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Der mobile Schutzraum für Hochsensible

Und wozu das?

“Diese jungen Leute haben doch heute immer nur noch die Kopfhörer auf, oder? Die kriegen doch gar nichts mehr mit von der Welt, oder? Ich meine, ist doch so, oder?“

Die, das ist im Moment der oben zitierten Aussage ein vorbeigehender Jugendlicher mit leuchtend grünen Kopfhörern auf den Ohren. Und der Jugendliche steht nach Meinung der Sprecherin repräsentativ für diejenigen Jugendlichen, „die das heutzutage alle so machen“.

“Was gibt es denn da draußen so Spannendes zu hören?”, frage ich nach. “Was gibt es zu hören, das sich lohnen würde, diesen kleinen privaten Raum im Raum dafür aufzugeben und die Kopfhörer abzusetzen?”

“Na, Vögel”, sagt meine Gesprächspartnerin.

“Du meinst, du gehst jetzt diese Berliner Straße hier entlang und hörst Vögel?”

“Naja, das vielleicht nicht, aber die machen das ja überall.”

Und überall sind im weiteren Gespräch: U-Bahn-Stationen, Straßenbahnen, Züge und Busse, S-Bahnsteige und Bahnhöfe, Fußgängerzonen, Supermärkte, Cafés, Restaurants, Kantinen, die Flure von Universitäten und Schulen, Bibliotheken.

Überall eben. Glückliche Jugendliche. Sie scheinen das Geheimnis erfasst zu haben, wie man als sensibler oder hochsensibler Mensch durch die Welt kommt und dabei der durch die Welt erzeugten Überstimulierung so gut wie möglich entkommt. Denn für meine Begriffe sind das nicht alle, die das so machen, sondern es sind die Sensiblen unter den Jugendlichen, die sich der Welt nicht so gänzlich schutzlos aussetzen wollen, die ihre Gedanken mögen und ihre Nerven schonen und ihren Gefühlen einen eigenen Resonanzraum geben wollen. Einen Raum im Raum. Diese Weisheit erhielt ich von einer Jugendlichen, die ihren Schulweg grundsätzlich mit Kopfhörern, Kapuze und Buch zurücklegt. „Sonst machen mich die ganzen Energien und Gedanken der Leute verrückt“, sagte mir die damals 11-Jährige.

Raum im Raum

Dr. Elaine Aron schildert in “Sind Sie hochsensibel?”, wie sie für ihr hochsensibles Kind Decken über die Wiege hängte, um einen kleinen ruhigen Raum im Raum zu schaffen, in dem das Kind sich sicher und geborgen fühlen und schließlich einschlafen konnte. “In seinem kleinen Zelt war alles ruhig und heimelig, besonders wenn wir ihn in einer ungewohnten Umgebung zu Bett brachten”, schreibt Elaine Aron. Im Laufe der inneren Arbeit im Schreibspiel entdecken meine Klienten oft das Bedürfnis, ihrem inneren Kind eine warme Decke zu schenken. Besonders wenn das Thema Verlustangst bearbeitet und integriert wurde, bietet eine besondere Decke oder auch ein selbstgestrickter Poncho am Schluss der Arbeit die Möglichkeit, der transformierten Energie, die von der inneren Erstarrung zurück in den Fluss geführt wurde, eine äußere Form zu geben. Eine Decke oder ein Poncho, den man sich umlegt, wirkt wie eine Umarmung, für die man selbst Sorge trägt. Der innere Erwachsene legt dem inneren Kind den Arm um die Schultern.

An einer späteren Stelle des Buches “Sind Sie hochsensibel?” spricht Aron über die Notwendigkeit von Ruhe und Rückzug für HSP und schlägt unter anderem die transzendentale Meditation vor. Meditation, schreibt sie, könne uns das Gefühl von Sicherheit geben, was wiederum in Studien anhand des Cortisolspiegels im Blut von Menschen nachgewiesen wurde, die regelmäßig meditierten. Bezogen auf eine potenziell als überstimulierend empfundene Situation nennt Aron als eine von mehreren psychologischen Methoden im Umgang mit der Übererregung: “Wiederholen Sie einen Satz, ein Gebet oder ein Mantra – etwas, das Sie durch tägliche Übung mit tiefer innerer Ruhe assoziieren.” (Elaine Aron: “Sind Sie hochsensibel?”)

Der immaterielle Raum

Während meiner Ausbildung zur Schreibtherapeutin wurde uns ebenfalls Unterricht im autogenen Training erteilt, einer Variante der Selbsthypnose, die auf der Autosuggestion basiert. Die Trainerin berichtete uns, wie die erfolgreiche Konditionierung am Ende aussehen könnte. Sie selbst sei in der Lage, sagte sie, sich nur einen Begriff ins Bewusstsein zu rufen, um den gesamten Körper auf der Stelle entspannen zu lassen. Es könnte auch eine Geste oder eine Berührung oder eine Melodie, eine Farbe oder was auch immer mit dem Gefühl der Entspannung und Gelassenheit konditioniert worden sein, ganz wie Pawlow den berühmten Hund zum Speichelfluss gebracht hat, indem er das Geräusch einer Glocke mit der Futtergabe verbunden und so die automatische Reaktion beim Hund konditioniert hatte. In der Menschenwelt setzen wir die konditionierte Glocke zu Weihnachten ein. Oder gibt es wahrhaft jemanden, der bei klingenden Glöckchen nicht an Schnee, Kamin Bratäpfel, Weihnachtsbäume und Geschenke denkt?

In einer Internet-Community unter HSP konnte ich aus einer Diskussion zum Thema Abgrenzung herauslesen, dass einige HSP in der Lage sind, sich eben solche Räume aktiv herzustellen. Zur Diskussion stand Elaine Arons Zitat:

“Ich habe einige HSM getroffen, die mithilfe ihres Willens fast sämtliche Reize Ihrer Umgebung ausblenden können (insbesondere einer, der in einer überbevölkerten Vorstadtsiedlung groß geworden ist) – das ist eine ganz schön praktische Fertigkeit. Hierbei ist wichtig, dass dies willentlich passiert. Es geht nicht um eine unfreiwillige Bewusstseinsspaltung oder Ausklammerung der Realität. Ich rede von dem Entschluss, Stimmen oder andere Geräusche um sich herum auszublenden oder zumindest deren Einfluss möglichst gering zu halten.“ (Elaine Aron: „Sind Sie hochsensibel?“).

Die Mitglieder der Community antworteten auf die Frage, ob sie damit persönlich Erfahrung gemacht hätten, dass sie in der Tat in der Lage seien, einen überfüllten Raum mental zu verlassen. Von einem Null-Blick war die Rede, indem die Augen einen unendlichen Punkt oder auch einen unbewegten Gegenstand in der Nähe fokussierten. Es wurde auch berichtet, wie der Blick ganz nach innen gerichtet werden könne, so dass in der Konsequenz Geräusche unwichtiger und leiser erscheinen würden. Eine Teilnehmerin führte den Mechanismus so aus, dass sich mit dem Blick nach innen dort eine innere Welt auftäte und zugleich ein Kraftfeld entstünde, durch das hindurch die äußere Welt gedämpft wahrgenommen würde. Verglichen wurde dieses Kraftfeld in der weiteren Diskussion mit einem Schutzschild und einem Bannkreis. Die berichtenden HSP betonten, dass es ihnen allerdings ohne diese Praxis keinesfalls gelingen würde, äußere Reize auszublenden. Dieser Raum im Raum ließe sich aber sowohl bewusst als auch unbewusst herstellen. Jemand schrieb, es fühle sich an, als handelte es sich um einen Schutzreflex des eigenen Unterbewusstseins. Zugleich hinge das Gelingen der persönlichen Praxis aber dennoch vom eigenen emotionalen Eingebundensein ab. Sobald man sich emotional involviert fühle, fiele es deutlich schwerer, diesen Raum im Raum herzustellen und aufzusuchen, berichteten die an der Diskussion beteiligten HSP.

Diese Beobachtung dürfte mit der Variante zusammenfallen, in der eine der Beteiligten berichtete, sie könne ihre Ohren innerlich wegklappen, gerade so, wie Katzen es könnten, um Geräusche auszublenden. Von Katzen heißt es, sie seien mit der Zeit in der Lage, eine Geräuschsituation als für sie persönlich relevant oder irrelevant zu unterscheiden, und sie könnten irrelevante, weil nicht als bedrohlich empfundene Geräusche gänzlich ausblenden. Mit dem Bild ihrer Katze vor Augen habe sie diese Fähigkeit geübt, berichtete das Community-Mitglied, sich im größten Trubel innerlich unbeteiligt zu halten. Der Raum im Raum kann, wie in einem weiteren Beitrag berichtet wurde, auch über die Präsenz eines Tieres hergestellt werden. Die Gelassenheit eines Hundes könne als Brücke dienen, um die eigene Gelassenheit herzustellen. Als Fazit wurde festgehalten, dass offenbar die Brücke das entscheidende Element sei, das für jeden individuell etwas Anderes darstellen kann. Die Brücke dient dann als Anker, um das konditionierte Gefühl der Entspannung aufrufen zu können. Für mich persönlich ist es das Buch, der Text, egal in welcher Art, der so einen Anker für einen jederzeit möglichen Rückzug darstellt.

Anker

Elaine Aron spricht zum Beispiel über die Macht der Musik und wie sie unsere Stimmung verbessern könne. Meiner Erfahrung nach hat die Musik diese Macht, indem sie unsere Gedanken zu klären vermag und uns zugleich mit uns selbst verbindet. Wir mögen aber beachten, rät Aron, “dass Musik eine ungeheure Wirkung auf die meisten HSM hat, die richtige Auswahl ist also unerlässlich” (Elaine Aron: “Sind Sie hochsensibel?”). Zum Beispiel könnte die Musik zunächst dem Zweck der Beruhigung oder der Zerstreuung dienen, bevor sie die weitere Aufgabe leiste, uns mit unserem höheren Selbst zu verbinden. Die Musik würde dann, genau wie die Meditation oder die Imagination oder eine kreative Betätigung, zu den nichtgegenständlichen Rückzugsorten gehören, die Aron als die Verlässlichsten ansieht, Orte, auf die wir uns in Stresssituationen mental zurückziehen und verlassen können. Im Schreibspiel erarbeiten die Klienten sich ihre eigene Playlist von sieben Titeln, indem sie jedem vollendeten Themenkomplex in diesem Stück Individuationsbegleitung eine persönliche Songauswahl zuordnen. Da die Themenkomplexe bereits während der geführten kreativen Arbeit mit den Energiezentren (Chakren) assoziiert werden, steht die Energie und die Assoziation jedes einzelnen Songs anschließend als persönlicher Ruheort zur Verfügung. Falls man alle sieben Songs hintereinander abspielt, so berichten Klienten, ruft man sich die gesamte persönliche Entwicklung dieser Arbeit, die die Ressourcen der sieben Zentren freigelegt hat, in Erinnerung und aktiviert sie zugleich immer wieder neu. Falls man dagegen nur ein Zentrum stärken möchte, zum Beispiel um eine empfundene Disbalance auszugleichen oder sich gezielt auf eine Herausforderung vorzubereiten, kann auch das Anhören oder Singen oder Summen oder auch nur das innerliche Mitschwingen mit einem Song aus dieser sehr persönlichen Playlist genügen. Während der Arbeit des Schreibspiels dienen die Songs als Anker, die ihre Wirkung nach dem Schreibspiel entsprechend des eingangs erläuterten Mechanismus entfalten.

Sich begleitet fühlen

Eine weitere Art, einen Raum im Raum für sich herzustellen, benennt Elaine Aron in der Begleitung durch eine andere Person. “Starke Reize können Sie aber auch dann am Besten aushalten, wenn jemand bei Ihnen ist, der Sie beruhigt und Ihnen das Gefühl der Sicherheit vermittelt” (Elaine Aron: “Sind Sie hochsensibel?”). In der Überlegung, dass wir keineswegs in allen potenziell übererregenden Situationen auf eine physisch anwesende Begleitung hoffen können, bin ich über eine Idee gestolpert, die im Zusammenhang mit der Hochsensibilität relativ neu vertreten wird und keineswegs unumstritten ist. Die Ärztin Dr. Michelle Haintz verbindet das medizinisch offenbar relativ häufig auftretende Phänomen, dass es bei Mehrlingsschwangerschaften vorzeitige, in den meisten Fällen aber unbemerkte Abgänge eines Teils der Föten gibt, mit den Schattenaspekten, die sich in der Folge von narzisstischen Verletzungen ergeben, zu denen es aufgrund des neurologischen Phänomens der Hochsensibilität im Laufe der Individuation leichter kommen kann als unter dem Eindruck einer durchschnittlichen Sensibilität. So erklärt sie Verhaltensweisen wie Perfektionismus und Leistungsdruck, ein mangelndes Selbstwertgefühl, Einsamkeit und Kontrollsucht, Angst vor der Dunkelheit oder auch Ängste im Allgemeinen, Depression, die Sehnsucht nach dem Tod, Selbstsabotage, Helfersyndrome, Co-Abhängigkeit und so weiter mit einer Traumatisierung, die bereits im Mutterleib erfolgte, indem der Fötus dort Zeuge wurde, wie sein Geschwisterkind, sein Zwilling oder Drilling, verstarb. Die Vertreter dieser Idee fügen, genau wie C. G. Jung seinerzeit, eine spirituelle Komponente in den Kontext ein. Jung ging in seinem Animus- und Animakonzept von einem inneren Wegbegleiter aus, einem gleich- oder häufiger noch gegengeschlechtlichen energetischen Wesen. Für ihn war es notwendig, dieses innere Wesen zu erkennen, um zu verhindern, dass es in der Sehnsucht nach Selbstfindung auf andere Menschen, vor allem auf potenzielle Partner projiziert würde. Die Projektion führt über kurz oder lang dazu, dass es zu einer Enttäuschung kommt, dann nämlich, wenn die Lichtquelle der ersten Verliebtheit sich verdunkelt oder ausgeschaltet wird. Die Vertreter der Theorie des alleingeborenen Zwillings beschreiben diese Sehnsucht und die Projektionsgefahr ähnlich, allerdings richtet sich die Suche hier auf die energetische Verbindung zu dem früh verstorbenen Zwilling oder Drilling. Sie fügen der abstrakten Idee der inneren Begleitung den Gedanken hinzu, dass dieser Zwilling spirituell erreichbar sei. Zwiegespräche, in denen wir in einer Stresssituation um Rat fragten, könnten zu unserer Beruhigung gereichen, wenn wir zugleich bereit seien, auf die Antwort zu lauschen egal ob von einem angenommenen Geistwesen oder von einem inneren Begleiter.

Verbindung mit einer höheren Intelligenz

Ganz gleich, ob man der Idee eines im Jenseits zum Kontakt bereitstehenden Seelengeschwisters folgen möchte oder nicht, liegt in der Idee, dass wir über unsere Energiefelder mit einer höheren Intelligenz verbunden sind, ein Potenzial, das von Kreativen niemals bestritten würde. Große Künstler, Erfinder und Denker, die wahrhaft Innovatives hervorgebracht haben, haben oft an irgendeinem Punkt ihrer Karriere davon gesprochen, dass sie sich von Höherem inspiriert fühlten oder dass ihre Inspiration über sie selbst hinausginge. Das entsprach nicht nur einer von der Öffentlichkeit geforderten Haltung der Demut, sondern lag sehr vermutlich in ihrem persönlichen Erfahrungsbereich. Experimente mit Drogen und Alkohol sollten schließlich jener Bewusstseinserweiterung dienen, die diesen Kontakt hätte zuverlässig herbeiführen sollen. Was sehr vermutlich bei kaum einem Künstler auf Dauer gelungen ist, weil die Nebenwirkungen die Inspiration, aus dem Versuch, die unbewusste Kommunikation auf die bewusste Ebene zu heben und die Kontaktaufnahme intendiert zu steuern, überwogen haben dürften. Es entspricht dann zwar nicht dem Künstler-Klischee, aber es würde sich lohnen, gesündere Wege für den fruchtbaren Dialog mit den inneren Stimmen zu finden und in ihnen einen weiteren Raum im Raum zu sehen, der uns Rat und Schutz zugleich anbietet.

Ich persönlich glaube an eine Verbindung mit all den verschiedenen Dimensionen jener höheren Intelligenz, von der Menschen, Tiere, Pflanzen und überhaupt alles Manifeste eine Individuation ist. Ich glaube, die Verbindung erfolgt über unsere verschiedenen Energiekörper, wobei es kaum entscheidend ist, sich der einzelnen Dimension bewusst zu sein, da sie logischerweise ineinandergreifen und sich in unserer erfahrbaren Existenz miteinander verbinden müssen, um dort manifest werden zu können. Unser physischer Körper ist vielleicht die erste Ebene eines solchen Energiekörpers und zugleich die letzte Ebene, in der alles zusammenläuft und manifest wird. Somit wäre der Körper das Produkt unseres energetischen Daseins. Sich um ihn, den Körper, zu kümmern, in ihn hineinzulauschen, seine Signale wahrzunehmen und seinen kommunizierten Bedürfnissen gerecht zu werden, wäre für mich eine erste Möglichkeit, einen Raum im Raum herzustellen. Die Signale lenken unsere Aufmerksamkeit, wenn wir bereit und in der Lage sind, ihrem Symbolgehalt zu folgen. Über den Symbolgehalt aber widmen wir uns den energetischen Körpern, was in Form von Introspektion geschieht. So greift die persönliche Körperhygiene mit einer ebenso persönlichen Psychohygiene sinn- und liebevoll ineinander. Die sieben Räume würde ich gerne im Einzelnen beschreiben.

Sieben Räume

erster Raum/Wurzel

Folgt man dem Weg der Individuation ab der Geburt, verläuft die Aufmerksamkeit von der manifesten Körperlichkeit über die Ebenen der Emotionen, der mentalen Reife bis zur spirituellen Entwicklung. Auf der ersten, der manifesten Ebene der Existenz würde ich Greifbares und Handfestes ansiedeln, um Schutzräume zu kreieren. Neben dem schon erwähnten Raum im Raum würde ich Rituale als Schutzräume ansiedeln, die uns das Gefühl von Sicherheit vermitteln. Das können Rituale im Tages- oder Jahresverlauf sein, aber auch Rituale vor herausfordernden Situationen, die uns als Anker dienen, um uns unsere Erfahrung, unser Bildung, aber auch unser Vertrauen in unsere Intuition und Inspiration ins Bewusstsein zu rufen. So werden wieder die Ebenen des Körperlichen und des Geistigen miteinander verbunden.

zweiter Raum/Sakralchakra

Ich glaube, dass das gedankliche Durchforsten unseres Wissensbrunnens, den ich bereits in einem zweiten Energiekörper um unseren physischen Körper herum ansiedeln würde, ebenfalls einen Schutzraum darstellen kann. Bewusst gemachte Erfahrung gibt uns über die Erinnerung an bereits gemeisterte Herausforderungen und unsere erworbene Kompetenz ganz einfach Sicherheit, auch neue Herausforderungen meistern zu können. Das setzt voraus, dass wir bereit sind, uns wahrhaft dem Leben zu widmen, uns dem Prozess, Erfahrung zu machen, hinzugeben. Die Hingabe weist auf das Chakra hin, der diese Ebene zugeordnet sein müsste: Es ist das Sakralchakra. Gefühle gehören dazu, Emotionen. Wir dürfen uns der Lebendigkeit nicht verweigern, sondern können unseren Wissensbrunnen nur füllen, wenn wir gerade die Gefühle und Emotionen mit dem Interesse des offenen Forschergeistes vorurteilslos betrachten. In einer reflektierenden Praxis, wie dem Tagebuchschreiben oder dem Schreiben von Morgenseiten, gelingt es, die Erlebnisse in Erfahrung und in Weisheit zu transformieren. Somit wäre das selbstreflexive Schreiben ein weiterer Schutzraum, der, genau wie das Ritual, besonders wirksam wird, wenn es zu einer festen Zeit an einem festen Ort stattfindet.

dritter Raum/Solarplexus

Auf einer dritten Ebene, die im System der Chakren dem Solarplexus, also unserer Mitte entsprechen würde, würde ich eine Stimme ansiedeln, die in der Verbindung aus Existenz und Essenz der inneren Stimme unserer persönlichen Wahrheit entspricht. Ihr zu lauschen, indem wir Gelegenheiten der Realität mit unserer inneren Wahrheit abstimmen, halte ich für einen Raum im Raum, der auf die Selbstwertsicherheit wirkt. Aus ihm heraus agieren wir in einer Übereinstimmung zwischen Ego und Selbst. Achten wir darauf, dass die Ebenen so gut wie möglich übereinstimmen, dass wir also nicht entgegen unserer inneren Wahrheit agieren, bietet der Respekt unserem Selbstwert gegenüber den vielleicht wichtigsten Schutzraum von allen. Die hier herrschende Energie ist männlich geprägt, so dass ihr die Konsequenz innewohnt, die gezogen werden sollte, wenn das persönliche Erleben einer Situation nicht mit der persönlichen Wahrheit übereinstimmt. Schutz zu bieten ist die erste Aufgabe dieser Instanz, die wir mit der Vorstellung einer im Körper fließenden Yangenergie bezeichnen oder auch den inneren König nennen können. Uns auf das Wesen, die Macht und die Kraft des inneren Königs zu besinnen, ist ein Schutzraum schlechthin.

vierter Raum/Herzchakra

Auf einer vierten Ebene würde ich die Herzensstimme ansiedeln, der zu lauschen sich vor allem deshalb lohnt, weil sie uns mit unserer emotionalen und unserer mentalen Ebene verbindet. Sie liegt genau zwischen der physischen Ebene und der Ebene unseres höheren Selbst. In unseren Herzraum können wir uns emotional und mental zurückziehen, wann immer wir weitere Informationen wünschen. In einer Begegnung mit anderen Lebewesen, können wir dem Anderen in diesem Raum begegnen, indem wir einfach nur innehalten, einfach nicht sofort reagieren, einfach abwarten, tief atmen, lauschen und die Intention, wirklich verstehen zu wollen, für uns selbst formulieren. Gerade hochsensible Menschen erhalten im Aufsuchen dieses Raums ihre tiefen Einsichten über komplexe Situationen. Dort beobachten sie genau und nehmen auch die kleinsten Details war, achten auf subtile Informationen, die sich aus der nonverbalen Kommunikation ergeben und spüren die in der Situation mitschwingenden Emotionen und Motivationen. Wir erreichen diesen Raum über den tiefen Atem, der das Unbewusste mit dem Bewussten verbindet. Er liegt mit seiner weiblichen Energie genau in der Mitte von beidem.

fünfter Raum/Kehlkopfchakra

Der mannigfaltigen Literatur zu den Energieformen folgend mutet mir die fünfte Ebene von ihrer Energie her wieder männlich an, aber es käme mir auch plausibel vor, wenn die beiden Energien sich hier kreuzen würden. Was wir den inneren Erwachsenen nennen, der eine Verbindung aus Solarplexus und Herz ist, findet hier seinen manifesten Ausdruck. Ich würde diesen Ort das innere Künstleratelier nennen, ein wahrer Rückzugsort, wenn man allerdings auch im Blick hat, dass die produzierte Kunst ihren Weg nach draußen sucht. Aber dieses Rausgehen mit der Kunst, mit dem persönlichen Ausdruck, ist geschützt, denn wir befinden uns auf der mentalen Ebene. Meiner persönlichen Erfahrung nach wird die Kunstproduktion hier gut vorbereitet, sollten wir bereit sein, den Impulsen zu folgen, die wir auf dieser Ebene erhalten. Es ist die Bildung, die die klug-naive Kunst eines Kindes von der Kunst eines Erwachsenen unterscheidet. Ein Erwachsener hat die kollektive Entwicklung zur Kenntnis genommen und verbindet nun seine persönliche Vision und Manifestationskraft mit der des kollektiven Stroms. Gerade auf dieser Ebene hier geht man über die persönliche Erlebnislyrik hinaus, weil man sich der Weisheit der Ahnen anvertraut und in ihrem Schutz voranschreitet. Gerade in diesem Raum findet man den Mut, die Flügel weiter auszubreiten, viel weiter, und Wichtiges zu sagen, zu schreiben, zu malen oder über ein anderes individuelles Talent auszudrücken. Mir diente Bildung, für mich in Form von Lektüre, schon immer als Schutz- und Rückzugsraum, der, sobald ich ihn aufgesucht hatte, meinen Atem vertiefen und mich beruhigen konnte. Aber es gibt viele andere Wege, über die wir unseren Horizont über uns selbst hinaus erweitern können.

sechster Raum/Stirnchakra

Ich glaube, je größer die Aufgabe ist, der zu dienen wir in unserem Leben gewählt haben, desto mehr Schutz und desto mehr Unterstützung erfahren wir ganz von selbst. Wir erfahren nicht Schutz als Person, weil wir vermeintlich so wertvoll wären. Menschen mit großen Aufgaben, die eine Relevanz für die kollektive Entwicklung haben, sind nicht wertvoller als Menschen mit Aufgaben, die lediglich groß für ihre individuelle Entwicklung sind. Aber ich glaube, sie erfahren eine andere Art von Geführtsein, das ihnen im Hinblick auf die Aufgabe einen Schutzraum bietet. Wie im Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“, in dem dem Protagonisten alles eben so gelingt, wie es vorhergesagt worden war, ganz egal, wie sehr er vom Weg abzukommen scheint. Jede Verirrung führt geradewegs in die Erfüllung der Prophezeiung hinein. Es ist keine Frage des Glaubens, jedenfalls nicht des naiven Kinderglaubens, mit dem uns beigebracht wurde, dass wir nur fest an Gott oder was auch immer glauben müssen, und dann wird es uns zuteil. Es ist umgekehrt. Wir erfahren diese Unterstützung und was wir zu tun haben, ist lediglich, sie auch zu erleben, ihrer wirklich gewahr zu werden, sie anzunehmen und zu ihr zu stehen. Wie die Prinzessin auf der Erbse es uns im Andersen-Märchen vormacht. Die Erbse ist das Instrument. Sie ist das Leben. Und ihr gegenüber zeigt die Prinzessin ihre Sensitivität, statt sie zu verleugnen und so zu tun, als habe sie keinerlei Unannehmlichkeit gespürt. Durch zwanzig Matratzen hindurch eine Erbse zu spüren muss so etwas wie eine höhere Intelligenz auf den Plan rufen, die der Prinzessin von der Anwesenheit der Erbse erzählt. So blickt sie tief unter die Oberfläche, egal, wie viele Oberflächen es sein mögen. Dazu blickt sie in Wahrheit in sich hinein, in den Raum in ihrem eigenen Innern, in dem ihre Intuition zu finden ist und in dem die Inspiration jener höheren Intelligenz sie erreicht. Das wiederum weist sie als wahre Prinzessin aus, die ihren Adel ohne jeden Hochmut bezeugen kann.

siebter Raum/Kronenchakra

Die Freude ist, so seltsam es klingen mag, ein Schutzraum. Sie ist auch ein Kompass, der uns eingebaut ist, damit wir nicht vom Weg abkommen. Zugleich aber ist sie auch der Weg selbst. Suchen wir nach den Orten, an denen wir Freude empfinden, sind wir sicher. Diese Orte können alle Orte des Lebens sein, Arbeitsorte genauso wie Orte, an denen wir unsere Freizeit verbringen, unsere Leidenschaften pflegen, unsere Familien und Freunde treffen, unsere Talente ausleben und unsere Kompetenz zeigen können. Wo genau die Freude verläuft, erfassen wir, je entspannter wir sind. Entspannung ist also der Weg zu diesem Schutzraum, in dem wir im Fluss sind, das, was wir Flow nennen und was jenes Aufgehen in einer Tätigkeit meint, in der wir jedes Gefühl für Zeit und Raum verlieren. Wenn wir uns der Freude anvertrauen, sobald wir sie entdeckt haben, und ihr ganz einfach folgen, vertrauen wir uns jener höheren Intelligenz an, die ich die Intelligenz der Liebe nennen würde, wenn man mich fragte, welchen Namen ich für zeitgemäß für die Beschreibung der Annahme halte, dass Gott existieren könnte. Die Intelligenz der Liebe ruft uns über den Weg der Freude hinein in unsere Berufung, was auch immer sie individuell und für dieses Leben sein mag. Wir könnten es uns leicht machen und die Freude als Schutzraum einfach immer wieder aufsuchen, ganz so, als wäre da ein Ort in uns, zu dem wir gehen können wie in eine Bibliothek oder wie in eine Kaminecke oder wie an einen Cafétisch, an dem wir entweder mit uns alleine sind oder andere Menschen treffen. Ganz wie es uns beliebt.

Märchen

Ich glaube, dass Märchen uns bereits als Schutzräume dienen, wenn wir noch Kinder sind. „Kinder brauchen Märchen“, heißt ein Buch von Bruno Bettelheim, und ich glaube, als Kinder brauchten wir die Märchen auf viel, viel vielschichtigere Weise, als Bettelheims Analysen es uns erläutern. Ich glaube, dass wir in der Weisheit und der Flächenhaftigkeit  unserer Lieblingsmärchen unsere persönlichen Drama-Dreiecke ahnend vorwegnehmen, deren Themen uns das Leben als innere und äußere Konflikte stellen wird. Die Märchen spenden uns Trost, indem wir die Märchenhelden in ihrem eigenen Leid beobachten. Zugleich bereiten sie uns vor auf das, was kommen mag. Wir folgen dem Weg und der Entwicklung der Märchenfiguren, weil die Entwicklung von Märchenhelden immer archetypisch bleibt, also so an der Oberfläche, dass sie genug Raum für unsere Projektionen bietet. Wir folgen dem Dummling in „Die goldene Gans“ hinein in unsere eigene Angst vor der Unzulänglichkeit. Indem wir erleben, wie er das Schlimmste, das ihm passieren kann, nämlich dass er dem weisen, kleinen Männchen, das ihm und seinen Brüdern erscheint, nicht mehr als Aschekuchen und saures Bier anzubieten hat, einfach akzeptiert, sind wir vorbereitet, um später unser eigenes Drama-Dreieck der Angst vor der Unzulänglichkeit zu lösen. Nachdem der Dummling das Schlimmste, das ihm passieren könnte, akzeptiert hat, entpuppt sich der angenommene Aschekuchen dann als feiner Eierkuchen und das saure Bier als edler Wein und seiner selbstsicheren Kompetenz, die Prinzessin zum Lachen zu bringen, steht absolut nichts mehr im Wege. Die Besserwisser als Repräsentanten des aktiven Pols der Selbstüberschätzung, der natürlich in Wahrheit in ihm selbst liegt, helfen ihm dabei und werden zu Kompetenzträgern, die er braucht. Denn über sie bricht die Prinzessin in Lachen aus.

Und so ziehen wir mit einem, der auszog das Fürchten zu lernen in unsere Lebendigkeit hinein und lernen, wie man dem Leben erlaubt, uns Erfahrung zu bescheren. Wir gehen zum Tapferen Schneiderlein auf Distanz, denn so eine Prahlsucht wollen wir nicht nötig haben, sondern suchen unseren Wert, genau wie Aschenputtel, in einem sauber gewaschenen Gesicht zum Ausdruck zu bringen, statt wie die Stiefschwestern die Füße zu verstümmeln, um die Gunst des Prinzen zu erschwindeln. Ganz intuitiv wird uns im Lesen klar, dass die Prinzessin im Froschkönig dem Frosch um das Herzchakra voraus ist. Statt dem im Solarplexus stecken gebliebenen Frosch dessen „Ich will, ich will“ zu bedienen, erfasst die kluge Prinzessin mit wahrer Empathie, was der Frosch in Wirklichkeit braucht und verhilft ihm durch ihr Vorbild der erwachsenen Grenzsetzung zur Emanzipation von den alten Glaubenssätzen, die noch vom König repräsentiert werden: „Was du versprochen hast, musst du halten.“ Dass die eisernen Bänder des eisernen Heinrichs dadurch gesprengt werden, steht für die tiefe Befreiung von diesen alten Konditionierungen, in denen wir als Kinder unsere Herzen auch noch eingeschnürt fühlten. Und dann lehrt uns Frau Holle, dass die Intelligenz der Liebe keine anderen Hände als die unseren hat in dieser Welt und dass, egal worin unsere Gabe besteht, sie einen aktiven Ausdruck finden muss und es nichts bringt, einzig vom Goldregen am Ende zu träumen, solange wir das Brot nicht aus dem Ofen holen, den Baum nicht rütteln und die Kissen nicht aufschütteln wollen. Mein Lieblingsmärchen war als Kind „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“. Ich war fasziniert davon, wie das Schicksal für den Müllerssohn aus allem Unbill diejenige Wendung herausholt und sich dazu geschickt der anderen Figuren bedient, so dass die Prophezeiung, er werde die Prinzessin heiraten, sich unweigerlich erfüllt. Der Widerstand des Königs erweist sich als völlig sinnlos. Es ist sogar gerade sein Widerstand, der dazu führt, dass das Schicksal sich erfüllt. Ein Märchen dagegen, das ich gar nicht mochte, war „Dornröschen“, weil die Angst vor dem Versäumnis mit dem Angstmerkmal der Ungeduld mein Lebensthema ist. Dass dem Schlaf der Prinzessin absolut nichts entgegenzusetzen war als das reine Abwarten, dass die 100 Jahre vorbei sein würden, das war eine Herausforderung für mich. Für die meisten anderen Märchenleser aber mag genau diese Erkenntnis ein immenser Trost und Basis ihrer Gelassenheit sein. Letztlich steht die Zeit auf unserer Seite und erweist sich als unsere treue Verbündete. So werden die Märchen zu Propheten und der Schutzraum, den Prophezeiungen bieten, ist unser Vorbereitetsein. Im Ernstfall ist unser Wissenbrunnen gefüllt und wir werden nicht mehr von der Überraschung überwältigt. Somit hält sich die Stimulation in Grenzen und das ist die wahre Schutzfunktion von allen Schutzräumen, die wir uns individuell erschaffen können.

 

Posted on 29. November 2017 in Hochsensibilität im Alltag

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