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Der Teufel mit den drei goldenen Haaren – Märchenmeditation

Weshalb dieses Märchen nicht den Titel “Das Glückskind” trägt, ist mir rätselhaft. Und ich finde die Titelgebung auch irreführend. Der Teufel ist nur ein Helfer, aber er ist nicht der Held des Märchens. Der Held des Märchens ist ein Junge, der einer armen Frau geboren wird und bei seiner Geburt “eine Glückshaut umhatte”. Dem Kind wird geweissagt, dass es im Alter von vierzehn Jahren die Tochter des Königs heiraten werde. Ich würde diese Weissagung im Drama-Dreieck der Präsenz-Seite zuordnen. Jemand hat es unternommen, für den Jungen in dessen Schicksalsschwingung hineinzulauschen und ihm gegenüber über sein Gewahrsein zu sprechen, ihm also sich selbst zu spiegeln, so dass er etwas Wichtiges über sich selbst erfahren konnte, das seinem Wachstum und seiner Entwicklung dient.

Es ist gleichgültig, dass es im Augenblick der Prophezeiung ziemlich unwahrscheinlich erscheint, dass dieser Knabe von armen Eltern einmal der Gatte der Königstochter und damit später König sein würde. Man ist völlig zuversichtlich über den Wahrheitsgehalt der Prophezeiung, denn über die Bedeutung der Glückshaut wird gesagt: „Was so einer  unternimmt, das schlägt ihm zum Glück aus.“

Tatsächlich glaubt auch der König an die Wahrheit der Prophezeiung und ist nicht gerade erfreut. Er wird explizit als jemand mit einem bösen Herzen beschrieben, so dass es folgerichtig erscheint, dass er versucht, die Weissagung zu sabotieren. Er will den Jungen sofort loswerden, kauft ihn den Eltern ab und wirft ihn in einer Schachtel in den Fluss. Die Eltern stehen dabei mit ihrer Reaktion auf das Angebot des Königs im Passivpol. Sie handeln gegen ihre Überzeugung, überreden sich dann selbst und werden zu Opfern der tyrannischen Machenschaften des Königs.

Der Prophezeiung gemäß überlebt der Junge und wird an Kindes statt von einem Müllerspaar aufgenommen und liebevoll großgezogen. Das ist bereits Teil des Plans, denn so wird der Junge angenehm in seinem Wesen, so dass er der Königstochter später überhaupt gefällt.

Glückskind und König aber begegnen sich auf seltsame Art wieder. Das müssen sie, denn sonst könnte die Prophezeiung sich nicht erfüllen. Der Widersacher versucht erneut, die Prophezeiung zu sabotieren, wird diesmal aber unfreiwillig zum Erfüllungsgehilfen. Der König schickt den Jungen mit einem Brief von tödlichem Inhalt zur Königin ins Schloss. In dem Brief wird die Königin aufgefordert, den Jungen bei dessen Ankunft sofort zu töten. Es stehen wieder pflichtschuldige Menschen im Passivpol, die es dem Tyrannen ermöglichen, seinen destruktiven Plan auszuführen.

Jetzt kommt das Schicksal ins Spiel und zwar das persönliche Schicksal eines Glückskindes:

Das ist seine Grundhaltung, seine Schwingung, man könnte sagen, die Hintergrundmelodie seines Lebens.

Der Junge verirrt sich im Wald. Es ist gerade der Einfluss des Verirrens, das Vom-Weg-Abkommen, das bei Rotkäppchen noch so unbedingt vermieden werden sollte, der dem Glückskind die Rettung bedeuten wird. Hätte sein Weg ihn schnurstracks ins Schloss geführt, wäre die Botschaft ausgeführt worden und der Junge wäre längst tot. So aber schlägt er einen Umweg ein, geht ihn voller Vertrauen und Zuversicht und landet in einer Räuberhöhle. Schützt das Wissen um die Glückshaut ihn?

“Mag kommen, wer will”, entgegnet der Junge der besorgten Alten, die den Räubern den Haushalt führt, “ich fürchte mich nicht.” Interessant ist, dass der Junge zugleich ein gutes Gespür für sich selbst hat und dem Gespür gemäß völlig angemessen handelt: “Ich bin aber so müde, dass ich nicht weiter kann”. Darauf legt er sich in der Räuberhöhle auf eine Bank und schläft ein. Er hätte jetzt auch in Angst verfallen, die Höhle wieder verlassen und mit dem Weiterwandern über seine Kräfte gehen können. Indem er der Angst nachgegeben hätte, hätte er womöglich sein eigenes Unglück heraufbeschworen, denn die Räuber hätten ihn vielleicht an einer Stelle im Wald gefunden, an der er keine Fürsprache gehabt hätte.

Von dem Jungen aber geht eine absolut vertrauensvolle und friedliche Schwingung aus, mit der andere Wesen in Resonanz gehen. Die Alte in der Räuberhöhle schützt den Jungen vor den Räubern und die Räuber schützen ihn vor des Königs Befehl. Sie formulieren den Brief, den sie in den Sachen des Jungen finden, neu, und lassen den Jungen ahnungslos seiner Wege ziehen. Die alte Frau und die Räuber werden zu vernünftigen Helfern, die im Drama-Dreieck der erwachsenen Energie aus Präsenz (Yin) und Konsequenz (Yang) zugeordnet werden können.

Das Schicksal aber bedient sich der Hände in der Welt und so haben die Räuber ausgerechnet jenen Text in den Brief geschrieben, der dazu führen wird, dass sich die Prophezeiung erfüllt. So unwahrscheinlich die Weissagung geklungen haben mag, es hat eins zum anderen geführt, so dass der Junge jetzt tatsächlich die Tochter des Königs heiratet.

Eigentlich könnte das Märchen hier zu Ende sein. Die Königstochter ist mit der Wahl ihres Ehemanns zufrieden und das Paar lebt vergnügt und zufrieden, wie es im Märchen heißt.

Das Märchen ist aber noch nicht zu Ende. Bisher hätten wir von dem Jungen mit der Glückshaut eher den Eindruck gewinnen müssen, dass ihm die Dinge einfach so zufliegen, ganz ohne sein Zutun. Das scheint aber nicht die wahre Bedeutung einer Glückshaut zu sein, denn es heißt ja: “Was so einer unternimmt, das schlägt ihm in Glück aus.”

Im zweiten Teil des Märchens kommt der König an den Hof zurück und sieht sich betrogen. Er will das Schicksal keineswegs akzeptieren und er versucht noch immer, Widerstand zu leisten und es zu kontrollieren. So kommt erst jetzt der Teufel mit den drei goldenen Haaren ins Spiel. Die drei goldenen Haare vom Haupt des Teufels zu holen wird vom König als Prüfung erdacht, um die Würdigkeit des Jungen als Gemahl der Prinzessin zu überprüfen. Das ist die offizielle Version. Tatsächlich versucht der König das Schicksal zu überlisten, denn er hofft auf den sicheren Tod des Jungen in der Höhle des Teufels.

Der Junge fürchtet sich allerdings auch nicht vor dem Teufel, obwohl die Prophezeiung nicht weiter ging als bis zur Heirat mit der Prinzessin. Ob der Junge auch verheiratet bleiben oder vorzeitig sterben würde, darüber hat er keine Auskunft. Es ist nur seine Glückshaut, die ihm weiter bedingungslose Zuversicht gewährt. Dabei handelt es sich nicht um mangelndes Urteilsvermögen wie im Märchen “Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen”, das den Jungen dazu bringt, den Teufel nicht zu fürchten, sondern es ist sein würdevolles Selbstvertrauen, das ihn dem König in souveräner Haltung mitteilen lässt: “die goldenen Haare will ich wohl holen, ich fürchte mich vor dem Teufel nicht.” Eine Bedingung stellt er nicht. Falls er die Schikane erkennt, steht er darüber. Er lässt sich auf das Spiel des Königs nicht ein, sondern behält sein Ziel im Auge, das er der Großmutter des Teufels gegenüber später formulieren wird: Er will seine Frau behalten. Und so nimmt er einfach Abschied und begibt sich auf die Wanderschaft. Kommentarlos. Gelassen. Voller Selbstsicherheit.

Drei Menschen begegnen ihm auf seinem Weg, die ihn unterwegs um einen weisen Rat bitten. Was er wüsste, wollen sie zunächst von ihm wissen und der Junge antwortet: “Ich weiß alles.” Es ist allerdings nicht so, dass er sich tatsächlich für allwissend hält oder eine Antwort fantasieren würde. Im Grunde beschäftigt er sich gedanklich nicht weiter mit dem Problem der Leute, sondern vertröstet sie auf einen späteren Zeitpunkt. Er will ihnen die Antwort bei seiner Rückkehr mitbringen. Seine Zuversicht in seine Kompetenz basiert auf der Selbstsicherheit, dass er schon herausbekommen werde, was an Informationen benötigt wird, auch wenn sie ihm im Moment nicht vorliegen.

Wir könnten jetzt meinen, die Geschichte spielte sich im ersten Dreieck ab und es ginge um die persönliche Kompetenz des Jungen, wie im Märchen “Die goldene Gans”. Die Glückshaut aber bringt eine spirituelle Komponente ins Spiel. Wenn man sich den Körper als in einen Kreis gelegt vorstellt, bei dem Scheitel und Fußspitzen sich berühren (im Yoga gibt es so eine Position), berühren sich Wurzel- und Kronenchakra. Vom Element der Glückshaut ausgehend wird jedes Lebensthema auf eine höhere Ebene gestellt und so wird die persönliche Kompetenz und die Frage: “Was weißt du?” zu einer Frage nach der Genialität des Glückskindes, auf die es antwortet: “Ich weiß alles.” Und zwar weiß es nicht aus sich selbst heraus alles, sondern aufgrund seiner Anbindung an die kosmische Intelligenz, die ihm seine Glückshaut bringt. Dessen ist der Junge sich offenbar bewusst. Darum ergeht er sich den Fragenstellern gegenüber weder in Selbstzweifeln, dass er die nötige Antwort nicht erbringen könne, noch stürzt er sich in einen unangemessenen Beweiszwang und tut so, als könne er hellsehen. Stattdessen wartet er intuitiv ab, bis der Augenblick und der Ort richtig sind, so dass er seine Antworten erhalten kann, und er weiß im Voraus, dass sie ihm von einer höheren Macht gewährt werden.

Ganz der Resonanz des Glückskindes gemäß nimmt die Großmutter des Teufels den Jungen freundlich auf. Der Junge hat nichts weiter zu tun, als klar und offen zu formulieren, was er will:

“Ich wollte gerne drei goldene Haare von des Teufels Kopf.” Andere würden es so in der Bäckerei formulieren: “Ich wollte gerne drei Semmeln kaufen.” Es scheint keinen Grund zu geben, eine andere Erwartung als die zu haben, dass der Wunsch erfüllt wird. Und vielleicht weil er die klare Erwartung hat, wird ihm der Wunsch erfüllt. Dem kosmischen Manifestationsgesetz jedenfalls würde der Mechanismus entsprechen. Zweifel halten uns von dem fern, was wir uns zu wünschen glauben. Die Illusionsbildung und damit die innere Lüge bringt uns auch nicht weiter, denn sie entspringt ebenfalls der Energie der Angst. Die Ehrlichkeit des Jungen und die Information, dass er sonst seine Frau nicht behalten könne, was ein Wunsch ohne jeden Hintergedanken und ohne Betrugsabsicht ist, rühren das Herz der Großmutter. Es ist sein Vertrauen und seine eigene Redlichkeit, die sich in der Welt spiegeln und sich bewahrheiten.

Der Junge legt nicht nur die Beschaffung der Haare, sondern auch die der erbetenen Informationen in die Hände der großmütigen Großmutter des Teufels. Was er selbst danach noch zu tun hat, und was sein Genie ausmacht, ist zuzuhören. Die Großmutter verwandelt ihn in eine Ameise, so dass er aus des Teufels Gewahrsein verschwinden und selbst dennoch ganz präsent sein kann. Er überlässt sich dem Flow der Dinge und er erfährt alles, was er braucht, indem er genau zuhört, den Menschen, Gott und dem Teufel.

Das Glückskind überlässt sich einfach dem Plan seines Schicksals, fließt mit dem Flow der Dinge und hört zu. Gott und Teufel sind beide allwissend und so erhält das Glückskind durch die List der Großmutter seine Informationen und die drei goldenen Haare. “- Da hast du die drei goldenen Haare, sprach sie, was der Teufel zu deinen drei Fragen gesagt hast, wirst du wohl gehört haben. – Ja, antwortete er, ich habe es gehört und will es wohl behalten.” Eine Gegenleistung wird nicht von ihm verlangt. Dem Glückskind wird um seiner selbst willen geholfen.

Auf dem Rückweg zeigt sich dann der Weitblick und die Synthesefähigkeit des Glückskindes und damit sein eigener Beitrag zum Gelingen dessen, was es unternimmt. Der Junge bringt alle Informationen an die richtigen Stellen, bringt sie vor allem zum richtigen Zeitpunkt an und nicht etwa zu früh, was im Fall des Fährmanns fatale Konsequenzen für den Jungen gehabt hätte, und verknüpft die Information dann noch mit einem weiteren Kreis.

Obwohl der Junge selbst für den Erhalt der Informationen von höchster Stelle keine Gegenleistung erbringen muss, wird er von denjenigen, für die er die Informationen eingeholt hat, fürstlich entlohnt! Sie sind ihm dankbar, dass er ihnen seine Fähigkeiten, der kosmischen Intelligenz zu lauschen, zur Verfügung stellt.

Diese Dynamik nochmal ins Dreieck zu stellen, ist wichtig für die Wirkung, die das Glückskind in der Welt erzielt, damit das, was es unternimmt auch tatsächlich zum Glück ausschlägt. Der Junge stellt sich als Medium zur Verfügung und übermittelt die benötigten Informationen als Ratschlag. Die Tatsache, dass die beiden Wächter sich für den Rat des Jungen bedanken und ihn dafür entlohnen, sagt, dass sie den Rat für dienlich und wertvoll halten und ihn befolgen werden. So schlägt das, was das Glückskind unternimmt, zum Glück der Anderen und demnach zu seinem eigenen Glück aus. Würde die erwachsene Seite der Konsequenz fehlen, würde der Glücksfluss leider unterbrochen werden. Für ein Glückskind aber scheint es dem Gesetz der Resonanz nach nicht vorgesehen zu sein, dass es auf Menschen trifft, die sich seiner Arbeit als nicht würdig erweisen und an dieser Stelle in die Prokrastination gehen, die exakt zum Dreieck gehört, das hier besprochen wird:

In der therapeutischen Praxis würde man dazu sagen: Er arbeitet ausschließlich mit echten Klienten, die einen Auftrag an ihn haben, nicht mit Menschen, die nur jammern und sich selbst bemitleiden, aber an ihrem Leben nichts verändern wollen. Solche Menschen würden ihn nämlich auch nicht angemessen honorieren, weil die Arbeit für sie keinen Wert hätte.

Der Ausgleich, den der Junge nachhause bringt, entfacht allerdings die Gier des Königs, der gegenüber der Junge sich gänzlich gelassen zeigt. Er geht wiederum nicht in den Passivpol und versucht seine Schätze zu schützen, sondern verlässt den Schattenbereich und agiert aus seiner eigenen Ausgeglichenheit heraus, die er bereits daraus gezogen hatte, dass ihm alles so gut geglückt war und die sich darin erweitert, dass er zuhause von seiner Frau voller Freude empfangen wird.

Das letzte Gefecht der Yang-Kräfte: die Emotion der Gier gegen die ruhige, souveräne Vernunft. Jetzt verknüpft er sein erhaltenes Wissen aus dem einen Kreis mit einer Notwendigkeit der Grenzsetzung in einem anderen Kreis und bewirkt eine Befreiung in einem dritten Kreis. Der König erhält eine Selektion von Informationen, die ihn dazu bringt, dem Fährmann die Stange abzunehmen, ohne zu erfahren, wie man die Stange wieder los wird.

So eine konsequente List hätte man dem sanften Wesen des Glückskindes gar nicht zugetraut. Aber ein Glückskind zu sein bedeutet lediglich, dass einem das Leben gelingt. Man hat dazu nichts weiter zu tun, als dem Leben nicht im Weg zu stehen. Es bedeutet dagegen nicht, dass man naiv wäre, keine Grenzen setzen könnte und nicht wüsste, wie man sie durchsetzt, wenn es nötig sein sollte. Für ein Glückskind ist es nur selten nötig. Meistens erledigen sich die Dinge für ein Glückskind von selbst, wenn es nur in seinem Vertrauen bleibt, mit einer Glückshaut geboren zu sein, was bedeutet, dass so einem gelingt, was er unternimmt, weil das seine Lebensmelodie ist.

Posted on 21. März 2018 in Märchenmeditationen

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