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Die Tücke des Schattens der Angst vor Lebendigkeit des zweiten Dreiecks ;-)

Der Manifestation des Schattens des zweiten Dreiecks begegnen wir im Alltag ständig. Es ist die Nörgelei, das Gemecker, die Unzufriedenheit, das unangemessene Verhalten und die Projektion an sich, mit der wir Anderen die Schuld an unseren eigenen Befindlichkeiten und Unzulänglichkeiten geben. Im Anderen zu bekämpfen, was eigentlich im eigenen Keller an Verdorbenem liegt, ist eine Manifestation des Schattens und der ihm zugrunde liegenden Angst. Es ist die Angst vor Lebendigkeit. Der Unzufriedenheit mit sich und der Welt wird paradoxerweise durchaus lebhaft Ausdruck verliehen. Und hier liegt die Basis der Tücke: Je lebhafter die Griesgrame und Spielverderber sich und anderen das Leben schwer machen, desto mehr Grund erschaffen sie zugleich, um noch unzufriedener zu sein. Im Aktivpol der Angst vor Lebendigkeit liegen die Selbstsabotage und die sich selbst erfüllende Prophezeiung. So mächtig ist der Mensch und ist sein Geist, dass er mit seinem Genörgel und der Energie, die er dadurch erzeugt, seine eigene Realität vollständig zu ruinieren vermag. Solange der Mensch aus der Kraft der negativen Emotionen heraus erschafft, ist seine Macht für ihn zumindest erlebbar, selbst wenn sie ihm nicht bewusst ist, weil der Nörgler und Spielverderber nicht glaubt, dass er selbst für jene Realität verantwortlich ist, die ihn unzufrieden macht. Hier kehrt sich die Weisheit Gandhis um: “Du musst selbst die Veränderung sein, die du dir wünschst” zu “Das Leben, wie du es führst, ist das, was du bist.” Oder in der Kurzform: Das Leben ist du.

Das Geschrei des inneren Kindes

Die negativen Emotionen, deren Kraft das Mühlrad des Lebens antreibt, entstehen aus all den im Schatten des zweiten Dreiecks und in unserem limbischen System abgelegten, versteckten und verdrängten Denkmustern, Konditionierungen und Traumatisierungen. Eine absolut reichhaltige Quelle zur Erschaffung von Umständen, über die man meckern und nörgeln kann ist dieser unbewusste Teil unseres Selbst. Hier aus dieser Quelle entsteht auch jede Art von unangemessenem Verhalten, das zwar unsere Glaubenssätze und Muster bedient, aber nicht die Erfordernisse des gegenwärtigen Augenblicks beantwortet. So viel vorab: Wenn sich jemand uns gegenüber unangemessen verhält, könnte – bei entsprechender eigener Reife – unser erster Reflex Mitgefühl sein. Unangemessenes Verhalten deutet auf einen immensen inneren Schmerz hin, der die Präsenz und das Urteilsvermögen des erwachsenen Menschen komplett blockieren und ausschalten kann. Das innere Kind ist in seiner Qual lauter, viel lauter als die Stimme der Vernunft es je sein könnte, wenn wir unter Vernunft nicht den inneren Kritiker verstehen (der genauso laut sein kann, aber genauso ein Kind ist), sondern eben die Mischung aus Präsenz und Angemessenheit, die einen Erwachsenen ausmachen.

Man kann sich das gequälte innere Kind wie einen Säugling vorstellen, der den ganzen Vormittag lang schon schreit. Ich muss mir das gerade gar nicht vorstellen, sondern es ist die Realität eines viel zu heißen Maivormittags, an dem im Nachbarhaus schon seit zwei Tagen ein Säugling beinahe ohne Unterbrechung schreit. Man merkt an der Modulation des Schreiens, dass das Leid des Babys immer größer wird, aber man versteht nicht, um welches Bedürfnis es geht und inwiefern es verletzt wurde. Also kann der durchaus anwesende Erwachsene nicht der Erfordernis entsprechend angemessen reagieren. Dem Kind wird dann alles Mögliche angeboten, ich vermute, im Nachbarhaus läuft es auch so, in der Hoffnung, zufällig das Richtige zu treffen, weil Verständigung einfach nicht gelingen will. So wird das innere Chaos im Außen reproduziert. Bezogen auf das innere Kind in einem kognitiv erwachsenen Menschen sieht die Wohnung am Ende so aus wie das Kinderzimmer des Babys. Jede Anschaffung bleibt unangemessen und erfüllt nicht das echte Bedürfnis, weil das echte Bedürfnis unbekannt geblieben ist. Auch die Antwort an den Nachbarn, den Kollegen, den Mitarbeiter, den Partner, das Kind, das Haustier, es möge gefälligst dieses oder jenes getan oder unterlassen werden, fällt unangemessen aus in Ton, Körperhaltung, Wortwahl und Inhalt oder auch im Zeitpunkt, weil der Schmerz, also das sozial inkompetente innere Kind spricht und es sprechen nicht Präsenz und Urteilskraft, also das sozial kompetente innere Elternpaar.

Die Angst

Irgendwie sieht das hier gar nicht nach der behaupteten Angst vor Lebendigkeit aus? Stimmt. Das ist nämlich eigentlich der zweite Schritt der Tücke des Schattens des zweiten Dreiecks. Aber es ist das, was wir an unseren Mitmenschen als erstes wahrnehmen, wenn wir sie treffen.

Die wahre Dynamik dahinter

Angefangen hatte das Ganze aber ursprünglich mal ganz anders. Damals, wir waren jung und unschuldig und voller Neugier auf das Leben, voller Offenheit, Forscherdrang, Fantasie und Lebenslust, haben wir gelacht, gespielt, gesungen, gefragt, geliebt, wir sind gerannt, geklettert und gesprungen… und haben gestört. Wir wurden als zu laut wahrgenommen, zu wild, zu wissbegierig, zu neugierig, zu schmutzig, zu ungeduldig, zu anhänglich, zu gierig, zu neunmalklug, zu selbstbewusst, zu lebhaft. Ich war so ein lebhaftes Kind und ich weiß, dass ich für gar nicht gerade wenige Geschmäcker zu lebhaft war.

“Geht das auch ein bisschen leiser?!”, war einer der Sätze, die ich in meiner Kindheit am häufigsten zu hören bekommen habe und zwar in vielen Variationen. Die erste Variation war die ironische Verkehrung: “Geht es nicht noch ein bisschen lauter?! Ich glaube in Buxtehude hat man dich noch nicht gehört!” Ironie einem Kind gegenüber ist pure Verachtung.

Und dann:

  • “Geht das auch ein bisschen weniger dramatisch?!” Oder: “Geht es vielleicht noch ein bisschen dramatischer?!”
  • Geht das auch ein bisschen schneller?! Oder brauchst du eine schriftliche Einladung?
  • Geht das auch bisschen weniger ungeduldig?
  • Geht das auch ohne Geheule?
  • Geht das auch bisschen weniger überheblich?!
  • Geht das auch ein bisschen weniger angeberisch?! Wir wissen ja alle, wie toll du bist!

In Wahrheit wusste es allerdings niemand und wollte es auch niemand wissen. In Wahrheit zielt der Aktivpol, wenn er in einem kindlichen Extrem ausgespielt wird, ja gerade darauf, gesehen und gehört zu werden, weil das Kind sich bisher nicht gesehen und gehört fühlt, weil es sich übersehen und sogar unsichtbar fühlt. In Wahrheit galt in meiner eigenen Kindheit noch der Glaubenssatz: “Kinder sollte man sehen, aber nicht hören.” Der Glaubenssatz war mit mir nicht zu machen. Über mich kursierte in meiner Familie der “Witz”, wenn ich entführt würde, würden die Entführer nach einer Stunde Geld dafür zahlen, um mich wieder loszuwerden. Vielleicht war das der Grund, weshalb man mich meine ganze Kindheit und Jugend lang hat bedenkenlos abends alleine nach Hause kommen lassen, selbst wenn mein Weg in der Dunkelheit durch Felder und einen kleinen Wald ging. Man hat den Witz wirklich geglaubt, vermute ich, und ihn eigentlich gar nicht für einen Witz gehalten. Ich habe ihn geglaubt und für mich war es kein Witz. Vielleicht ist mir auch darum nie etwas passiert. Denn für die Auslegung der Bedeutung dieser elterlich abwertenden Haltung gibt es zwei Möglichkeiten. Die eine Möglichkeit lautet:

Um zu dieser Auslegung zu kommen, muss eine Intuition wirksam werden, zu der nur wenige Kinder schon in ihrer Kindheit einen Zugang haben. Da sie noch nicht über die erwachsene Vernunft verfügen, zu der diese Intuition zunächst mal gehört, muss es eine innere Instanz der Weisheit sein, die hier die Führung übernimmt. Diese Instanz streicht das herabwürdigende Moment in der Maßregelung und lässt die reine Antwort, die dem Archetyp des weisen Narren würdig wäre, entstehen:

Die Antwort kann tollkühn ausgesprochen werden oder mutig im eigenen Innern als Haltung eingepflanzt.

Die andere Möglichkeit der Auslegung lautet:

Aus der zweiten möglichen Interpretation entsteht die Angst vor Lebendigkeit. Ein Kind, das sich für seine Lebendigkeit gemaßregelt und abgelehnt fühlt, geht instinktiv dazu über, sich zurückzunehmen. Das ist ja auch das Ziel der Maßregelung, das oft genug gleich mit formuliert wird: “Nimm dich mal etwas zurück!” Und dann vielleicht auch noch mit der passenden Begründung: “Es dreht sich hier nicht alles um dich!” Oder, wie ich es von meinem Schwimmtrainer jeden Montag, Mittwoch und Freitag zu hören bekommen habe: “Du bist schließlich nichts Besonderes!” Es nimmt sich zurück, das einstmals lebendige Kind, denn es will schließlich angenommen und geliebt sein. Es muss auch angenommen und geliebt sein, denn sonst könnte es nicht überleben. Instinktiv wird es sich der Bedingung für die elterliche Liebe unterordnen, wird sich den Erwartungen anpassen, wird in den Passivpol wechseln und sich selbst aus dem Leben und der Lebendigkeit herausnehmen.

Der Kraftakt des Passivpols

Im Passivpol werden zunächst unendliche Anstrengungen unternommen, um die ganzen Zumutungen, derer man bezichtigt wurde, zu eliminieren. Das Kind bemüht sich jetzt darum, leise zu sein, nicht mehr zu stören, sich möglichst unsichtbar zu machen und alles zu unterlassen, mit dem das Ziel leise sein, nicht stören, unsichtbar sein, nicht zu realisieren ist. Denn jedes “zu”, das wegfällt, lässt immer noch ein “laut”, “lebhaft”, “neunmalklug” übrig, dem sofort ein “immer noch zu” vorangestellt wird. Also muss weiter eliminiert, unterdrückt, verleugnet, verdrängt und abgespalten werden. Das Kind ist grundsätzlich kooperativ. Das ist seine Natur. Kein Springen, Tanzen, Hüpfen mehr, kein Fragen mehr, kein Einwurf, der als vorlaut ausgelegt werden könnte… das baut sich bis zur Jugend aus zu: keine Initiative zeigen, nichts mehr wagen, sich nichts mehr zutrauen und wegen fehlender Erfahrung auch nichts mehr wirklich schaffen. Bis der fertig konditionierte Erwachsene am Ende sagt: “Ich bin ein Loser.” Das ist sein Glaubenssatz und der ist so zuverlässig wirksam, wie nur irgendein Glaubenssatz wirksam sein kann und er geht bis zur vollständigen Deprivation. Im Französischen heißt “se priver de” sich etwas entsagen, sich einer Sache berauben, sich etwas vorenthalten, sich von etwas enthalten. Am Ende beraubt der Mensch sich seiner selbst, um die eigene Lebendigkeit und den Ausdruck der ganz individuellen Essenz. Solche Menschen führen eine essenzlose Existenz. Und sie haben einen mächtigen Helfer dabei: Den inneren Saboteur.

Hoffnung auf Liebe

Das Deprivationsverhalten hat man in der Hoffnung vollführt, dann geliebt und angenommen zu werden. Die Rechnung geht allerdings nie auf. Die Aufforderung, sich als Kind zurückzunehmen, ist bereits die Manifestation der Lieblosigkeit. Also wird man auch anschließend nicht wirklich geliebt werden. Ich vermute, die Kinder der ersten Kategorie ahnen oder wissen das.

Hier im Passivpol herrscht dann zunehmend Leere, wenn die Liebe eben ausbleibt oder wenn sie durch ein manipulatives Lob kompensiert wird. Man versagt sich das Leben, lehnt sich selbst ab, lehnt alles ab, was nach Freude und Lebendigkeit riecht und wird dennoch nicht geliebt. Wie sollte jetzt noch die Selbstliebe eine Chance haben, sich zu entwickeln? Aber man hat keinen Vergleich und hält die Bedingtheit für Liebe und das manipulative Lob für Anerkennung und weiß nicht, solange man ein Kind ist, dass beides einen nur in der emotionalen Abhängigkeit und Leblosigkeit hält. Je mehr Leblosigkeit desto mehr Pseudoanerkennung und Pseudoliebe. Und dann lehnt man konsequenterweise auch den Erfolg ab, um nur ja niemals lebendig zu werden, weil sonst die Pseudoanerkennung wegfallen würde.

Um das Ausbleiben des Erfolgs konsequent zu erreichen muss man in die Trickkiste des Unbewussten greifen und Erfolg kurzerhand sabotieren, wenn er sich ankündigt. Da das Bewusstsein von diesem Trick nichts weiß, sagen die Menschen dann:

Verstecken, noch weiter verstecken

In der Scham des Nichtverstehens fangen sie an, sich noch weiter zu verstecken, sich vom Leben zurückzuziehen, von den Menschen, die sich tatsächlich anschicken, sie so zu lieben, wie sie sind. Sie werden jede Liebesbeziehung sabotieren, weil Liebesbeziehungen Glück bedeuten würden und damit verbotene Lebendigkeit. Hier sind Illoyalität, Respektlosigkeit und Unkreativität probate Mittel, um eine Beziehung möglichst schnell zu sabotieren. Sie werden Aufgaben und Jobs sabotieren durch ganz einfache Tricks wie die Prokrastination und ihre Spielarten: Zuspätkommen, Termine versäumen, Fehler erzeugen durch mangelnde Konzentration. Das Wohlbefinden, eine schöne Wohnung zu beleben werden sie sabotieren, indem sie sie am liebsten mit Möbeln vom Sperrmüll ausstatten und sehr, sehr vollstellen mit Dingen, die ihnen die Luft zum Atmen nehmen, die sie aber absolut nicht brauchen. Ihr Erscheinungsbild werden sie sabotieren und sich möglich unvorteilhaft kleiden und möglichst wenig typgerecht. Von ihrem Ausdruck her erinnern sie insgesamt an einen Habenichts, egal, ob das ihrer materiellen Situation entspricht oder nicht. Zurück bleiben Leere, Trauer und Depression, die sich in einer Körperhaltung spiegeln, wie man sie beispielsweise von Charly Brown kennt.

Mit diesem Gefühl, dem die Angst vor der Lebendigkeit zugrunde liegt, gehen diese Menschen alle ihre Lebensthemen an. Wie ein am Magen erkrankter Mensch auf Schonkost-Diät legen sie implizit und explizit die Haltung an den Tag:

Für mich bitte keinen Erfolg, keinen Reichtum, keine Liebe, kein Glück, keine Freude… danke, ich darf nicht. Und das Leben sagt darauf:

Das Leben fragt nicht nach Sinn, denn das Leben ist der Sinn. Über den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang fragt es nur nach Bedeutung. Und da fragt es eigentlich auch nicht, sondern zeigt sie einfach auf, die Bedeutung all der selbstablehnenden Entscheidungen. Beziehungen zerbrechen. Projekte gehen schief. Jobs gehen verloren. Wie auch Wohnungen und Vermögen verloren gehen und Haustiere weglaufen. Das Leben geht den Bach runter. Streben nach Glückseligkeit? – Für mich bitte nicht, danke, ich darf nicht!

Die Paradoxie der Ängste

Darüber, in welchen Pol dieses zweiten Dreiecks die Selbstsabotage jetzt eigentlich gehört, gibt es manchmal Verwirrung. In allen Dreiecken gibt es eine Kraft, die aktiv versucht, den in Frage stehenden Wert zu sichern oder wieder herzustellen. Es ist der Instinkt, der in den Aktivpol wechselt. Mit dem Beweiszwang soll das Gefühl von Kompetenz gesichert werden, und der gesunde Instinkt dazu, die Kontrolle über sein Tun nicht zu verlieren, wäre, sich mehr anzustrengen (statt in den Beweiszwang zu gehen). Die Selbstüberhöhung soll den Selbstwert sichern. Die Anhaftung an Menschen, Tiere oder Dinge soll Bindung herstellen oder fehlende Bindung kompensieren und der Angst vor der Unberechenbarkeit des Lebens begegnen. Die Gier will die Angst vor Mangel beantworten. Wenn auch an der falschen Stelle und auf dem falschen Weg, aber es soll Konsistenz zwischen Essenz und Existenz realisiert werden. Der Hochmut soll vor Verletzung schützen. Und die Ungeduld will die Dinge wieder in die richtige Bahn bringen, damit Freiheit und Autonomie wieder sichergestellt werden.

Die Selbstsabotage gehört demnach in den Aktivpol. Eigentlich liegt ihr die Kraft der Manifestation zugrunde. In der Selbstsabotage wird diese Kraft allerdings pervertiert, weil die zugrunde liegenden Glaubensmuster uns schaden und von dem eigentlichen Ziel fernhalten. Das liegt daran, weil im zweiten Dreieck zwei Ängste miteinander konkurrieren, die hier deutlicher paradox erscheinen als in den anderen Dreiecken. Wobei wir sie von den anderen Dreiecken auch kennen. Im vierten Dreieck, dem Thema Liebe, kennen wir die Angst vor der Unberechenbarkeit, der im Aktivpol mit Anhaftung begegnet wird. Im Passivpol wenden wir uns von der Liebe ab, um den Schmerz des potenziellen Verlustes nicht fühlen zu müssen oder weil wir niemandem zutrauen, uns kompetent lieben zu können. Zugleich also herrscht auch hier die Angst vor der Liebe, wie im Passivpol des zweiten Dreiecks die Angst vor der Lebendigkeit herrscht. Hier ist es der Rebell, der provoziert, um die Beziehung zu sabotieren und zugleich eine Pseudoautonomie zu proklamieren.

Im Aktivpol des zweiten Dreiecks würde eigentlich die Angst vor der Leblosigkeit herrschen und es müsste alles getan werden, um die Lebendigkeit wieder herzustellen, wie man sich im Aktivpol des vierten Dreiecks an das Liebesobjekt klammert und eigentlich versucht, die Liebesbindung wieder herzustellen. Hier im zweiten Dreieck aber klammert man sich nicht erkennbar an das Leben, sondern sabotiert es. Das ist die Verwirrung des Schattens des zweiten Dreiecks. Die Angst vor der Lebendigkeit und vor dem Schmerz aus Ablehnung und Strafe dominiert dieses Dreieck, denn das zugehörige Grundbedürfnis heißt in seiner vollständigen Form “Lustempfinden und Schmerzvermeidung”. Zugleich aber liegt hier dennoch die Angst vor, nie wieder lebendig sein zu können. Aber sie liegt unbewusst vor. Ganz, ganz unbewusst.

Unangemessenes Verhalten ist also die Manifestation von Schmerz

Wenn der Sinn von Leben aber Leben ist, dann kann man das Leben als sinnlos und verfehlt betrachten, das nicht gelebt wird. Ein Teil unseres Unbewussten jedenfalls betrachtet es so. Dieser Teil fühlt den Schmerz eines nicht gelebten Lebens, eines nicht zum Ausdruck gebrachten Wesens, einer nicht realisierten Essenz. Und dieser Schmerz ist einerseits Trauer, aber auch Unzufriedenheit, und ihre Manifestation ist das unangemessene Verhalten. Denn die Trauer wird ganz oft nicht gefühlt, sondern nach außen projiziert, auf andere Lebewesen, vor allem auf Kinder und auf unsere Haustiere. Wie viel aggressives Verhalten bei Hunden wäre zu vermeiden, wenn die Halter sich um ihren Schmerz und die daraus resultierende, unterschwellige Aggression der aus dem Schatten heraus an die Kellertür pochenden, verdrängten Lebendigkeit kümmern würden. Wie viele unangemessene Antworten würden sich in Luft auflösen, wenn der Neid, die Missgunst und die Eifersucht, die Wut und die unendliche Angst in die eigene erwachsene Obhut genommen würden.

Utopie eines inneren Eldorados

Was ich jetzt zum Abschluss dieses Artikels gerne tun würde, ist eine kleine Utopie skizzieren. Ich zeichne das Dreieck mal zu Ende, um zu zeigen, was dann geschehen würde. Die neue Ursache, die hier ins Spiel kommt, heißt: intuitive Veredelung der Instinkte. Oder: Auftritt des inneren Erwachsenen!

Im zweiten Dreieck ist die Aufgabe des inneren Erwachsenen Präsenz (Yin) und Urteilsvermögen (Yang). Die Präsenz zeigt einerseits Verständnis für unsere Not. Wir zeigen Präsenz für uns selbst und erkennen unser Deprivationsverhalten und die Ursache, weshalb wir uns selbst, unsere Lebendigkeit, ablehnen. Andererseits erkennt die Präsenz aber auch die wahre Bedeutung einer Situation. Je größer Feingefühl, Sensibilität, Lebenserfahrung und Weisheit sind, desto treffender fällt konsequenterweise das Urteilsvermögen aus. Eine wirklich im Jetzt präsente Person erkennt die Dynamiken eines Geschehens, nimmt sowohl die eigenen Projektionsfallen wahr als auch die von anderen aufgestellten Fallen. Mit einem gesunden und erwachsenen Urteilsvermögen nimmt so jemand seine eigenen Projektionen zurück – statt unangemessen zu reagieren – und umgeht die Fallen der Anderen. Das wird so eine Person in einem ganz eigenen Persönlichkeitsstil tun, aber auch abhängig von dem Vermögen der anderen beteiligten Personen und den Erfordernissen der Situation. Ganz sicher aber wird hier nicht genörgelt, gemeckert, gemaßregelt und der Spielverderber gegeben, was nicht heißt, dass hier nicht durchaus Grenzen gesetzt werden können und sollten. Eine Grenzsetzung aber wird grundsätzlich in einem angemessenen Stil erfolgen, ohne Schuldzuweisung, ohne Abwertung und ohne Beleidigung oder irgendeine Art von Unhöflichkeit. Als erwachsene Menschen sollten wir uns ein infantiles, übergriffiges und unangemessenes Verhalten unserer wiederum als erwachsen und geistig gesund angenommenen Mitmenschen verbitten. Ganz klar. Wir dürfen auch den Weg wählen, einen Kontext, der nicht unserer Wahrheit entspricht, zu verlassen. Jederzeit. Auch wenn wir uns darüber im Klaren sein müssen, dass wir sehr wahrscheinlich verwirrte und völlig verdutzte innere Kinder zurücklassen, die sich der Unangemessenheit ihres Verhaltens auch nicht mehr bewusst werden dürften, weil ihnen der Erwachsene, also die Präsenz und das Urteilsvermögen, fehlt, der die Dynamik erläutern könnte.

Erwachsen werden

Was wir zu dieser erwachsenen Konsequenz grundsätzlich aufgeben müssen, ist die Idee, dass wir mit allen Menschen friedlich und harmonisch zusammen leben müssen. Das müssen wir nicht. Wir begegnen einander. Wir machen miteinander Erfahrung. Wir lieben einander auch und im Grunde hört diese Liebe, die wirkliche Liebe, nicht die emotionale Abhängigkeit, auch nie auf, selbst dann nicht, wenn wir wieder auseinander gegangen sind. Aber wenn der Sinn von Leben Leben ist, dann ist seine Bedeutung Veränderung. Also kann es gar nicht gefordert sein (von wem auch?), dass wir unser ganzes Leben zwangsläufig mit den gleichen Menschen verbringen. Und mit manchen verbringen wir eben nur ein paar Minuten. Vielleicht die paar Minuten Erfahrung der nächtlichen Ruhestörung, in der wir erforschen, wie sich die Situation anfühlt und wie es sich anfühlt jetzt das eine zu tun oder beim nächsten Mal das andere und in einer dritten Wiederholung die Faxen dicke zu haben und einen radikal dritten Weg zu beschreiten oder uns da bereits in gänzlicher Gelassenheit zu befinden und zu testen, wie aktives Nichtstun eigentlich funktioniert. Aber diese Haltung, dass das Leben Begegnung ist, die keineswegs für immer stattfinden muss, erlöst uns aus der Starre der Angst vor der lebendigen Reaktion.

Diese lebendige Reaktion geschieht aus einer erwachsenen Haltung aus Präsenz und Angemessenheit, so dass niemand verletzt werden kann, der sich nicht selbst dafür entscheidet, sich verletzt zu fühlen. Der Instinkt der Nörgelei wird auf eine höhere Ebene gehoben. Indem die Dreiecksseiten auf die Hypotenuse gesetzt werden (das Dreieck müsste für meine Begriffe eigentlich rechtwinklig gezeichnet werden, mit der Ankatete, der längeren Seite, für Yin und der Gegenkathete, der kürzeren Seite, für Yang), entsteht eine Fläche. Und diese Fläche hat im zweiten Dreieck die Qualität von Weisheit.

Es ist die integrierte Erfahrung, mit der wir an uns selbst beobachtet haben, wie die Angst vor der Lebendigkeit entstanden ist und welche gelebten Konsequenzen sie hat. Es ist die reflektierte und integrierte Erfahrung, dass hinter der gesamten Dynamik das Grundbedürfnis nach Lebenslust steht, dass ein unangemessenes Verhalten also über nichts Anderes spricht, als über die Angst und den damit verbundenen Schmerz, nie wieder lebendig sein zu dürfen.

Zurück ins Leben

Hunden würden wir an dieser Stelle raten, sich einmal kräftig zu schütteln und wir würden sie ermuntern, sich im hohen Gras zu wälzen, alle Viere in die Luft zu strecken und wild herumzuzappeln. Glücklicherweise muss man das Hunden gar nicht sagen. Falls sie nicht schon ihre leblosen Besitzer spiegeln, machen sie das ganz von selbst, ganz aus ihrem gesunden Instinkt heraus, der weder die Selbstsabotage noch die Selbstablehnung kennt und braucht, weil sie ihre Lebendigkeit durch allerlei Unfug sichern. Zum Beispiel durch das fröhliche Springen in den stinkenden Entwässerungsgraben. Menschen würde ich das ehrlich gesagt auch zu gerne manchmal raten, aber wir müssen, der Angemessenheit wegen, ein Äquivalent finden, so schwierig das auch sein mag, wenn wir hilfreich sein wollen. Der beste Weg ist an dieser Stelle das aktive Nichtstun durch eigenes Vorbild. Dann schütteln wir uns eben und wälzen uns im Gras und springen in den stinkenden Graben, wenn es hilft, einen anderen Menschen aus seiner Erstarrung zu lösen.

Und jetzt wieder ernsthaft und zurück zur Weisheit! Wenn wir die intuitive Verbindung aus unserem inneren Erwachsenen und unserem inneren Kind noch eine Stufe höher bringen, noch höher als dass wir uns selbst und unserer integrierten Erfahrung lauschen, dann verwandeln wir den Aktivpol über die Weisheit hinaus in pure Manifestationskraft. Das ist die Transzendenz.

Wir transzendieren, also überschreiten die Selbstsabotage und gehen über die Weisheit hinaus, indem wir noch einen Moment tiefer lauschen, so dass wir uns mit einer zweiten Stimme in uns verbinden können, einer Stimme, die von der Macht des Glaubens spricht. “Euch geschieht nach eurem Glauben”, hat Jesus gesagt, und im Negativen sagt uns der innere Saboteur: “Stimmt genau! Aber das wusste ich schon längst!” Es ist der gleiche Mechanismus, das gleiche Instrument, das wir schon die ganze Zeit angewendet haben: die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Bisher haben wir mit dem inneren Saboteur kollaboriert und ihn unsere negativen Glaubensmuster ausführen lassen: “Für mich bitte keinen Erfolg, danke, ich darf nicht!” Falls unser Ziel jetzt aber ein lusterfülltes, lebendiges Leben sein sollte, dann…?

Der Weg hin zu der Weisheit, die es vor der Manifestationskraft braucht, geht über den Schatten und eine saubere Schattenarbeit. Hier muss die Angst vor der Lebendigkeit überwunden, also transzendiert werden und zugleich muss auch die Angst vor der Leblosigkeit erkannt  und sogar willkommen geheißen werden. Denn in ihr, in der Angst vor Leblosigkeit, liegt das wahre Potenzial. Aber kurzfristig könnten wir uns auch schon mal schütteln und im hohen Gras wälzen und in den stinkenden Graben springen, wenn wir wollen ;-).

Über die Autorin:

Posted on 24. August 2018 in Alltagshilfen

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