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Der treue Johannes – Märchenmeditation

Das Märchen “Der treue Johannes” liest sich als Märchen der Erlösung zum sechsten Dreieck. Hier geht es um das Erreichen der Balance zwischen Zweifel und Illusion. Es ist das liebende Vertrauen, das auf Treue basiert, auf dem Erfahrungsvertrauen also des eigenen Gehaltenseins in den Händen einer höheren Macht. Es geht um die Medialität, die in der Hochsensibilität enthaltene Fähigkeit, Zugang zur Transzendenz zu erhalten. Und es geht um die Überwindung der Angst vor Verletzung mit ihren Schattenpolen der Überempfindlichkeit und des Hochmuts, indem der Archetyp des Magiers integriert wird.

Der treue Johannes ist des Königs liebster Diener und hat seinen Namen, weil er dem König ein Leben lang treu ergeben gewesen war. Treue im Sinne von Loyalität. Johannes ist ein Diener, dessen Loyalität der König sich gewiss sein konnte und die umgekehrt auf dem Vertrauen basierte, das Johannes in seinen König hatte. Auf seinen König konnte der Diener sich verlassen. In dessen Raum hat er sich gehalten und geachtet gefühlt. Eine gelungene Interdependenz also. Zwei Herzen, die sich in gegenseitiger Fürsorge miteinander verbunden fühlen. So vertraut der alte König zu Beginn des Märchens dem Diener das Leben und die Erziehung seines Sohnes, des Kronprinzen an, um sich dann aus dem Leben zurückzuziehen und zu sterben.

Johannes wird vom alten König aufgetragen, dem jungen nachfolgenden König das Schloss zu zeigen, alle Kammern, Säle, Gewölbe und Schätze.

Eine verbotene Tür erinnert an die verbotene Frucht, die zu essen der Legende nach Adam und Eva von Gott untersagt worden sein soll. In der Bibel war es der Baum der Erkenntnis, der das Auseinanderfallen der Einheit oder des All-Eins-Seins bewirkte. Im Erkennen nämlich, dass es nicht nur das Absolute, sondern auch die Relativität gibt werden Adam und Eva zu Vertretern von Gegensätzen. In den Gegensätzen aber sind auch die Extreme dessen vorhanden, von dem im Absoluten nichts zu spüren ist und die wir die Abwesenheit von Liebe oder das Böse nennen. Indem Gott sich selbst, so vermittelt es die Mystik, aufgespalten hat in seine Einzelelemente oder in Individuationen seiner Selbst, kam die Dualität in die Welt. Fortan gibt es das Licht und die Abwesenheit von Licht, und sie bekam den Namen Dunkelheit. In der Bibel war das der Sündenfall, mit dem das Gute und das Böse sichtbar wurde und scheinbar das Böse erst in die Welt kam. Die dann einsetzende Sehnsucht zurück zum Absoluten, die auch in der kanonisierten Literatur so oft thematisiert wird, ist in der Bibel als der Fluch Gottes dargestellt, das Leben fortan in Arbeit und Mühsal zu erleben und sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen zu müssen. Wenn das Absolute die Liebe ist, dann unterliegt das Extrem der Polarität ihrer Abwesenheit. Und das ist die menschliche Erfahrung.

Der Grund, weshalb dem Prinzen nach dem Willen des Vaters das Abbild der Königstochter vom goldenen Dache vorenthalten werden soll, ist genau jene Sehnsucht, in der der Vater eine große Gefahr sieht. Die Sehnsucht nach dem Absoluten verursacht uns Leid und Schmerz. Zumindest gilt das für sehr sensible Menschen. Deren herausragendes Wesensmerkmal ist die Fähigkeit, tief über sich und die Welt nachzudenken. Mit diesem Nachdenken sind sie auf der Suche nach dem Absoluten und alles, was dem Ideal des Absoluten nicht entspricht, verursacht ihnen nur zu leicht Schmerz, solange sie ihre Schutzmechanismen noch nicht aktiviert und sich dem Gefühl der kosmischen Sicherheit noch nicht angenähert haben. Solche Menschen, die in der Psychologie auch Orchideen-Kinder genannt werden, sind stets auf der Suche nach Wahrheit und Schönheit und das Nichtfindenkönnen schmerzt sie, auch wenn sie ahnen, dass der Zugang zur Transzendenz ihnen den Weg weisen könnte. Bis sie sich diesen Zugang selbst gestatten, dauert es manchmal eine halbe Ewigkeit und bis dahin sind ihre Gemüter sehr leicht zu beeindrucken und zu erschüttern. Der Wahrnehmung des Vaters nach trifft das auf den jungen Thronfolger zu. Es ist das Leid des Bewusstseins für das Getrenntseins, getrennt von dem absolut Guten, der Wahrheit, der Liebe, das der Vater für seinen Sohn fürchtet. Das Leid entsteht im gewöhnlichen Leben im Sich-Verstricken-Müssen mit dem, was man dann für lange Zeit für Liebe hält. Nach dem Sündenfall kennt die Menschheit zwei Pole und hält das eine für gut und das andere für schlecht, das eine für weiß und das andere für schwarz. Dass die Absolutheit, die Unipolarität, nicht aufgeteilt wurde in nur eine Bipolarität, sondern in eine Multipolarität, wurde übersehen. Und zwar wurde es übersehen, weil die Bipolarität für die meisten Menschen (wenn auch nicht für alle) der Ausgangspunkt ihrer Erfahrung ist. Mangelerleiden und Habenwollen und dann auch um das Bekommen zu kämpfen sind mit Emotionen verbunden und prägen sich – über die Produktion von Botenstoffen – ein im Zellgedächtnis. Sie sind mit Stress verbunden, manchmal mit so großem Stress, dass sie zu Traumatisierungen werden. So werden sie ganz bestimmt nicht vergessen, diese beiden Pole und es kommt zu Haltungen, die zur Erinnerung passen und dem, was im Zellgedächtnis abgelegt wurde.

Im Satt- und Zufriedensein sind die Emotionen völlig ruhig und es entsteht keine explizite Erinnerung. Aber es wäre der dritte Pol, die Nähe zum Absoluten. Hier herrscht das Gefühl von kosmischem Gehaltensein, von Sicherheit. Hier ist alles in einem und darum still und ruhig. Manchmal findet es eine Manifestation im Gehaltensein in der Sippe. Manchmal aber liegt es im reinen Wissen um das Gehaltensein durch das Absolute. Die Liebe kann dann als Prinzip wirken, ohne, dass es von Menschen erzeugt werden müsste. Was die Menschen befähigt, sich in der Idee von Liebe gehalten zu fühlen, sich mit dem Kosmischen so verbunden zu fühlen, dass sie Sicherheit empfinden, ist noch nicht einwandfrei festgestellt worden und es gelingt auch nur wenigen Menschen, sich subjektlos geliebt zu fühlen. Die meisten Menschen brauchen jemanden, der sie liebt, um sich geliebt zu fühlen. Mit der Prinzessin vom goldenen Dache aber verhält es sich anders. Sie gehört zu jenen wenigen Menschen, die ihr eigenes goldenes Dach über sich fühlen, dessen Kraft in ihr zu fließen und sie zu umgeben scheint. Darum macht der König sich Sorgen um seinen Sohn.

Solange man keinen Blick auf die reine Liebe werfen kann, hält man die Abhängigkeit und die Bedingtheit für Liebe und leidet unter ihrer Abwesenheit. In dem Moment aber, in dem man es auch nur einmal konnte, in dem man auch nur einmal erfasst hat, was das Wesen wahrer Liebe ist, kann man nicht mehr zurück. Dann leidet man an dem Bild der Dualität, in dem das Leben einen bisher verstrickt gehalten hatte. Der König fürchtet, der Sohn würde den Weg des umgekehrten Sündenfalls gehen, sollte er das Bild von der Königstochter vom goldenen Dache erblickt:

In Ohnmacht niederzufallen ist nicht nur der Überreizung des hoch sensiblen Nervensystems des Orchideen-Kindes zuzuschreiben, sondern zeigt im Märchen stets auch den Moment der Transformation an. Goldmarie springt in den Brunnen, der Spindel hinterher, erlebt eine Ohnmacht und muss in der anderen Welt zunächst zu sich selber kommen, wie es im Märchen heißt. Dornröschen und Schneewittchen erleben transformierende Ohnmachten als extrem langen Schlaf. Würde der Prinz nun in Ohnmacht fallen, würde seine Transformation der Erkenntnis eingeleitet und der Vater fürchtet um die Ruhe und das Seelenheil seines Sohnes. Das Erkennen der wahren Liebe und ihres echten Wesens gegenüber den Polen Einsamkeit und Abhängigkeit, würde sofort dunkle Mächte auf den Plan rufen, um den Träger der Erkenntnis an der Verbreitung seines Wissens zu hindern. Diese Wahrheit darf nicht verbreitet werden, denn sie würde die Menschheit befreien und den dunklen Mächten jede Macht über die Menschen nehmen. Die dunklen Mächte aber ernähren sich von den Emotionen, die aufgrund der Illusion von Liebe erzeugt werden. Drachen, diebische Zwerge, listige Rumpelstilzchen, böse Stiefmütter mit Linsen und giftigen Äpfeln, Zauberinnen mit Türmen zum Einsperren, verführerische Wölfe, sie alle profitieren und nähren sich von Angst und Zweifel und dem gegenüber von Illusion und Abhängigkeit.

Die Wahrheit jenseits der Illusion zu erkennen und zu offenbaren, würde den Königssohn in ernste Gefahr bringen. Der König weiß um die sensible Natur seines Sohnes und wie empfindsam er auf die hohen Schwingungen von Liebe, Schönheit und Wahrheit reagieren würde und zugleich will er ihn schützen vor den ganze realen Gefahren, die er mit der Entdeckung des Bildes auf seinen Sohn zukommen sieht.

Der treue Johannes gibt dem alten König die Hand darauf, dass das sensible Gemüt des Königssohns vor derlei Verletzung bewahrt werde. Er will dafür sorgen, dass er das Bild nicht zu sehen bekomme. Und so stirbt der König beruhigt.

Jetzt verhält es sich mit hoch sensiblen Prinzen aber wie mit hoch sensiblen Kindern: Ihre Sensibilität lässt sie das Vorhandensein eines Geheimnisses unfehlbar erspüren.

Der getreue Johannes versucht seinem Versprechen treu zu bleiben und will den jungen König beschützen:

In sehr verkürzter Form unter Umkehrung von Ursache und Wirkung könnte man die Warnung gelten lassen. Hoch sensible Prinzen aber haben einen guten Zugang zu ihrer Intuition und lassen keine Warnungen gelten und abwimmeln lassen sie sich auch nicht, denn sie sind gewöhnlich auch mit Beharrlichkeit ausgestattet. Das gehört zu ihrem Wesen als König und Archetyp des Herrschers.

Nach einem letzten Versuch der Geheimhaltung durch Johannes, schwingt der Königssohn sich zu seiner ganzen von Neugier (zweites Dreieck) und Suche (fünftes Dreieck) und Ungeduld (siebtes Dreieck) getragenen Macht auf und antwortet:

Hoch sensible Menschen, die den Archetyp des Herrschers in sich aktiviert haben, die innere Kaiserin oder den inneren König, sind in Kontakt mit ihrer Yang-Energie und spielen sie aus, um die Welt ganz zu erfahren. Sie lassen sich von verschlossenen Türen und von an Andere erteilte Versprechen nicht aufhalten. Der Apfel muss gepflückt werden und die Türe geöffnet.

Da die Treue des Johannes der titelgebende Aspekt des Märchens ist, darf ruhig noch erwähnt werden, dass Johannes sich der Hartnäckigkeit des jungen Königs nur “mit schwerem Herzen und unter vielem Seufzen” ergibt. Und es geschieht, wie die Prophezeiung des alten Königs es vorausgesehen hatte: Der empfindsame König erliegt der überwältigenden Wirkung der Wahrheit und Schönheit, obwohl Johannes noch versucht, sie vor ihm abzuschirmen:

Er muss mit Wein gestärkt werden, “bis er wieder zu sich selbst kam”. Die Transformation ist in Gang gebracht worden. Der junge König kann nicht mehr hinter die erlangte Erkenntnis zurück, dass es das Absolute jenseits der Dualität gibt.

Gut, wenn man bei seiner Suche nach dem Absoluten einen getreuen Johannes an seiner Seite hat und jetzt nicht etwa glauben muss, man habe es mit einer gewöhnlichen, in der Polarität verstrickten Königstochter zu tun, die man mit polarem Ausdruck erreichen könnte. Die üblichen Spiele und Tricks, wie sie in Passiv- und Aktivpol gespielt werden in einem Pendeln zwischen Fordern, Rückzug, Drängen und Verstecken, vorenthalten, berauben und manipulieren, werden, so ist es dem treuen Johannes klar, bei dieser Frau, der Königstochter vom goldenen Dache, nicht fruchten.

Kleines verwöhntes Mädchen, das schon alles hat? Ja… und zwar auf spiritueller Ebene! Was dem Diener Johannes in seinem langen Besinnen, seiner Meditation also, völlig klar wird, ist, dass diese Königstochter in sich selbst ganz und vollständig ist. Sie ist nicht eine jener Prinzessinnen, die auf Rettung warten oder auf einen Prinzen hoffen, der sie erwählt und auf sein Schloss führt. Darum ist es nicht möglich, auf leichte Art zu ihr zu gelangen. Für sie ist es vollkommen in Ordnung, nicht zu ihr zu gelangen, sie stattdessen in ihrer Ruhe und Balance für sich sein zu lassen, wo sie alles hat, was sie braucht und alles ist, was sie sein will. Wer zu ihr gelangen will, so ist es dem treuen Johannes in seinem langen Besinnen durchgegeben worden, der muss mindestens in der Lage sein, mit ihren Schätzen mitzuhalten, am besten aber vermag so jemand ihnen noch etwas Neues hinzuzufügen, etwas noch nicht Vorhandenes, etwas Überraschendes. Deshalb empfiehlt Johannes nicht die Ganzen fünf Tonnen Gold zu verarbeiten, sondern nur eine Tonne, dafür aber mit Vögeln, Gewild und wunderbaren Tieren über die Gefäße und Gerätschaften hinauszugehen. Ein Mann, der das Herz einer Frau erreichen will, die in sich selbst zuhause ist, das weiß Johannes intuitiv, muss göttliche Inspiration bringen, sonst wird er gar nicht erst vorgelassen. Was soll sie sich mit Langweiligem abgeben, wo sie gar nichts braucht, keinerlei Bedürfnis hat, von nichts abhängig ist? Sie wählt höchstens aus Vergnügen und ihre Wahl wird immer eine Präferenz sein, aber nie eine Notwendigkeit. Diese Erläuterung begreift auch der junge König und darum häuft er nicht einfach die Schätze seiner Schatzkammern zusammen, sondern:

Mit den herrlichsten Dingen hat man eventuell eine Chance, die Aufmerksamkeit der Dame zu erlangen, denn in ihnen steckt der schöpferische Funke der göttlichen Inspiration, die vielleicht zu überraschen vermag, so dass die Königstochter entscheiden könnte, dass es sich für sie lohnt, ihre wertvolle Zeit zu opfern. Die Zeit ist für die Königstochter natürlich nicht knapp, sie lebt, dem Golde nach, ja außerhalb der Zeit, sondern sie ist ihr unendlich wertvoll und teuer, weil sie, dem Golde nach, voller Schönheit ist. Darum tauscht sie sie nur ungern, und wenn, dann nur gegen eine Zeit, die ihr andere Schönheit bietet. Ansonsten aber bleibt sie auch gerne – und vielleicht sogar noch lieber – allein.

Um diesem Verständnis der nun also ebenfalls hoch sensiblen Königstochter Rechnung zu tragen, weist der treue Johannes den König an, sich als Kaufmann auszugeben und mit seinem Schiff einen neuen Raum aufzuspannen, quasi einen neuen Himmel für die Königstochter.

Johannes wählt dann gezielt einige Kostproben des goldenen Geistes seines Herrn aus, um sie der Königstochter zu zeigen und sie neugierig zu machen. Was die Königstochter dann auch tatsächlich begeistert, ist nicht der Wert des Goldes, sondern die Schönheit der Gestaltung:

Der Köder funktioniert und Johannes holt ihn vorsichtig ein, ohne zu drängen, ohne überzeugen oder überreden zu wollen:

Der kluge Fuchs spricht noch davon, dass der Inhalt des Raumes auf dem Schiff nicht in die Räume des Palastes passe, dass es also keine Überschneidung gebe, sondern mehr als erwartbar sei, ihr geboten würde, die Schätze also den bisher bekannten Raum überstiegen:

Und er hat Erfolg mit dieser Verheißung, dass die Königstochter jemanden treffen könnte, der größer ist als sie selbst:

Die Handlung kommt in Gang. Die Königstochter macht sich auf den Weg.

Von Angesicht zu Angesicht jetzt bestätigt sich, was bisher nur spekuliert und erahnt werden konnte: die Vollkommenheit dieser Königstochter:

Nun, Abbilder aller Art haben ihre Grenzen an den Grenzen des Abbildenden. Es zeigt sich hier also, dass der Geist des Königssohns so hoch ist, dass er mehr an Schönheit noch wahrzunehmen vermag als einst der Künstler. Wobei nicht auszuschließen ist, dass die Königstochter sich auch einfach weiterentwickelt haben könnte und daher gegenüber der viele Jahre alten Abbildung noch schöner geworden sein mag.

Jetzt geschieht eine Wendung im Märchen, die anmutet wie ein Schurkenstück, ausgeführt von dem treuen Johannes, dessen Treue seinem Herrn gilt. Oder gilt sie einer höheren Macht? Gilt sie dem Prinzip der Verbindung und dass die Göttlichkeit sich trotz aller Vollkommenheit und Ganzheit eines Individuums, trotz aller Meisterschaft und Liebe und innerem Gehaltensein, was sich in goldener Schönheit manifestiert, dass die Göttlichkeit sich doch nur im schöpferischen Funken selbst zur Welt bringt, jenem Funken, der entsteht in der Verbindung der gegensätzlichen Prinzipien, von denen außer in Gott selbst, immer noch eine weitere Trennung besteht? Selbst wenn die Prinzipien Yin und Yang im Individuum vereint sind, was sich im unermesslichen Reichtum zeigt, bleibt stets dennoch die Dominanz eines Teils der Polarität, die sich mit der gegensätzlichen Dominanz eines anderen Individuums wieder verbinden kann und muss und will zu noch mächtigerer Schöpferkraft. Die Vollkommenheit der Götter ist wohl unbestritten, und doch verbanden sie sich untereinander stets aufs Neue, um noch Größeres als die Summe ihrer Teile hervorzubringen: das jeweils göttliche Kind hatte den Eltern doch stets etwas hinzuzufügen und die Welt auf diese Art weiterzubringen und zur Entwicklung zu beflügeln. Vielleicht war der Diener von dieser Idee ereilt worden, wenn Johannes nun den Befehl gibt:

Im Innern des Schiffes findet zur gleichen Zeit hingebungsvolle Inspiration statt und auf diesem Weg, indem das göttliche Werk präsentiert und angenommen wird, werden alle Grenzen überwunden. Das ist Transzendenz:

Trotz aller Hingabe, um die es im sechsten Dreieck ebenfalls geht, die sich verpflichtende Hingabe an eine Sache, braucht, wie sich zeigt, dennoch Ebenbürtigkeit der Partner. Die Königstochter dankt dem Kaufmann dafür, dass er sie habe an seinem Reichtum teilhaben und sie habe Neues erfahren lassen. Danach aber verlangt sie zu gehen. Es ist die geistige Differenz, die sie im unterschiedlich gesellschaftlichen Stand vermutet, die sie trennt. Hier zeigt sich ihr eigene Angst vor Verletzung, der sie mit der Flucht in den Passivpol begegnet, wobei ihre Argumentation zunächst dem Hochmut im Aktivpol entspringt.

Glücklicherweise hat der Königssohn Ebenbürtigkeit durchaus zu bieten, so dass die Königstochter sich beruhigen und wieder sicher fühlen kann:

Wir lieben, was uns liebt, wenn es währe Liebe ist. Unter Ebenbürtigkeit und wahrer Liebe kann die Königstochter sich mit dem König verbinden. Sie muss dazu nicht von ihrem goldenen Dach herabsteigen, sondern verbindet sich auf gleicher Ebene, verbindet ihre Liebe mit der des Anderen, ihre Macht mit der anderen Macht.

Nun nimmt das Märchen keineswegs, wie man erwarten würde, sein Ende. Stattdessen tritt jene weitere Wende ein, von der der alte König zu Beginn des Märchens gesprochen hatte, die eigentliche Gefahr, vor der er seinen Sohn hatte bewahren wollen. Immer, wenn ein neues Licht in die Welt hinein will, vor allem, wenn es eines ist, das eine hohe Macht und Kraft an Gutem und Schönem mit sich führt, sind dunkle Kräfte nicht fern, die die Geburt des Lichts noch zu verhindern suchen. Licht würde immer ihre Pläne vereiteln, die Menschheit in Angst, Abhängigkeit und Sklaverei zu halten und sich von dieser Energie zu nähren. Der König hatte Johannes gebeten, er möge seinen Sohn vor genau diesen Gefahren behüten, in die das Erkennen von bedingungsloser Liebe ihn stürzen müsse.

Das Besondere an dem treuen Johannes, so zeigt es sich jetzt, ist, dass er offenbar ebenfalls eine starke Verbindung zur Transzendenz hat und vermutlich seine Treue genau auf jenem Vertrauen in die Transzendenz basiert. Er hat nicht nur intuitive Fähigkeiten, sondern er scheint ganz den Archetyp des Magiers zu verkörpern. Er verfügt über jedes Maß an Medialität, um sich über die verschiedenen Kanäle von Instinkt, Empathie über Intuition und Inspiration bis zur Telepathie mit Menschen und Tieren seiner Umgebung zu verbinden und diejenigen Informationen zu erhalten, die er benötigt, um wiederum dem ihm anvertrauten jungen König Sicherheit zu verschaffen. Jetzt gerade lauscht er drei Raben, Geschöpfen der Weisheit und Boten der kosmischen Intelligenz, die womöglich geradewegs beabsichtigen, von Johannes in seiner Treue belauscht zu werden. Sie fungieren als Propheten und bereiten Johannes auf die Herausforderungen vor, die am Horizont schon aufziehen und das Paar noch bedrohen, bevor es zu einem glücklichen Ende kommen kann. Die drei Raben benennen, ganz Ratgeber der Lüfte, nicht nur die potenziellen Katastrophen, sondern auch die Mittel und Wege, sie zu verhindern. Genau dazu ist die Meditation gut, die der treue Johannes so perfekt beherrscht. Es ist das lauschende Sichverbinden mit den höheren Mächten, worin auch immer die höheren Mächte bestehen und was auch immer sich das Individuum darunter vorstellt: eine kosmische Intelligenz schlechthin, die eigene Seelenfamilie, ein Geistführer, ein Krafttier oder eben die Liebe, das Absolute. Für Johannes sind es die Raben. Im Lauschen gegenüber diesen Botschaftern der kosmischen Weisheit vernimmt er Rat und Hilfe, die er unbedingt braucht, um seine Treue zu beweisen und seinen König vollends zu unterstützen, damit die Geschichte ein gutes Ende nehmen kann. In diesem Rat, den Johannes empfängt, sind zugleich Prüfungen an ihn selbst enthalten, an seine Integrität, die nicht seiner Selbstgefälligkeit und seiner Eitelkeit unterliegen darf, um ein wahrer Magier zu sein. Über Art und Sinn der Rettungsmaßnahmen und auch über ihre Quelle muss geschwiegen werden. Die Rettungsmöglichkeiten dürfen dem König gar nicht benannt werden. Es darf keine Belehrung, keine Anleitung, kein Missionieren geben, sondern es muss ein aktives Nichtstun erfolgen, das den König und seine Braut vor dem Unheil bewahrt. Gerade weil die Rettungsmaßnahmen aber kompromittierend sein werden, würde Johannes umsomehr seine Treue beweisen, falls er es schafft, ohne auf seinen Ruf zu achten, einzuschreiten, aber über sein Tun zu schweigen, statt sich zu erklären, zu rechtfertigen oder zu verteidigen. Ging es bisher im Kontext des sechsten Dreiecks um die sich verpflichtende Hingabe an eine Sache, die man um ihrer selbst willen liebt – zu lieben, um zu lieben – wechselt es nun zu einem weiteren Aspekt, der den Märcheneingang erweitert: Sicherheit wird nicht erlangt durch Deprivation, sondern durch Vertrauen in das Gehaltensein durch eine höhere Macht. Die Generationen der früheren Märchenerzähler nannten es Gottvertrauen. Dieses Gehaltensein wird im sechsten Dreieck erfahrbar, auch wenn es nicht erklärbar ist und es in der Regel auch nicht vorgesehen ist, dass man von dem Wunder dahinter erfährt. Der Archetyp des Magiers weiß dann zwar Bescheid, er hat den Raben zugehört, aber es ist nicht Sache des Herrschers, die Geheimnisse des Magiers explizit zu kennen. Er hat andere Aufgaben mit anderen Anforderungen, die er umso besser erfüllen kann, je integrierter der Magier in ihm ist, je selbstverständlicher er sich auf ihn verlässt, je sicherer er sich in dessen Händen fühlt.

Das Dilemma des sechsten Dreiecks am Ende des Gesprächs der Raben bezieht sich auf die Handlungsmöglichkeiten, die Johannes hat: Er kann sein Wissen entweder verschweigen, dann würde das Unglück für den König notwendig eintreten. Oder er kann sein Wissen mit dem König teilen, dann würde ihn selbst das Unglück ereilen. In der Praxis würde die Belehrung durch den Diener nämlich als Hochmut ausgelegt werden, zumal er seine Behauptungen nicht belegen könnte. Er würde zwar versuchen, den König vor Verletzung und Schaden zu bewahren, das aber, indem er sich über ihn stellen und ihn bevormunden müsste. Es könnte ihm sogar als Fanatismus ausgelegt werden, wenn er auf seinen Behauptungen besteht, sogar in den Kampf zieht, während niemand nachvollziehen kann, worum es bei diesem Kampf geht. Es ist also nicht das Sprechen, worum es in diesem Dreieck geht, nicht das Ereifern und nicht das Missionieren. Das Mittel der Wahl ist es, in seiner Hingabe zu bleiben und das ist in Johannes Fall die Treue:

Als das Schiff anlegt, geschehen die Dinge so, wie die Raben sie prophezeit hatten: Der feurige Hengst, der den Bräutigam entführen würde, das vergiftete Brauthemd, die unerklärliche Ohnmacht der Braut. Der treue Johannes bleibt sich und seinem Entschluss treu und bewahrt den König konsequent vor jeglichem Schaden, indem er sich selbst in die Waagschale wirft. Er schweigt über seine Motivation, zu handeln, um die Mission nicht zu gefährden. Als man versucht, ihn vor dem König zu verunglimpfen und Zweifel und Zwietracht in der Beziehung zwischen dem König und seinem Diener zu säen, beweist der König seinerseits Loyalität und Vertrauen. Er bleibt also ebenfalls bei sich, auch wenn ihm das Geschehen momentan noch gänzlich unverständlich erscheint. Sein Urteilsvermögen aber basiert auf seiner Erfahrung mit Johannes, die sich dem jungen Herrscher gemäß und der Königstochter würdig, in Weisheit verwandelt:

Wer weiß, wozu es gut ist. Mehr Vertrauen in eine höhere Macht wie auch in einen Getreuen kann nicht erbracht werden. Allerdings besteht die Prüfung hier für beide, den Magier und den Herrscher. Während der Magier seine Prüfung zunächst besteht, drei Mal seiner sich auferlegten Verpflichtung nachkommt, ohne sich zu offenbaren, hält der Herrscher der Prüfung nur zwei Mal stand. Beim dritten Mal sieht er seine Autonomie verletzt und er gleitet ab in den Schattenpol des Tyrannen (7. Dreieck) oder des Racheengels (6. Dreieck). Er lässt Johannes ins Gefängnis werfen und zum Tode verurteilen. Diese weitere Prüfung meistert dann auch Johannes nicht mehr und nutzt das Privileg der letzten Aussprache eines zum Tode Verurteilten, um sich dem König gegenüber doch noch zu erklären.

Eigentlich würde er damit seine Begnadigung bewirken, wäre es nicht so, dass es dem inneren Magier eben verboten war, zu sprechen und sich zu offenbaren.

Als Konsequenz für seinen Hochmut, sich eben doch verteidigen zu wollen, verfällt Johannes in den anderen extremen Pol der Deprivation von allem Leben: Er wird zu Stein. Er wird zu Stein, weil er seinem gesamten Wesen untreu geworden ist und fortan den Archetyp des Magiers nicht mehr verkörpert, wenn er die Geheimnisse des Himmels nicht zu wahren vermag (6. Dreieck). Zugleich dürfte, dem Bibelgleichnis ähnlich, in dem Lots Frau zur Salzsäule erstarrt, als sie sich Gottes Verbot widersetzt und sich nach der zerstörten Stadt Sodom umdreht, der Schreck des Königs über seine eigene Schlechtigkeit auf den Diener projiziert worden sein (7. Dreieck), was ebenfalls zur Erstarrung führt.

Wie schon im Rapunzel-Märchen, in dem zwei erleuchtete Herrscher sich miteinander verbinden, bringt auch dieses Königspaar Zwillinge zur Welt. Nun wird das Vertrauen des Königs und der Königin noch einmal biblisch geprüft. Wie in der Erzählung des Alten Testaments, in der Abraham von Gott aufgefordert wird, seinen Sohn Isaak zu opfern, fordert der als versteinerte Statue im Gemach des Königs stehende treue Johannes den König auf, zu seiner Erlösung seine Kinder zu opfern. In der jüdischen Tradition wurde das Opfer, das Abraham zu erbringen bereit war, als Bindung an Gott gedeutet. Unter anderem um diese Bindung geht es auch hier im Märchen, wenn Johannes präzise Anweisungen gibt, wie mit den Kindern zu verfahren ist, um den Treuebruch durch den König auszugleichen und Johannes ins Leben zurück zu holen. Johannes war immerhin Christus gleich für den König gestorben. Allerdings geht es hier auch um Entwicklung und Überwindung der Angst vor Verletzung. Während der alte König in seiner großen, auf den Sohn projizierten Angst, noch das Anschauen des Bildes verhindern wollte, hat der junge König diese Angst vor Verletzung überwunden und ist bereit, seine Kinder zu opfern. Die Basis dafür ist erneut sein Vertrauen. Indem er Vertrauen riskiert, kann er wie Abraham das unendliche Gehaltensein in der Liebe spüren. Es sagt ihm, dass seine (kosmische) Familie da ist und sich um ihn kümmert. Für den König wird diese Familie von dem treuen Johannes repräsentiert, der tatsächlich wieder zum Leben erweckt wird.

Im Gegensatz zum Abraham-Isaak-Gleichnis wird die Opferung der Kinder hier im Märchen tatsächlich durchgeführt. Die erwiesene Treue wird nun umgekehrt belohnt und Johannes, der wiedererstandene Magier, ist in der Lage, die Kinder seinerseits ins Leben zurückzuholen.

Die Königin wird vom König nun auch noch geprüft, aber für sie bleibt es bei der hypothetischen Idee, der die Königin gedanklich zustimmen soll. Da König und Königin einander in ihrer seelischen Entwicklung ebenbürtig sind, denkt die Königin wie der König und erklärt sich bereit, die Verantwortung für ihr mangelndes Vertrauen und ihre Untreue zu übernehmen. Sie würde die Kinder ebenfalls opfern, wenn sie Johannes dadurch dessen Treue vergelten könnte. Ein wahrer Herrscher ist der, der Fehler eingestehen kann und nach Kräften für ihre Wiedergutmachung sorgt. Indem der König Johannes nun durch eigene Kraft ins Leben zurückgeholt hat, hat er ihn, den Archetyp des Magiers, in sein eigenes Leben vollständig integriert. Er wird dem Herrscher von nun an ganz im Vertrauen und sehr selbstverständlich zur Seite stehen. Der Schatten der Angst ist überwunden. Weise Herrscher fürchten sich nicht vor Verletzung, sondern lassen sich von ihren (inneren) Magiern beraten und leiten. Das tun sie ganz ohne Hokuspokus, sondern in unaufgeregter Souveränität, indem über die Quelle ihrer Weisheit nicht explizit gesprochen werden muss (und sogar darf). Man stelle sich einen Herrscher in einer dunklen Hexenküche über dampfendem Gebräu magische Sprüche schwadronierend vor! Für den treuen Johannes aber, den Archetyp des Magiers, ist es essenziell wichtig, dass sein Herrscher ihm vertraut, denn Treue und Vertrauen bilden über das Herz eine lebensnotwendige Interdependenz. Der treue Johannes kann seiner Essenz nach nur wirksam werden, wenn man seinen Fähigkeiten vertraut und der Herrscher kann von der Treue nur profitieren, indem er der Medialität seines Magiers ebendieses Vertrauen schenkt. So kann die Angst vor Verletzung abgelegt werden. Der Herrscher ist in der Führung seines Magiers in Sicherheit.

Posted on 11. Mai 2018 in Märchenmeditationen

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