilität ist ein ganz eigener. Er basiert auf der Angst vor Verletzung und diese Angst bezieht sich auf die Integrität der Seele. Hier muss ein Urvertrauen hergestellt werden, das in einem Kontext von Transzendenz steht. Überschritten werden muss das rein materialistische Denken hin zu einer Öffnung dem Numinosen gegenüber, dem Absoluten. Zur Erlösung der Hochsensibilität, was etwa 20 Prozent der Menschheit betreffen soll, müssen wir also in die Spiritualität hinein, sonst wird keine innere Arbeit vollständig wirksam werden. 

Im fünften Dreieck lässt sich diese Sichtweise ebenso aufrollen. Das fünfte Dreieck ist das Dreieck der Manifestation und der Phänomene. Hier verweisen alle Arten von Symptomen darauf, dass in den ersten vier Grundbedürfnissen etwas nicht integriert ist, dass es hier Defizite gibt. Wir erleben uns und andere als nicht authentisch, wenn wir Inkonsistenz zwischen unserer Essenz und unserer Existenz fühlen. Wir sagen dann: Unser Lebens ist nicht echt oder es entspricht nicht unserer Wahrheit und meinen damit, dass wir etwas Essenzielles verdrängt haben und stattdessen etwas leben, das nicht zu uns gehört. Auch hier müssen also die Themen der Grundbedürfnisse eins bis vier bearbeitet werden, aber das fünfte Dreieck hat auch seinen eigenen Wert, indem wir hier nach dieser Konsistenz fragen können, nach dem konkreten Phänomen an Leben nämlich. Wir befragen dann das Phänomen auf seine symbolhafte Bedeutung hin.

Sieben Dreiecke

So komme ich also auf sieben Dreiecke. Sie bewegen sich in der Darstellung von den Dreiecksgrundseiten von den Urängsten –  

Angst, nicht gut genug zu sein, nicht zu genügen,

Angst vor Lebendigkeit und zugleich Angst davor, nicht lebendig zu sein,

Angst, wertlos zu sein,

Angst, vor dem Alleinsein und Verlustangst,

Angst vor Mangel,

Angst vor Verletzung,

Angst davor, den eigenen Lebenssinn zu versäumen 

über die beiden Dreiecksseiten der erwachsenen Potenziale, die zu unseren Charakterstärken werden, aufgeteilt auf unsere Anima und unseren Animus – 

Ermutigung / Lernen,

Präsenz / Urteilsvermögen,

Wertschätzung / Konsequenz,

Empathie / Fürsorge,

Akzeptanz / Authentizität,

Achtsamkeit / Rücksichtnahme,

Freiheit / Selbstevolution

hin zur Dreiecksfläche einer ausgeglichenen Integrität in den individuellen Ressourcen – 

Selbstsicherheit,

Selbstbewusstsein,

Selbstwertsicherheit,

Selbstvertrauen,

Selbstgewissheit oder Konsistenz,

innerer Frieden im Urvertrauen,

Stabilität und Souveränität in der Selbstliebe.

In der Dreieckspitze finden sich bei einem vollständig entwickelten Lebensthema die charismatischen Fähigkeiten – 

Genialität,

Heilkraft,

Schöpferkraft,

telepathische Fähigkeit,

Manifestationskraft,

Medialität,

Autorität.

In einem letzten Schritt verlässt man das Dreieck im persönlichen Wirksamwerden in der Welt mit seinen charismatischen Fähigkeiten über die gelebten Archetypen, die man in sich fühlt und die das persönliche Warum oder die Kraft zu leben darstellen. Hier schließen sich die Märchen an und bilden eine Reflexionsgrundlage für diese Archetypen des Menschseins. Sowohl für die Märchenanalyse als auch für die Archetypen habe ich hier in Classroom eine eigene Kategorie angelegt und mit Texten befüllt.

Die Leserichtung des Drama-Dreiecks

Mit einem Blick von oben lässt sich ein Dreieck an sich zunächst so lesen: 

Was das Leben so schwierig macht, was Angst auslöst und Schmerz verursacht, ist das Hineingeworfensein in die beiden polaren Kräfte aus Raum und Zeit. Wir müssen es etwas spirituell denken und die Idee der Seele und auch der Reinkarnation miteinbeziehen. Demnach sind wir Seelen, die einen Körper haben, über den die Seele sich erfahren kann. Unser Körper und unser Geist werden von unserem Seelenlicht beseelt. Wir tragen die vollen Anlagen aller zwölf Lebensprinzipien in uns, aktivieren aber nur das, was wir für die Entwicklung unseres Bewusstseins gegenüber unserer Seele für diese Inkarnation brauchen. So kann nicht jeder alles, weil er es gar nicht braucht, alles zu können. Es ist also durchaus nicht jeder Mensch auf irgendeine Art medial begabt und die Begabung hängt nicht von der spirituellen Entwicklung ab, sondern vom seelischen Erfahrungsbedürfnis. Aber was man braucht, damit sein ganz persönliches Leben gelingt, davon kann man ausgehen, dass es auch da ist. Es muss nur aktiviert werden und dazu muss es oft zunächst vom Staub des Verdrängtseins befreit werden. Das ist der Mythos, den ich meiner Arbeit zugrunde lege. Man kann aber psychologisch auch von der Arbeit profitieren, wenn man diesem Mythos nicht folgt. Im nicht inkarnierten Zustand erfährt die Seele demnach keine Begrenzung, während die Konstruktion von Raum und Zeit innerhalb der Inkarnation als Projektionsfläche für die Erfahrung dient, die die Seele sich zu machen vorgenommen haben mag.

Solange das Bewusstsein, das Ich, das Ego oder das Schattenkind die beiden Komponenten Raum und Zeit als limitiert und limitierend oder sogar als bedrohlich empfindet, versucht das Ego sich gegen diese Begrenzung zu wehren. Es leistet aktiven oder passiven Widerstand, denn es fürchtet, dass es ihm unter dieser Limitation nicht gelingen wird, das noch nicht verwirklichte Selbst und damit die innerste Wahrheit der Identität, zu offenbaren. Das ist seine größte Angst: die Selbstverwirklichung zu versäumen. Alle anderen Ängste unterstehen dieser großen Urangst. Aber es ist eine Angst des Egos. Die Seele weiß, dass sie ihr Seelenziel nicht versäumen kann. Darum geht das Ego den beiden ungewohnten limitierenden Komponenten Raum und Zeit gegenüber in den Widerstand, und Widerstand verursacht Schmerz. Immer. 

Man könnte das Dreieck an sich jetzt ungefähr so lesen, dass in den Aktivpolen gegen die Zeit gekämpft wird, während in den Passivpolen gegen den Raum gekämpft wird. Nicht gegen Zeit und Raum an sich, sondern gegen die empfundenen Limitationen.

In den beiden philosophischen Jugendromanen von Michael Ende “Momo” und “Die unendliche Geschichte” wird vom Kampf und vom Ende des Kampfes gegen diese beiden Größen erzählt. Die “grauen Herren” (Momo), die die Zeit stehlen und als Repräsentanten moderner Energievampire zum Pol der Aggression gehören, können besiegt werden, indem man rückwärts geht, den Widerstand also aufgibt, die Eile unterlässt und sich nicht in das Drehbuch der Hektiker hinein schreiben lässt. Die “Sümpfe der Traurigkeit” (Die unendliche Geschichte), die das Nichts repräsentieren, der als nicht beherrschbar empfundene Raum, der sich als Leere darstellt, werden dagegen dadurch überwunden, dass Phantásien gerettet wird, also die Imaginationsfähigkeit und Vorstellungskraft zur Gestaltung des Raums wieder zur Verfügung steht.

Die Überwindung der Polarität Raum und Zeit besteht also darin, Raum und Zeit nicht als Gegensatz zu sich selbst oder als Kampfansage des Lebens, sondern als hilfreiche Konstruktion anzunehmen. Es ist eine Konstruktion des Denkens und des Bewusstseins und es dient der Strukturierung der Unendlichkeit, damit Relativität entsteht und Erfahrung überhaupt stattfinden kann. Denn gestaltet werden kann nur ein definierter Raum und nur eine definierte Dauer hält Entwicklung bereit, nicht aber ein unendlicher Raum und unendliche Zeit. Zumindest gilt das für jene Erfahrung, um die es am Ende geht: über die Materie aus Raum und Zeit das Selbst zum Ausdruck zu bringen. Alles, was keine Deadline hat, wofür also unendlich viel Zeit zur Verfügung zu stehen scheint, wird in der Regel unendlich lange verschoben, also nicht in den eigenen Raum aufgenommen – bis es zu spät ist. Darum raten Zeitmanagementexperten immer wieder, die Aufgaben in kleine Einheiten von Raum und Zeit zu unterteilen, Raum und Zeit also zu definieren, um die so definierten Einheiten dann Schritt für Schritt bearbeiten zu können.

Wenn man in den Dreiecken eine Etage höher geht, auf die intuitive oder integrative Ebene des inneren Erwachsenen, dann ist die Aufgabe der Anima, die wir hier in den Texten Yin nennen, immer wieder, dem Ich oder dem inneren Kind die Angst zu nehmen, sein Raum werde beschränkt oder er sei zu ausgedehnt und er sei darum zu klein oder zu groß und nicht gestaltbar. Yin hat über alle Dreiecke hinweg die Aufgabe, das Kind zu beruhigen, es immer wieder in seinen Garten zu führen, den zu erfahren das Bewusstsein sich vorgenommen hat, und dem inneren Kind zu erklären: 

Je kleiner der Raum und je geringer der scheinbare Bewegungsspielraum, desto intensiver die Erfahrung. Wag dich vor, komm aus deinem Versteck und bespiele deinen Raum so gut du kannst. Und wenn er dir zu groß erscheint, dann brich ihn herunter.

Zugleich hat der Animus, den wir hier in den Texten Yang nennen, über alle Dreiecke hinweg die Aufgabe, das aufgeregte und zur Eile drängende innere Kind zu beruhigen und ihm zu sagen: 

Deine Zeit ist vorab von dir selbst bemessen worden. Sie wird reichen bis alle Erfahrung gemacht ist, die du dir für diese Inkarnation vorgenommen hast. Du musst dich nicht beeilen, selbst wenn du keine Zeit zu verschwenden hast, weil du bedenken musst, dass du sterblich bist. 

Folglich muss das innere Kind sich weder hilflos zurückziehen, aus Angst vor dem Raum, den es meint, nicht beherrschen zu können (= Deprivation), noch muss es die Menge pro Zeiteinheit, die geleistet, an sich gerafft oder angehäuft werden könnte, zu maximieren versuchen (=Aggression). Es kann in der Dreieckmitte einfach sein und in Ruhe und Balance seine Erfahrung machen. Es wird darum gehen, diese Dreieckmitte zu maximieren, indem die Dreieckspitzen möglichst gleichmäßige Aufmerksamkeit erhalten. Die Schatten werden immer wieder konsequent gegen die erwachsenen Potenziale ausgetauscht und die charismatische Fähigkeit stetig kultiviert. Dabei wird das innere Kind, um der Erfahrung willen, zwar den Pol der Ruhe immer wieder verlassen und in die Aufregung hineingehen, aber am Ende jeder Erfahrung wird es in den Ruhezustand wieder zurückkehren und die gemachte Erfahrung in sich selbst integrieren.

Die Freiheit des Geistes besteht in der Dreieckspitze dann darin, dass auch das Ich, das Bewusstsein also, sich darüber im Klaren ist, dass der individuelle Raum für eine Erfahrung stets der richtige ist, und dass die individuelle Dauer des Geschehens oder der Beziehung oder der Vorbereitung auf eine Geschehen oder auf eine Beziehung oder die Zeit zwischen zwei Geschehen oder zwei Beziehungen ebenfalls immer die richtige ist. Auch wenn also für die Erfahrung das Aus-der-Balance-geraten einschließlich der emotionalen Involviertheit unabdingbar und notwendig ist, führt der freie Geist in dem Bewusstsein, dass er sich nur in der Materie Zeit und Raum offenbaren kann, das Ich oder das Denken und die zugehörigen Emotionen zügig wieder in die Balance zurück, wenn die Erfahrung gemacht, die Ernte also eingefahren ist. Und dieser Geist, das ist die Liebe, Gott, die all-eine Essenz, die kosmische Intelligenz oder das Universum… von dem jedes inkarnierte Wesen eine Individuation ist in Form von Materie, Pflanzen, Tieren und Menschen.

Da das Aus-der-Balance-Geraten an sich durchaus Teil des essenziellen Plans ist, ist also gegenüber dem Drama an sich absolut nichts einzuwenden. Man kann lernen, es sogar zu genießen, indem man sich seiner selbst bewusst bleibt, während sich das Drama abspielt. Problematisch ist nur, dass absolut keine Entwicklung und kein Wachstum stattfindet, wenn die Geschichten die Dualität aus Deprivation und Aggression nicht verlassen und keine intuitive Veredelung des instinktiven Angstverhaltens durch Reflexion und Integration der Ereignisse stattfindet. Hier aber helfen die Drama-Dreiecke, wenn man aktiv mit ihnen arbeitet. 

Nun also zur konkreten Leserichtung innerhalb des Dreiecks:

1. Das Phänomen in Form einer Störung findet gewöhnlich im Aktivpol statt, geht also von diesem Pol aus, während der Passivpol empfängt. Zum Beispiel: Jemand geht über unsere Grenze und erhöht sich selbst. Jemand klammert und akzeptiert das Ende einer Beziehung nicht und zeigt eine emotionale Abhängigkeit. Jemand nörgelt ständig an allem herum, was geschieht und redet alles kaputt, womit er sich selbst und andere sabotiert. Jemand belehrt und maßregelt uns ungefragt und unangemessen und zeigt einen unerträglichen Beweiszwang in Form von Rechthaberei. Jemand will und fordert gierig mehr von uns, als wir zu geben angeboten haben. Jemand sieht hochmütig von oben auf uns herab, indem  er sich für spirituell weiter entwickelt hält. Jemand geht waghalsige Risiken ein oder versucht uns ungeduldig zur Eile oder überhaupt zur Aktivität anzutreiben, die wir nicht zeigen wollen. In den Aktivpolen versammeln sich also die Angstmerkmale 1. Beweiszwang, 2. Selbstsabotage, 3. Selbstüberhöhung, 4. abhängiger Bindungsstil/Klammern, 5. Gier, 6. Hochmut, 7. Ungeduld.

2. Die Ursache dazu liegt im Passivpol: Was ist dem Kind damals passiert, was Angst ausgelöst hat und demgegenüber es sich durch ein kompensatorisches (in den Aktivpol wechselndes) oder kontrollierendes (im Passivpol bleibendes) Verhalten zu behaupten versucht hat? Diese Fragen werden von Yang gestellt, als Frage an den Anderen oder auch an sich selbst, indem man aktiv die Stille aufsucht und sich dem inneren Dialog mit sich selbst widmet. 

3. Nachdem die Frage gestellt wurde, ist unser Yin aufgefordert zuzuhören und mit seiner Selbstempathie Verständnis für das aufzubringen, was das innere Kind uns im Passivpol erzählt hat, was ihm passiert ist und was es im Aktivpol sagen wird, was es gebraucht hätte, um sich sicher zu fühlen. Alles unangemessene Verhalten von Menschen, ist letztlich ein Aktivpolverhalten, um Sicherheit herzustellen, um Zeit und Raum beherrschbar zu machen. Wenn die Empathie diesen Mechanismus erkennt, kann zumindest der Konflikt verhindert werden. Helfen kann man den Menschen allerdings in der Regel nicht. Nicht im Alltag. In einer Therapie oder in einem Coaching natürlich schon. Aber man kann durchaus sich selbst helfen, bzw. das Selbst kann dem Ego helfen. Und dann kommt wieder unser Yang ins Spiel. 

4. Yang vernimmt von Yin, was das innere Kind gesagt hat, was es gebraucht hätte oder heute braucht, um sich sicher zu fühlen. Und Yang ist dann aufgefordert, Ideen zu entwickeln, wie es konkret aussehen könnte, dieses Bedürfnis zu erfüllen.

5. In der Dreieckfläche erfolgt und die Frage an das innere Kind: Hat das funktioniert? Wie fühlst du dich jetzt, am Ende der Geschichte?

6. Was hier mit 6. oder der Freiheit des Geistes eingeordnet wird, wechselt später die Ebene. Das geschieht innerhalb des Schreibspiels von selbst irgendwann. Dann spricht nicht mehr nur der innere Erwachsene mit dem inneren Kind im 4. Dreieck, sondern dann spricht das höhere Selbst mit dem inneren Erwachsenen und dem inneren Kind im 6. Dreieck. Jetzt ist der Kontakt zwischen Geist und Materie hergestellt. Die Materie wird vergeistigt oder die Existenz wird mit der Essenz identisch und wir mit uns selbst. 

7. Du reichst deine Ressourcen, die dich gesättigt haben, an Andere weiter und nimmst in irgendeiner Art die Rolle eines Lehrers ein (1. Dreieck), die Rolle einer Heilerin (2. Dreieck), die Rolle eines Vaters und Baumeisters (3. Dreieck), die Rolle einer Mutter und Hebamme (4. Dreieck), die Rolle eines Philosophen (5. Dreieck), die Rolle einer Prophetin (6. Dreieck) und die Rolle einer Künstlerin (7. Dreieck). (Das Geschlecht der angenommenen Seelenrollen wechselt hier nach dem energetischen Geschlecht der zugehörigen Chakren, denen sich die Dreiecke zuordnen lassen: 1. Dreieck = Wurzelchakra, 2. Dreieck = Sakralchakra, 3. Dreieck = Solarplexus, 4. Dreieck = Herzchakra, 5. Dreieck = Kehlkopfchakra, 6. Dreieck = Stirnchakra, 7. Dreieck = Kronenchakra.) Die Konjunktion ist “und”, nicht oder. Man muss sich nicht beschränken nur Lehrer zu sein oder nur Hebamme. Man kann alles zugleich sein, wenn es der eigenen Anlage entspricht. Am Anfang mag es ein “oder” sein, aber das Ziel ist es, meinem persönlichen und dieser Arbeit zugrunde liegenden Mythos nach, alle sieben Aspekte deines wahren Selbst irgendwann zu verwirklichen. Mindestens sind für ziemlich alle Menschen die ersten fünf Aspekte möglich, sie zu verwirklichen. Für hochsensible Menschen sind die ersten sechs Aspekte definitiv zu verwirklichen möglich. Und einige Menschen tragen darüber hinaus die Anlage des siebten Aspekts in sich.

Posted on 3. Juli 2019 in Die Drama-Dreiecke