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Der Eisenofen – Märchenmeditation

So, wie wir die Märchen bisher analysiert haben*, findet sich das komplette aristotelische Abbildungsschema für die Entwicklung einer Figur im einzelnen Märchen verwirklicht. Für das vierte Drama-Dreieck, dem wir innerhalb der Darstellungsreihe das Thema (Selbst)Vertrauen und (Selbst)Liebe zugeordnet hatten, wurde bisher anhand des Märchens “Der Froschkönig” betrachtet. Man könnte die Märchen aber auch so lesen, dass jedes Märchen in seinem Ausgangskonflikt einem der beiden Schattenpole schwerpunktmäßig zugeordnet werden kann. Dann würde das Märchen “Der Froschkönig” eine Perspektive auf das Thema Selbstvertrauen und Selbstliebe eher vom Aktivpol aus einnehmen, wogegen das Märchen “Der Eisenofen” das gleiche Phänomen eher aus der Perspektive des Passivpols erzählt. Der Frosch aus dem Brunnen zeigt sich als Vertreter eines abhängigen unsicheren Bindungsstils, der Prinz im Eisenofen dagegen als ein Vertreter eines distanzierten unsicheren Bindungsstils.

 

Ein Prinz sitzt, von einer Hexe verwünscht, in einem Eisenofen im Wald. Er kann, so erzählt es das Märchen, von niemandem befreit werden. Wir können nur spekulieren, weshalb der Prinz in den Eisenofen gesperrt wurde. Und wieso in einen Ofen? Der Ofen lässt eigentlich die Assoziation mit Wärme zu, mit dem Mutterleib vielleicht. Das Eisen suggeriert zugleich Kälte und Härte. Wenn wir uns später anschauen, wie der Prinz in seinem Liebesausdruck agiert, könnte die Spekulation an Boden gewinnen, dass die Hexe das vermeintlich Mütterliche in seinem Leben war, eine Mutter, die dem Prinzen beigebracht hat, dass Liebe ihren Preis hat. Liebe gibt es nur unter klaren Bedingungen, die erfüllt werden müssen und sonst wird sie einem entzogen. Der Prinz mag Sätze kennen wie: “Wenn du Mama wirklich lieb hast, dann bist du jetzt ein braver Junge und tust du, was Mama sagt.” Wenn der Prinz kein braver Junge war, vielleicht einfach deshalb, weil die Vorstellungen von “brav” zwischen ihm und seiner Mutter auseinander gingen und Bravsein für ihn bedeutet hätte, dass er hätte seine Grenzen übergehen müssen, dann wurde der Liebesentzug vielleicht zur ersten Erfahrung im Leben des jungen Prinzen. Sehr oft setzen Kinder sich diese Bedingtheit auch selbst, und zwar, wenn sie einen Verlust erlitten haben, den sie nicht verstehen können. Da verlässt Vater oder Mutter auf welchem Weg auch immer die Familie, und das Kind, das dieses Verlassenwerden nicht einordnen kann, sucht die Gründe dafür bei sich selbst. “Ich war sicher nicht genug.” Die Adjektive sind austauschbar und können jede Urangst betreffen: “Ich bin nicht gut genug.” “Ich war nicht brav genug.” “Ich bin nicht wertvoll genug.” “Ich bin nicht liebenswert.” “Ich bin Mama oder Papa zu viel oder zu wenig.” “Ich bin selbst Schuld.” Diese Gedanken halten sich hartnäckig, wenn sie sich einmal eingenistet haben. Sie halten sich im Unbewussten bis ins Erwachsenenalter. Wenn ein Kind diesen Schmerz der Entbehrung fühlen muss, die Entbehrung, dass ihm Liebe nur unter bestimmten Bedingungen zukommt, dass es ihm trotz größter Anstrengung aber nicht gelingt, diese Bedingungen zu erfüllen und ihm demnach die lebenswichtige Liebe vorenthalten wird, ist eine von zwei möglichen Reaktionen die, sich an jeden Menschen zu klammern, der das Gefühl von Sicherheit und Liebe vermittelt. Die andere mögliche Reaktion ist die, sich in sich selbst zurückzuziehen, sich von der Außenwelt abzukapseln, in die Introvertiertheit zu gehen. Beide Reaktionsweisen zielen darauf, die Angst vor einem nächsten drohenden Verlust zu kontrollieren. Das zweite Reaktionsmuster, das des inneren Rückzugs, entspräche der Metapher des Eisenofens. Es ist ein Versuch, Kontrolle über den Liebesmangel zu erhalten, Kontrolle auch über den potenziellen Verlust und den Schmerz, indem man sich die Liebeserfahrung selbst vorenthält. Es ist das Liebesbedürfnis und der Schmerz, das als Kombination in den Eisenofen gesperrt wird. Und letztlich ist es die Empathie für sich selbst und Andere, die weggesperrt wird. “Gut, dann brauche ich eben keinen anderen Menschen”, sagt so ein Kind im Akt, sich selbst metaphorisch in den Eisenofen zu setzen. “Gut, dann schaffe ich es eben alleine. Alleine bin ich ohnehin besser dran. Wenn ich von vornherein alleine bin, erlebe ich auch nicht mehr diesen riesigen Schmerz, verlassen zu werden, der Liebe nicht würdig zu sein, weggestoßen zu werden, fallengelassen zu werden.” So mag der Prinz in den Eisenofen geraten sein, verbannt von einer Hexe, die ihm eigentlich hätte Mutter sein sollen. Und da sitzt er jetzt, von aller Welt verlassen und verloren, mitten im Wald.

Eine Königstochter verirrt sich im Wald und es wird ausdrücklich betont: Sie “konnte ihres Vaters Reich nicht wiederfinden.” Sie mag also ihre Vernunft eingebüßt oder auch bisher noch nicht erlangt haben, das, was wir mit dem inneren Erwachsenen beschreiben würden. Es irrt ein inneres Kind alleine in der Welt herum. Mutterseelenallein, sagen wir dazu. Und dieses verirrte Kind trifft auf ein anderes verlorenes Kind. Zwei verlorene Kinder also: Ein Kind bewegt sich und ist auf der Suche nach Liebe und nach sich selbst. Das andere Kind scheint wie gelähmt vor innerer Kälte und kann sich nicht mehr bewegen.

Die Königstochter landet nach neun Tagen des Verirrtseins vor dem Eisenofen, dem anderen verlassenen Kind. Ausgerechnet das andere verlassene Kind, das in seiner Einsamkeit noch stärker gefangen ist als die Königstochter, die sich immerhin im Wald bewegen kann, was der Königssohn nicht kann, bietet Rettung an.

“In einer kurzen Zeit” will der Prinz der Königstochter wieder nachhause verhelfen. Aber diese Hilfe ist kein echter Liebesdienst, sondern er ist an eine Bedingung geknüpft. Der gefangene Königssohn macht zunächst klar, dass er ein größerer Königssohn sei als sie eine Königstochter, womit er nicht etwa in die Fußstapfen des Tapferen Schneiderleins tritt, sondern seine Autonomie geltend machen will. Er braucht niemanden. Er empfindet sich selbst als unabhängig, auch wenn seine momentane Situation etwas Anderes spiegelt. Wenn er jemanden heiratet, so seine Botschaft, dann tue er das aus reiner Großzügigkeit, nicht aber aus einem eigenen Liebesbedürfnis heraus.

Die Reaktion der Königstochter ist völlig folgerichtig: “Lieber Himmel, was soll ich mit einem Eisenofen anfangen?” Was soll sie mit einem Menschen anfangen, der nicht zugeben kann, dass er liebt und der vor sich selbst versteckt, dass er einen anderen Menschen zur Gesellschaft braucht, sondern der so tut, als sei er sich selbst genug, wo er doch in Wahrheit völlig isoliert von der Welt im Eisenofen sitzt? Was soll man mit so einem Menschen anfangen, der sich Illusionen über sein Dasein macht, statt seinen Schmerz wahrzunehmen, anzuerkennen und zuzugeben?

Die Königstochter dagegen ist sich ihres eigenen Bedürfnisses, die Einsamkeit zu beenden, bewusst. Sie nimmt ihren Schmerz zur Kenntnis und sie sucht aktiv nach einem Weg, den Wald zu verlassen und zu ihrem Vater zurückzukehren. Das innere Kind braucht die Obhut eines liebenden Erwachsenen. Wenn kein Erwachsener anwesend ist, klammert es sich allerdings auch an ein anderes inneres Kind, das mehr oder weniger glaubhaft einen Erwachsenen imitiert. “Ich weiß, wo es langgeht”, verspricht der Königssohn, indem er die Pose der Unabhängigkeit und Freiheit einnimmt, die eben nichts weiter als eine Pose ist, denn er sitzt ja im Eisenofen und kann gar nicht wissen, wo es langgeht. Die Königstochter aber, ganz verlassenes Kind, greift nach jedem Strohhalm und unterschreibt die vom Königssohn gestellte Bedingung. Der Königssohn, der sich eben noch als Retter stilisiert hatte, verlangt jetzt, das ist seine Bedingung, seine eigene Rettung durch die Königstochter. Seine Rettung müsse unbedingt von der Königstochter geleistet werden, fordert er. Von ihm selbst geht weiter nur Unnahbarkeit aus. Der Begleiter, den der Königssohn der Königstochter mitgibt, damit sie ihren Weg nachhause findet, schweigt zwei Stunden lang. Das ist eine Behandlung, die viele Eisenofen-Menschen aus ihrer Kindheit schmerzhaft kennen: das gänzliche Ignoriertwerden zur Strafe für ein Verhalten, das nicht den elterlichen Erwartungen entsprochen hat. Es ist eine psychische Misshandlung, deren destruktive Qualität den meisten Eisenofen-Menschen gar nicht bewusst ist.

Zuhause angekommen, bei einem König als Vater, dessen Glaubensmuster offenbar nicht  wie im anderen Märchen lautet “Was du versprochen hast, musst du auch halten”, sondern der seinerseits kontrollsüchtig in seiner eigenen Verlustangst zu stecken scheint, wird wiederum klar, aus welcher Quelle die Verlustangst der Königstochter gespeist wird. Der König erschreckt über den Preis, der für die Rettung der Tochter gezahlt werden soll, so sehr, “daß er beinahe in eine Ohnmacht gefallen wäre, denn er hatte nur die einzige Tochter”. Falls die Hexe als Mutter des Königssohn den Liebesentzug gezeigt hatte, zeigt der König als Vater der Königstochter die Bevormundung.

Er versucht die Situation, die ihm die größte Angst bereitet, nämlich potenziell seine Tochter zu verlieren, zu kontrollieren, in dem er List und Tücke einsetzt, um die Tochter auf diese Art festzuhalten. Der Königssohn im Eisenofen soll mit der Müllerstochter abgespeist werden. Seine Wünsche werden ganz einfach ignoriert und den Wünschen des Königs untergeordnet.

Jetzt geschieht das Unvermeidliche: Die Müllerstochter kann das Herz des Königssohns nicht erreichen. Sie ist nicht die Richtige. Vierundzwanzig Stunden lang schrappt sie an dem Eisenofen herum und “konnte aber nicht das Geringste herabbringen”. Der Prinz lehnt die Müllerstochter rundweg ab, als er erfährt, wer sich da an seine Rettung gemacht hat. Er lehnt sie ab, weil er sich abgelehnt fühlt. Er verlangt weiter nach der Liebe der Königstochter, denn sie ist sein Gegenpol. Darauf basiert die Anziehungskraft der beiden. Könnte er sein wie sie und wäre er nicht in seiner Distanziertheit gefangen, um seinen Schmerz nicht fühlen zu müssen, würde er es wie der Frosch im anderen Märchen machen und sich an ihre Fersen heften. Dann würde der Schmerz ihn dazu treiben, aktiv zu werden. Aber er kann den Schmerz nicht fühlen, denn der Schmerz würde ihn töten und also bewegt er sich auch nicht.

Beim erneuten Betrugsversuch, diesmal durch die Schweinehirtentochter, verspricht der Königssohn einerseits die Einhaltung seines zuvor gegebenen Heiratsversprechen, zeigt also Verzeihen den Betrugsversuchen gegenüber, andererseits droht er aber mit der Zerstörung des gesamten Königreichs, sollte das durch die Königstochter gegebene Versprechen auch weiterhin nicht eingehalten werden. Jetzt wechselt der Prinz also ein Stück weit in den Aktivpol, indem er klar formuliert, welche, wenn auch destruktiven, Konsequenzen es haben wird, wenn er nicht bekommt, was er will. Jetzt erinnert er schon etwas mehr an den Frosch, auch wenn seine Formulierung noch eher wie ein Beharren auf seinen Prinzipien klingt und noch nicht über die Gefühle des Prinzen spricht. Der Wechsel der Pole ist innerhalb der Beziehungsdynamik dennoch verständlich. Es geschieht oft, dass ein Eisenofenmensch sich aus der Deckung wagt und den Pol wechselt, wenn der begehrte Mensch sich von ihm zu entfernen droht, zum Beispiel, indem der Andere ebenfalls in den Passivpol und damit in die Distanznahme hinein geht, weil er glaubt, den Eisenofenmenschen ohnehin nicht erreichen zu können. Jetzt wird im Eisenofen-Menschen die Verlustangst vollständig aktiviert, was den Wechsel der Pole auslöst.

 

 

Zum jetzigen Zeitpunkt in der Erzählung des Märchens hat die Königstochter also keine Wahl mehr, wenn sie das Königreich ihres Vaters vor der Zerstörung retten will. Sie übernimmt es, ein Loch in die Wand des Eisenofens zu schrappen. Ihrer Beharrlichkeit ist schon nach zwei Stunden Erfolg beschieden und sie kann einen Blick auf den Gefangenen werfen. Dem Schatten gegenüber liegt die Wahrheit eines Menschen. Der Schatten gehört zwar auch zu seiner Wahrheit und ist nur eine von zwei möglichen Perspektiven auf einen Menschen, aber die Dreiecksspitze ist sein erlöster und wahrer Kern. Und was die Königstochter jetzt erblickt, ist “einen so schönen Jüngling, ach, der glimmte in Gold und Edelsteinen, daß er ihr recht in der Seel gefiel.”

Glimmend in Gold und Edelsteinen ist Motivation genug, die weitere Anstrengung zu unternehmen, das Loch so zu vergrößern, dass der schöne Königssohn aus dem Eisenofen heraustreten kann. Die Rettung scheint erledigt. Der Königssohn ist befreit. Er will sich als zuverlässig erweisen und seine Braut gleich mit in sein Reich nehmen, wie es sich für eine erfolgreiche Rettung im Märchen gehört.

Im Gegensatz aber zu anderen Königstöchtern, die sich von ihren Elternhäusern bereits losgesagt haben, wenn sie den Prinzen treffen, fühlt die Königstochter sich noch an ihren Vater gebunden. Für sie hat bisher keine Initiation stattgefunden, die ihre Emanzipation von ihren Kindheitsmustern eingeleitet hätte. Für den Königssohn allerdings auch nicht. Seine Not, die Dinge sofort dingfest zu machen, zeigt ihn weiterhin im Aktivpol der Verlustangst. Er hat also den Pol gewechselt, aber er hat sich nicht von der Dominanz der Angst emanzipiert.

Die Königstochter erbittet sich einen letzten Besuch bei ihrem Vater, ein Wunsch, der ihr gewährt wird, aber wieder nur unter Bedingungen. Liebe und Vertrauen sind dem Königssohn, obwohl er doch vordergründig aus dem Eisenofen befreit zu sein scheint, weiterhin fremd. Die Bedingung entspricht wiederum ganz einem Menschen, der die Eisenofenexistenz allzu lange gelebt, ja verinnerlicht hat, der also konditioniert ist auf das Muster, dass Liebe nur als bedingte Zuwendung zu haben ist. Die Königstochter dürfe, so fordert es der Eisenofen-Prinz, nur drei Worte mit ihrem Vater sprechen. Es würde wohl für ein “Ich liebe dich” reichen, aber das fällt der Königstochter nicht ein. Sie hält sich nicht an die Bedingung. Leider hat sie es versäumt, nach dem Sinn dieser Bedingung zu fragen, um sich dann reflektiert und erwachsen eine derartige Bedingung zu verbitten und stattdessen eine Rückkehr in Freiheit zu verlangen. Wie ein Kind nimmt sie die Bedingung fraglos hin und lehnt sich dann rebellisch dagegen auf. Der innere Rebell ist immerhin die innere Schutzinstanz gegenüber der Verlustangst.

Indem die Königstochter sich aber der Bedingung widersetzt, erkaltet das Interesse des doch nicht so sehr erlösten Prinzen. Wenn man ihm nicht gibt, was er will, muss es bedeuten, dass man ihn nicht liebt, sagt das an solche eine Bedingtheit gewöhnte innere Kind. Es ist die Wiederholung des Denkmusters, wie es schon um den Versuch der Müllerstochter und der Schweinehirtentochter, ihn zu befreien, erzählt wurde. Der Prinz hält sich zwar vollends für frei, denn der Eisenofen verschwindet ohne ihn, aber er verschwindet “über gläserne Berge und schneidende Schwerter”. So erleben wir den Sarkasmus und die kalte Distanz von Eisenofenmenschen, die sich von den begehrten Menschen nicht so angenommen und beachtet fühlen, wie sie es für ihr schmerzendes Herz bräuchten. Das Fatale ist, dass die Imitation von Freiheit der wahren Freiheit so ähnlich ist, dass es im Märchen tatsächlich zunächst heißt: “doch der Königssohn war erlöst, und nicht mehr darin eingeschlossen.” “Nicht mehr darin eingeschlossen” ist aber nicht das Gleiche wie “frei”. Es heißt nur, dass man sich von etwas abgewandt hat. Einofenmenschen sagen dann gerne mit zynischem Unterton: “Das juckt mich überhaupt nicht mehr.”

Den Eisenofen und auch den Prinzen nach ihrer Rückkehr in den Wald nicht mehr zu finden, erweist sich für die Königstochter als genauso existenziell bedrohlich, wie der Liebesentzug der Eltern für ein Kleinkind. Die Königstochter hat nichts mehr zu leben und weiß sich selbst nicht zu helfen. Wiederum scheint es, als wollte sie sich in ihre Ohnmacht ergeben und richtet sich für die Nacht auf einem Baum ein. Dann aber wird sie in der Ferne eines Lichtschimmers gewahr und geht in die Aktion. Sie klettert noch einmal vom Baum herunter und macht sich auf den Weg, dem Licht zu folgen. Auf dem Weg zu jenem Hoffnungsfunken an Licht betet sie. Gott als Elternersatz.

Die Hütte in der Ferne verheißt Rettung und die Königstochter nimmt sich sogar ein Herz, wie es im Märchen heißt, und klopft an die Tür. Indem sie sich ihrer Situation zunächst bewusst wird, die Realität erkennt, aber auch ihre Chancen, sich dann in Bewegung setzt, um Hilfe bittet, dazu ihr Ziel klar formuliert, so dass ihr geholfen werden kann, sind die ersten beiden erwachsenen Schritte getan, mit denen sie sich von ihren kindlichen Ängsten emanzipiert: Sie hat Präsenz und Konsequenz gezeigt.

Ist das Ziel definiert, den verschwundenen Königssohn wiederzufinden, wissen die weisen Helfer, die als Kröten interessanterweise wieder aus der Familie der Froschlurchen stammen, guten Rat. Die Königstochter erhält in der Hütte, zu der sie das Licht geführt hat, jedes Maß an gastlicher Fürsorge, die ihr das Herz zu wärmen und ihren Mut zu stärken vermag, und sie wird mit dem Material ausgestattet, das sie für ihren Weg braucht: drei Nadeln, ein Pflugrad und drei Nüsse.

Und siehe da: Nicht nur der Eisenofen, sondern auch der erlöste Prinz befinden sich in dem Schloss hinter dem gläsernen Berg, den schneidenden Schwertern und dem großen Wasser. Wer hätte das gedacht! Und dieser angeblich erlöste Königssohn, der noch im Eisenofen sitzend auf der Rettung durch diese eine Königstochter bestanden hatte, zeigt nun ein gleichgültiges Herz und ist schon im Begriff, treulos eine Andere zu heiraten. Er dachte, so heißt es im Märchen, die Königstochter sei längst gestorben. Also für ihn gestorben. So radikal fühlt es sich für Eisenofenmenschen an wenn die alte Wunde des Verlassenwerdens wieder aufgerissen wird. Jeder Abschied fühlt sich wie ein Tod an und nicht nur wie der Tod des Anderen, sondern auch wie der eigene Tod. So schwer wiegt das Verlorenheitsgefühl.

Die Braut an der Seite des Königssohns erweist sich als genauso treulos wie er selbst, wenn auch zugleich von eigener Verlustangst geplagt, die in ihrem Ausmaß die Ängste aller anderen Figuren übersteigt. Gegen ein tolles Kleid erlaubt sie der als Dienstmagd verkleideten Prinzessin die Nacht in der Kammer ihres Bräutigams zu verbringen. Welche liebende Braut würde das tun? (Und im Märchen gibt es keine offenen Beziehungen.) Die Braut ist einfach nur käuflich, weil sie keinerlei Zugang zu ihrer Empathie und Präsenz hat. Das schöne Kleid dient der Kompensation der inneren Leere. Darum muss sie es so unbedingt haben.

Sie überlässt die Entscheidung scheinbar ihrem Bräutigam, “das närrische Mädchen” in seiner Kammer schlafen zu lassen. In Wahrheit ist ihre Kontrollsucht aber noch größer als die des Königs es war. Um jede Verlustgefahr am Besitz ihres Bräutigams auszuschließen, mischt sie einen Schlaftrunk in ein Glas Wein und gibt es ihrem zukünftigen Ehemann zu trinken. Aus dem Grund kann die Königstochter den Königssohn nicht erreichen. Er hört sie nicht.

Was die Königstochter in der Kammer des Prinzen unternimmt, ist wiederum eine erwachsene Handlung. Sie steht für sich ein. Sie benennt ganz klar, wie sie die Situation wahrnimmt, was sie für den Prinzen getan habe und wie undankbar er sich ihr gegenüber erweise. Sie konstatiert die Unausgeglichenheit der Situation: “…und willst mich doch nicht hören.” Ihr ganzes Tun ist leer geblieben. Die versprochene Ehe und die erhoffte Liebe wurden ihr nicht gewährt. Statt dessen hätte sie beinahe sich selbst verloren, indem sie dem Eisenofen-Prinzen nachgegeben hatte, sich von ihm verbiegen zu lassen. Eisenofen-Menschen brauchen es, andere Menschen nach ihrem Bild zu verbiegen, weil sie selbst es so erfahren haben, das sie verbogen wurden. Sie selbst haben sich verformt gesehen, während jener erste Mensch, der sie nach seinem Bedürfnis verformte, selbst nicht so war, wie das kleine Kind ihn gebraucht hätte: empathisch und präsent. Daraus ist die Einsamkeit entstanden, die Überforderung und das Misstrauen. Die Königstochter aber durchbricht diesen Kreislauf, indem sie Position bezieht und sich bereits weigerte, sich verbiegen zu lassen. Und jetzt spricht sie Klartext. Auch wenn der Prinz sie zunächst nicht hört.

In der dritten Nacht hütet der Prinz sich vor dem Wein, den seine zukünftige Braut ihm reicht. Die Bediensteten, die wiederum guten Helfer auf der Seite des Prinzen, die für unser Unbewusstes stehen, hatten die Prinzessin gehört und es dem Prinzen erzählt. Ihnen gegenüber war er bereit gewesen, zuzuhören, hatte seinem Bewusstsein gestattet, seinem Unbewussten zu lauschen. Unsere Seele nämlich, so also erzählt es das Märchen, nimmt Botschaften wahr, auch wenn unser Geist vom inneren Kritiker blockiert wird. So bleibt er in der dritten Nacht für die Prinzessin bewusst und ist für sie erreichbar. Jetzt erkennt er sie als die rechte Braut.

Der falschen, kontrollsüchtigen Braut dagegen widerfährt, wovor sie sich am meisten fürchtet. Sie verliert alles, auch ihre Würde: “Sie nahmen ihr die Kleider weg, so daß sie nicht aufstehen konnte.” Ihr geschieht, was sie im Widerstand gegen ihre Angst für jemand Anderen hatte herbeiführen wollen. Indem es ausgerechnet das begehrte Material ist, an das sie sich so geklammert hatte, das sie jetzt verliert, ist es nicht zu übersehen, dass die falsche Braut ihren Verlust selbst manifestiert hat.

Interessant liest sich am Schluss des Märchens, dass auch viele andere Wesen, in diesem Fall die helfenden Kröten in dem kleinen Häuschen, durch das Vorbild des Königspaars erlöst wurden. “Sie waren lauter Königskinder”, heißt es im Märchen. Lösen wir die Metapher auf, heißt das, dass ein echtes Vorbild an Liebe innere Kinder zu beruhigen vermag und ihnen Vertrauen und Selbstvertrauen geben kann, sich selbst in echter und bedingungsloser Liebe zu versuchen und ihr zu vertrauen. Hier scheinen die morphogenetischen Felder eine Rolle gespielt haben, denn das Königspaar hatte vor der Erlösung der Kröten noch gar keinen persönlichen Kontakt zu ihnen.

Das Haus aber, in dem die Kröten gelebt hatten, stellt sich als Inbegriff von Fülle dar. Das krüppelige Krötenhaus hat sich – wie innen so außen – in ein Schloss verwandelt. Es wird sogar betont, dass dieses Schloss “viel größer als ihres Vaters Schloß” war. Mehr Weite also. Mehr Freiheit.

Die Emanzipation der nun erwachsenen Kinder, die zwar andere verwunschene Königskinder mit befreien konnten, erreicht den alten König allerdings nicht. Darauf müssen wir uns gefasst machen. Der alte Vater, der die Verlustangst vorgelebt hatte, bleibt in ihr stecken. Im Märchen wird es so erzählt: “Weil aber der Alte jammerte, daß er allein bleiben sollte, so fuhren sie weg und holten ihn zu sich.” Für das Königspaar lohnt sich dieser mitfühlende Zug, der anerkennt, was eben ist, ohne es kontrollieren zu wollen. Sie “hatten fortan zwei Königreiche und lebten in gutem Ehestand.”

Posted on 25. Februar 2018 in Märchenmeditationen

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