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Grundbedürfnisse der Seele

Oder: Was man andernorts auch Schattenarbeit nennt

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Liebe Ilsebill,

du sagst, es sei ein Kreuz mit deinem Mann gewesen, dass er sich die ganze Zeit so geziert habe, zu dem Butt zu gehen und ihm einfach zu sagen, was du von ihm willst. Das verstehe ich. Aber ich frage mich auch, liebe Ilsebill, warum du nicht selbst gegangen bist? Wusstest du denn so genau, was das ist, was du willst? Irgendwie musste die Sache ja immer größer werden, die der Butt dir erfüllen sollte, zuerst ein Haus, dann ein Schloss, ein Palast, dann wolltest du König sein, Kaiser, Papst, und dahinter habe ich schon eine Menge Schmerz gefühlt. Ein Getriebensein war da, so wie ich es wahrgenommen habe, so als würdest du nach etwas suchen, das existenziell wichtig wäre, aber du konntest es nicht finden, weil dir nicht klar war, wonach du eigentlich suchtest. Könnte das sein?

Weißt du, im Grunde ist es für mich sehr verständlich, dass du ständig Angst hattest, noch nicht das Richtige erhalten zu haben und ständig nach dem Nächstgrößeren verlangt hast. Die Seele – oder eigentlich ihre Manifestation, die Psyche – verlangt nach einigen Parametern, über die es auch kein Verhandeln gibt. Der Mensch an sich braucht ganz unbedingt das Gefühl, Herr oder Herrin im eigenen Haus zu sein, also das Gefühl von Kontrolle. Deshalb hast du wahrscheinlich immer weiter nachgedacht, wie du die Sache noch besser gestalten könntest. Dass das Leben einfach schön sein soll, ist eine Forderung der Seele, gegen die es nichts zu sagen gibt. In einem Topf zu wohnen, so wie ihr beide, das verursacht Schmerz, und Schmerz versucht die Seele ganz klar zu vermeiden. In einem Topf zu wohnen lässt dich auch fragen, ob du nicht eigentlich mehr wert sein solltest, als in einem stinkenden, ekligen Topf zu hausen. Und irgendwie war die Innigkeit zwischen dir und deinem Mann auch nicht so, dass man jetzt von Verbindung hätte sprechen können. Oder irre ich mich da? Insgesamt waren die Dinge einfach nicht so, wie sie für dich persönlich hätten sein müssen, um dich glücklich und authentisch zu fühlen und darum ist diese Angst entstanden, diese Angst, nicht genug zu bekommen, die Angst, dass das Leben so unberechenbar bleiben könnte, die Angst, dass du vielleicht wertlos sein könntest und die Angst, dass du nicht gut genug bist, um dein Leben nach deinen Vorstellungen zu gestalten. Ich frage mich, ob es nicht eigentlich sogar um eine noch höher angesiedelte Angst ging, die, dass du verletzt werden könntest und dass du deshalb gedacht hast, je mächtiger du wirst, desto kleiner wird die Gefahr? Der Butt hat da wohl später einen gewissen Hochmut gesehen, der der Angst vor Verletzung ja direkt gegenüber steht. Aber ging es in diesem Zusammenhang nicht auch um deine Autonomie und weil du sie in diesem Topf nicht erfahren konntest, wohl aber mehr und mehr mit zunehmender Macht und zunehmendem Material um dich herum, ging es da nicht auch um die Kompensation der Angst, du könntest dein eigenes Leben, so wie es gedacht war, versäumen?

Was für einen Stress diese immensen Ängste in dir ausgelöst haben müssen! Natürlich hast du aus diesem Stress heraus alles versucht, um das Ruder herumzureißen, und mich hätte auch auf die Palme gebracht, wenn mein Mann sich dann immer so geziert hätte, zu dem Butt zu gehen und meinen Wunsch vorzutragen, statt dass er überhaupt einmal klar zum Ausdruck gebracht hätte, was er über die Sache denkt.

Aber, liebe Ilsebill, am Ende des Tages hast du es in deiner Angst wohl übertrieben und bist etwas zu stark in das Extrem der Gier hineingegangen. Ich finde, das hätte dein Mann dir sagen sollen, statt es nur vor sich hin zu murmeln, der Feigling. Am Ende des Tages saßest du leider wieder in dem alten Topfe, wo du ja noch immer sitzt und von wo aus dein Mann im anderen Extrem sitzt und sich weigert, je wieder zu dem Butt zu gehen. Du sagst, dein Mann, mit seiner ewigen Verweigerungshaltung, sei das ganze Unglück doch eigentlich Schuld. Komm schon, Ilsebill, das ist nicht die ganze Geschichte. Aber es ist auch nicht das Ende der Geschichte! Das ist der Anfang! Lass uns anfangen, deine Geschichte neu zu erzählen, und dann machen wir aus der dunklen Geschichte voller Angst eine helle, eine voller Zuversicht und Hoffnung. Wir fangen damit an, dich zu fragen, wieso du eigentlich nicht selbst zu dem Butt gegangen bist, denn das würde mich brennend interessieren. In der Antwort, das kannst du mir glauben, liegt eine immense Kraft. Und was wir daraus machen, ist, dass wir die Antwort einfach erzählen, so, als hätte die Sache eben doch stattgefunden. Dem Hirn ist das total egal, ob es stattgefunden hat oder nicht. Wenn eine Erzählung richtig gut ist, richtig gelungen, dann kommt dein Herz auch über die Erzählung in Bewegung und um die Bewegung geht es. Renn zu dem Butt, würde ich dir sagen, und dann sag ihm, was du in Wahrheit willst, und wenn du das gemacht hast, dann schauen wir nach den vernünftigen Wegen, wie wir die Wahrheit jetzt auch in dein Leben hineinbringen. Wenn du erst mal in Bewegung geraten bist, ist das ein kleiner und so absolut machbarer Schritt. Du wirst sehen.

Wann fangen wir damit an, Ilsebill? Wann sehen wir uns im Schreibspiel?

Ariela