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Die Sterntaler – Märchenmeditation

Das Märchen “Die Sterntaler” könnte, so scheint es mir, als das Herzstück der Grimms-Märchen gelesen werden. Es ist kurz genug, dass man es auswendig lernen und als alternativen Gedanken einsetzen könnte, um all die negativen Gedanken zu stoppen, die uns in die Leere hineinziehen wollen, in den Verlust, in den Rückzug, in die Einsamkeit und in die Dunkelheit. Es ist ein Herzensmärchen und es verbindet uns mit unserer Fülle der bedingungslosen Liebe.

In unserer Sammlung zu den sieben Drama-Dreiecken hatten wir das Frau-Holle-Märchen aufgenommen und auch hier fiel der Begriff der Fülle. Im Vergleich aber gibt es eine Nuance an Unterschied. Im Märchen Frau Holle geht es um die Ernte. Es werden die Schattenpole Verlust (Spindel im Brunnen) und Profit (Lohn ohne arbeiten zu wollen) überwunden durch den erlösten Pol des Ausgleichs (Goldregen für eine von Herzen und aus der inneren Füller heraus erbrachte Arbeit). Damit haben wir das Frau-Holle-Märchen dem 5. Dreieck oder dem Kehlkopfchakra zugeordnet, wo es um den authentischen Selbstausdruck geht. Die Großzügigkeit, die hier gemeint ist, ist ein echtes Sich-Einlassen auf das, was sich einem als Ausdrucksmöglichkeit bietet, eben ohne nach dem Profit zu fragen. Es ist das WuWei-Prinzip, das Arbeiten ohne zu arbeiten, die Freude an der Gestaltungskraft und an der eigenen Wirksamkeit in der Welt. Es wird im Kehlkopfchakra oder im 5. Dreieck die Fülle des Herzens oder des 4. Dreiecks zum Ausdruck gebracht.

Das Sterntaler-Märchen aber erzählt von genau dieser zugrunde liegenden Fülle und von Vertrauen, das nicht danach fragt, wie man profitieren kann und was man zurückerhält. Diese Kategorie kommt im Märchen gar nicht vor. Das Mädchen erhält nicht von jener Instanz etwas zurück, der gegenüber es sich großzügig erwiesen hat, wie im Frau-Holle-Märchen, sondern es gerade bei jenen Instanzen geht es leer aus und wird von einer höheren Macht mit dem versorgt, was es braucht. Hier geht es um das Vertrauen in den inneren Reichtum, der sich im Außen manifestiert. Es geht um das feste Vertrauen, das sich im Märchen auch als Erfahrungsvertrauen zeigen wird und nicht einen unhaltbaren Glauben verlangt, dass die Essenz ewig ist und dass sich dieses Vertrauen auch in der Existenz zeigt.

So kurz, wie der Märchentext ist, lässt er sich mit einem Blick den Polen eines Drama-Dreiecks zuordnen. Wir befinden uns im 4. Dreieck oder im Herz-Chakra.

Passivpol:

Ein kleines Mädchen ist wahrhaftig von allem abgeschnitten und wie man so sagt, von allen guten Geistern verlassen. Niemand sorgt sich um seine Existenz oder gibt dem Mädchen, was es zum Leben bräuchte. Ein Stückchen Brot wurde ihm noch ausgehändigt, das ist alles.

Das Märchen steigt allerdings mit dem Beginn der Erzählung nicht an der Stelle des Verlustes ein wie alle Märchen, bei denen die Protagonisten wichtige Gegenstände verlieren, sondern es startet mit der Zustandsbeschreibung der Armut. Es ist bereits alles abhanden gekommen und jetzt fühlt das Mädchen sich zutiefst verarmt und dem Geiz der Welt ausgesetzt. Der Geiz der Welt ist der Geiz sich selbst gegenüber. Eine Psyche, die sich für arm hält, sorgt nicht gut für sich, lässt sich selbst nichts an Wohl und an Fürsorge zukommen. Sie vergrößert die Kälte eher noch, indem sie sich in den Passivpol des Schattens zurückzieht, wo es scheint, als seien nicht nur Vater und Mutter abhanden gekommen, sondern auch die innere Wohnung, der innere Rückzugsort.

Präsenz:

Im Märchen geht es jetzt mit einem Aber weiter, um den Zustand des Mädchens weiter zu beschreiben. Im Menschen handelt es sich dabei eher um eine Entwicklung, die den Zugang zu unserem höheren Selbst zulässt, zu unserem Instinkt, unserer Empathie, unserer Intuition und unserer Inspiration. Es handelt sich um die tiefe Anbindung an unsere spirituelle Quelle. Sie wird im Märchen als Gottvertrauen dargestellt. Hier verbindet sich unsere Verstand mit unserem Gefühl, unser innerer Erwachsener also mit unserem inneren Kind, so dass wir uns in dieser Verbindung in unserem höheren Selbst befinden. Für das Mädchen im Märchen läuft dieser Zustand des Vertrauens im Hintergrund und muss nicht erst erworben werden. Außerhalb des Märchens dagegen muss ein Mensch in der Regel erst Zugang zu seinem Wissen erlangen, dass er nicht nur eine Existenz hat und erlebt, sondern auch Essenz ist.

 

Konsequenz:

Auch die Tatkräftigkeit und dass die Protagonistin in Bewegung kommt, ist nur erzähltechnisch, der Kürze des Märchens geschuldet, vorgezogen bzw. auf einen einzigen Akt des Aufbruchs beschränkt. Die Bewegung aber findet in einer klaren Verbindung mit dem höheren Selbst der Heldin statt, so wird es explizit betont. Das Mädchen akzeptiert das, was ist und wie es ist, ohne es zu bewerten: “Und weil es so von aller Welt verlassen war…”. Es geht nicht in den Widerstand, womit es die Zustände gerade zementieren würde, sondern es vertraut sich einer höheren Macht an: “…ging es im Vertrauen auf Gott hinaus ins Feld.”

 

Aktivpol:

Jetzt wird der Aktivpol des Schattens auserzählt, der von der Logik der Ereignisse her nur eine Wiederholung dessen sein dürfte, was bereits zur bisherigen Armut der Heldin geführt hat. Es ist die pure Verschwendung. Im realen Leben mag das der exzessive Konsum sein in dem Versuch, die innere Leere zu kompensieren. Es mag aber auch der selbstausbeuterische Umgang mit den eigenen Ressourcen sein, der als Freundschafts- und Liebesdienst getarnt in einem Helfersyndrom gipfelt. Oder es mag die reine Unfähigkeit sein, an irgendeiner Stelle ganz klar Nein zu sagen. Das Ergebnis ist, dass mehr gegeben wird, als eigentlich entbehrt werden kann, dass mal also über seine Verhältnisse lebt, materiell und energetisch und es geschieht, wie auch beim exzessiven Konsum, aus der Motivation heraus, der gefühlten inneren Armut etwas entgegenzusetzen. Es ist der Frosch aus dem Froschkönig-Märchen, der die goldene Kugel rettet, um geliebt zu werden.

Im Märchen begegnen dem Mädchen jetzt noch ein armer Mann und vier Kinder. Allen fünf Menschen gibt das Mädchen, was es zu geben hat und vertraut bei seiner letzten Gabe auf die Dunkelheit des Waldes. Die Dunkelheit als Symbol steht für den Tiefpunkt der Ergebenheit. Sich in das eigene Schicksal zu ergeben, ist das einzige, was dem Mädchen bleibt und was es voller Vertrauen wählt. Es sieht nur den jetzigen Moment, ohne an Morgen zu denken. Jetzt ist es dunkle Nacht und jetzt kann es sein letztes Hemdchen weggeben, denn jetzt wird es wohl von niemandem gesehen werden. Was morgen ist, wird sich morgen zeigen.

Erlöster Pol:

Die Großzügigkeit, die jetzt erzählt wird, ist die des Himmels, der für uns sorgt, wenn wir ihn lassen. Das Märchen hält keineswegs dazu an, sein letztes Hemd zu geben, damit man vom Himmel belohnt wird. Aber wenn man schon in eine Situation gerät, in der einem Vater und Mutter gestorben und die Kammer zum Wohnen gekündigt worden ist und man sein letztes Hemd geben musste, dann ist es nichts Anderes als die Hingabe an das eigene Schicksal, die Akzeptanz der Situation gegenüber und das Wissen um die Verbindung zu seiner eigenen Quelle, das einen erlöst und errettet. Es kommt kein weiterer Mensch vorbei und erbarmt sich des Mädchens. Es handelt sich also nicht um eine erfolgreiche Wenn-Dann-Formel. Die Menschen sind weiter wie sie sind. Sie halten sich selbst für so arm, so dass ein erwachsener Mann einem kleinen Mädchen dessen letztes Stück Brot abbetteln muss, ihm also die letzte Lebensgrundlage entwendet. Das Mädchen aber ist sich darüber im Klaren, dass es zwar einen Körper hat, aber nicht dieser Körper ist. Seine Essenz ist ewig, selbst wenn seine Existenz beendet werden sollte, weil ihm das Brot fehlt. Deshalb gibt es das ganze Stück Brot, obwohl es nur um die Hälfte gebeten worden war. Und die verlassenen inneren Kinder halten sich verständlicherweise für so arm, dass sie jammern und darum bitten, man möge ihnen etwas schenken oder man möge ihnen ein Röckchen geben oder sogar das offensichtlich letzte Hemd. So ist die Welt, in der kaum Sterntaler-Kinder leben.

Das Sterntaler-Kind aber erfährt nun die Einlösung seines tiefen Vertrauens, das heißt, seiner Gewissheit über seine eigene Verbindung zu sich selbst. Es fallen nicht nur Sterne vom Himmel, die sich in ihrem Fall in Taler verwandeln, sondern auf wundersame Weise materialisiert sich ein neues Hemdchen an seinem Körper. Das passiert nur Sterntaler-Kindern, die in ihrem Vertrauen und in ihrer Manifestationskraft verankert bleiben. Sie lassen den Himmel seine Arbeit tun und gehen sich selbst aus dem Weg. Vor allem stören sie ihre Manifestationskraft nicht mit allen möglichen negativen Gedanken, die den Fluss verwirren könnten, sondern bleiben konsequent bei sich und halten den Blick gerichtet auf die Möglichkeiten und Chancen einer Situation.

Und dann fallen also Sterne vom Himmel, aber sie sind nicht als Ausgleich gedacht dafür, dass man sich vorher verausgabt hat. Die Verausgabung ist zwar eine Erfahrung, die zur Entwicklung des Menschen dazu gehört, um die Vollständigkeit zu erreichen, aber sie ist nicht die Bedingung für Reichtum. Es ist vielmehr die Selbstfürsorge, die Vater und Mutter wieder ins Haus bringt und für inneren Reichtum sorgt. Diese vakante Position wird im Märchen durch den Himmel besetzt, die eigene Göttlichkeit des Vertrauens. Dass das Mädchen am Ende reich für sein Lebtag ist, deutet darauf hin, dass das Erfahrungsvertrauen ihm ab jetzt eine sichere und unkündbare Kammer sein wird, aus der heraus zu leben leicht und freudvoll ist.

Posted on 2. März 2018 in Märchenmeditationen

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