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Das innere Kind aus der Schusslinie nehmen

Was bedeutet es im Kontext eines Drama-Dreiecks (nach Aristoteles), das innere Kind aus der Schusslinie zu nehmen?

Das Wissen um die Dynamik der Drama-Dreiecke, also der Dynamik zwischen den an einer Konfliktsituation Beteiligten, bei denen die Beteiligten einen der beiden Pole des dysfunktionalen Schattens einnehmen oder zwischen ihnen hin und her pendeln können, bewirkt in einem Konflikt Verstehen und dann Verständnis. Verstehen und Verständnis sind die Basis, um das innere Kind aus einer irritierenden Situation in Sicherheit bringen zu können und als innerer Erwachsener den erlösten Pol aufzusuchen, um eine Lösung für den Konflikt zu finden.


Wenn die hochkochenden Emotionen als das Nicht-Verstehen des inneren Kindes im Bezug auf die Dynamik einer Situation gelten können, was zu angstvollen Emotionen in den Ausdrucksvarianten von Zorn bis Hilflosigkeit führen kann, dann ist das jetzige Verstehenkönnen automatisch der Akt, der das innere Kind aus seiner Angst befreit. Das Verstehen der Dynamik und das Erkennen der eigenen Position im sich abspielenden Drama durch die Vernunft nimmt dem inneren Kind die Last des Nichtverstehenkönnens von den Schultern. Wo es vorher in Angst verfallen und in Tränen oder Wut ausgebrochen ist, weil es sich angegriffen, bedroht, ungerecht behandelt oder herabgewürdigt gefühlt hat, sich vor allem aber persönlich gemeint gesehen hat, kann es sich jetzt entspannen. Jetzt gibt es eine Instanz, die für Verstehen und Klarheit sorgt. Vielleicht gibt es jetzt einen inneren Dialog, der die beiden wahrgenommenen Schattenpole bespricht oder es gibt ein inneres Bild von dem passenden Dreieck, in das man visuell, wie in einer systemischen Aufstellung, alle beteiligten Personen auf ihre momentanen Plätze auf der Bühne des Geschehens verteilt.


Das innere Kind hat in diesem Bild auch seinen Platz. Solange es sich in emotionalem Aufruhr befindet, ist es der Platz in einem der beiden Schattenpole. Hier brechen wir in Tränen aus oder verstummen vor Schreck oder wagen es nicht, unsere Grenze zu wahren (Passivpol). Oder wir begehen das, was man unter “austicken” oder “ausflippen” versteht und es muss nicht selten unsere und die Würde des Anderen daran glauben, wenn wir verbal oder manchmal sogar physisch ausfallend werden (Aktivpol). Indem man das innere Kind aktiv in sein Bewusstsein nimmt, es also im Bild sucht und an seinem Schattenplatz zur Kenntnis nimmt, hat der innere Erwachsene es bereits an die Hand genommen. Im Außen muss es dazu heißen: “Ich fühle mich gerade…” (hier wird eine der Emotionen benannt, derer man über seine Präsenz gewahr geworden ist), zum Beispiel: “Ich fühle mich ehrlich gesagt gerade wütend”. So hat man das innere Kind, das vielleicht gerade im Begriff war “auszuflippen” am Schlafittchen gepackt. Ihm ist jetzt, wo es nicht mehr hilflos und alleine in der Situation ist, nicht mehr erlaubt, um sich zu schlagen und Vertrauen zu zerstören. Es hat aber auch kein Bedürfnis mehr danach. Um sich zu schlagen ist nur ein Akt der Hilflosigkeit und der Angst. Den kleinen Terroristen fest in den Arm zu nehmen und ihm zu sagen: “Ich sehe und verstehe, wie du dich fühlst”, nimmt ihm seine Waffen aus der Hand. Das egobasierte Handeln von vorher war nur die Scheinlösung für das Problem von Angst, Nichtverstehen und Verlassenheit. Jetzt kommt mit dem Verstehen der Dynamik die wahre Lösung auf den Plan. Die Emotion wird verbalisiert, also nicht unterdrückt, aber auch nicht ausagiert.

In der Präsenz der Liebe oder das, was wir auch Yin-Energie nennen, und der Macht der angemessenen Konsequenz oder das, was wir Yang-Energie nennen, wird man selbst zu jenen verlorenen oder entbehrten Eltern, die wir als Kinder vielleicht vermisst haben. Zu dem Verständnis zu gelangen, dass wir selbst die Liebe und die Macht sind, die wir uns in unserem Leben wünschen, das ist die Lösung, die dem inneren Kind sagt: “Geh du schon mal vor, ich regele das hier und komme dann nach.” Mit dieser Lösung wechseln wir vom egobasierten zum empathiebasierten Bewusstsein.

Und wohin soll das innere Kind vorgehen?

An den Ruheort. Im Idealfall gibt es den Ruheort wirklich, im Außen und nicht nur imaginiert im Innern. Im Idealfall ist es ein manifester Ort, den wir in unserer Vorstellung mit dem Gefühl von Vorfreude aufsuchen können, auch von Freude über die Erinnerung an unsere Aufenthalte an diesem Ort. Mitten in einer unangenehmen Situation kurz an diesen wirklich existenten schönen Ort zu denken, entspannt das innere Kind ungemein. Es erinnert das innere Kind daran, dass es einen Ort gibt, an dem es ganz es selbst sein darf, an dem es sich frei und geborgen fühlt. Und das sollte wirklich eine Erinnerung sein und nicht nur eine Vorstellung oder gar eine Utopie. Der Gedanke “geht schon mal vor” unterbricht eine negative Gedankenkette, die zu negativen Emotionen und ihren möglichen konditionierten Automatismen an Verhalten führt und befördert uns emotional genau in jenen kleinen Moment des Innehaltens hinein, den es braucht, um sich einen Überblick über die Situation  zu verschaffen. Er beruhigt die Emotionen, in dem er sie unterbricht. “Warte mal kurz”, sagen wir innerlich zu unserem inneren Kind, “lass mich das hier machen, geh du schon mal ins Turmzimmer. Ich komme gleich nach.”

Der Ruheort kann ein individuell gestalteter Raum sein, ein Stück Natur, ein Kleidungsstück, ein Gedicht, ein Märchen, ein Song oder eine Tätigkeit. Es kann auch ein Zusammensein mit jemand Anderem sein, solange hier keine Abhängigkeit besteht, sondern lediglich eine Präferenz. Es kann einer der mobilen Schutzräume sein, an den wir kurz denken. Auf die Art nehmen wir nicht nur das innere Kind aus dem Geschehen, sondern nutzen zugleich den Schwung der Vorfreude oder der Erinnerung an die Freude, um eine gute Lösung zu erfühlen. Indem wir das innere Kind per Imagination in sein persönliches Paradies schicken, verbinden wir uns mit seiner Kreativität, verbinden uns mit unserem Humor, unserer Leichtigkeit, unserer Intuition. “Okay, mach ich”, ruft das innere Kind dann und schickt uns von seinem sicheren Ort aus seine ganzen wunderbaren Ideen. Jetzt versucht es nicht mehr, vom Außen zu erhalten, was es zu seiner Ganzheit braucht. Jetzt fühlt es stattdessen die Ganzheit in sich selbst, indem wir dem inneren Kind Mutter und Vater sind.

“Geh schon mal vor in unseren Garten”, oder welcher Satz auch immer neu mit dem Gefühl von Zuhause konditioniert werden soll, wird zur magischen Formel für das Auftretenlassen der Vernunft, bestehend aus den Komponenten Präsenz (inklusive Innehalten, Zuhören, Sensibilität, Mitgefühl, Liebe) und Angemessenheit (inklusive Konsequenz, Gelassenheit, Handeln, Unterscheidungsvermögen, Grenzensetzen).


Aus dem Gefühl heraus, dass wir nichts, aber auch gar nichts, von einem anderen Menschen brauchen, um vollständig und ganz zu sein, aus dem Gefühl der essenziellen Unabhängigkeit heraus also, hört uns das innere Kind von seinem Ort in unserem Herzen aus zu, während wir im Außen über unser Gewahrsein sprechen, das mit dem inneren Kind zu tun hat: “Ich nehme die Situation gerade so wahr, dass…”. So klären wir die Schattenaspekte einer Situation auf erwachsene Art. Das Kind in uns fühlt sich gesehen und vertreten, ohne, dass es selbst kämpfen (Aktivpol) oder sich zurückziehen (Passivpol) muss. Es sitzt in unserem Herzen, sicher aufgehoben und warm gehalten und beobachtet, wie es kompetent und souverän von uns vertreten wird.

Und sehr oft, wenn wir innehalten – dieses Innehalten braucht ein wenig Training, bis es zu einer Gewohnheit geworden ist – flüstert es uns zu: “Du, ich weiß da einen Witz und der geht so:…”. Das aus der Schusslinie genommene innere Kind ist einfach purer Humor, pure Kreativität, pure Gelassenheit. Dort an dem sicheren Ort unseres Herzens kann ihm schließlich gar nichts passieren. Dort herrscht Stille und Frieden und Liebe. Wie ganz am Anfang, bevor wir in das Chaos der Dualität eingetreten sind.

Wenn es jetzt eine To-do-Liste zum “inneres-Kind-aus-der-Schusslinie-nehme” gäbe, sähe sie so aus:

Sieben Punkte also.

Wie passend ;-).

Posted on 25. Januar 2018 in Hochsensibilität im Alltag

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