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Vernunft

Oder: Wenn wir mental erst mal wirklich erwachsen sind

Liebe Marie,

wusstest du, dass du seit Jahrhunderten schon als leuchtendes Beispiel hingestellt wirst für Tugend und Fleiß und Gehorsam und Disziplin? Du fühlst dich dabei reichlich missverstanden? Das kann ich verstehen. Als du damals in den Brunnen gesprungen bist, der Spindel hinterher, da hättest du dir wohl nicht träumen lassen, dass dir dieser Sprung am Ende so zu Ruhm und Ehre gereichen würde. Oder besser: Alles was danach kam. Aber es war schon wirklich erwachsen von dir, wie du mit den Broten und den Äpfeln umgegangen bist, statt sie, wie deine Schwester, einfach zu ignorieren. Präsent warst du und empathisch und fürsorglich für die Nöte der Anderen. Und dann hast du angemessen gehandelt, konsequent nach dem, was du wahrgenommen hast. So geht Erwachsensein und das hat dich zur Heldin gemacht. Und dass du keine Angst vor den Zähnen der Frau Holle hattest, das zeugt ebenfalls von Präsenz und einem gesunden Unterscheidungsvermögen. Ich finde dein Wesen einfach bewundernswert – und ich glaube, daher stammt in Wahrheit dein Ruhm – dass du es geschafft hast, dort in der Welt der Frau Holle ganz bei dir zu bleiben und angesichts der Wirklichkeit, wie sie sich dir geboten hat, du selbst zu sein oder eher: zu werden. Mit dem vorhandenen Material hast du deine eigene tiefe Wahrheit ausgedrückt und das war schon große Kunst. Den Goldsegen hattest du am Ende einfach verdient. Er war ja auch weniger Lohn als mehr die Manifestation dessen, was in dir freigelegt worden war.

Ich frage mich, was wir mit deiner Schwester machen sollen. Ich meine, wäre es nicht hilfreich für sie, zunächst einmal ebenso erwachsen zu werden wie du? Da landet sie ebenfalls in der anderen Welt und soll sich bewähren, ist einzig aufgefordert, zu sagen, wer sie in Wahrheit ist, aber die Wahrheit ist derzeit: Sie weiß es nicht. Ist das nicht traurig? Sie läuft herum und benimmt sich wie ein Kind, verweigert die erbetene Hilfe, gibt freche Antworten, ist blind den Bedürfnissen der Anderen gegenüber. Und ja auch gegenüber ihren eigenen, das ist ja das größte Problem. Sie lässt sich von ihrer Mutter instrumentalisieren als sei sie nur deren Projektionsfläche und habe überhaupt keinen eigenen Willen und keine eigene Vorstellungskraft. Vielleicht hat sie die auch nicht, deshalb läuft sie auf Befehl los, obwohl sie gar nicht dahintersteht und springt ebenfalls in den Brunnen. Es muss ja schief gehen, so ein Unterfangen, das gar nicht den eigenen Neigungen entspricht. Da kann ich verstehen, dass ihr am Ende alles zu viel war und sie überhaupt nicht mehr arbeiten wollte und sich gänzlich verweigert hat. Dass sie dann mit Pech überschüttet wurde, war bedauerlich, aber auch irgendwie konsequent und logisch. Die Gute hatte ja nicht, so wie du, Marie, zu sich selbst gefunden. Sie war nicht erwachsen geworden, konnte nicht zu sich stehen und ihre Meinung vertreten und die notwendigen Veränderung, die zu ihrem persönlichen glücklichen Leben notwendig gewesen wären, die konnte sie auch nicht realisieren. Sie kam nach Hause und wusste noch immer nicht, wer sie eigentlich ist. Da stand sie mit dem ganzen Pech auf dem Leib selbst dann noch unter der Schelte und der Fuchtel ihrer Mutter. Auf Mitgefühl konnte sie da lange warten. Armes Ding.

Sag, Marie, könnten wir ihr nicht helfen? Könnten wir nicht mir ihr zusammen ihren inneren Erwachsenen, ihre Vernunft, herauserzählen, so dass sie überhaupt erst mal fühlt, wer sie in Wahrheit ist? Dann kann sie es vielleicht beim nächsten Mal besser machen. Oder sie sagt ihrer Mutter gleich, dass sie für so eine Nachahmung nicht zur Verfügung steht, dass in den Brunnen zu springen dein Ding vielleicht war, aber deshalb nicht automatisch auch ihres sein muss. Autonomie würde ich ihr wünschen, Marie, so wie du sie für dich gefunden hast. Die Freiheit zur inneren Entscheidung. Wenn du magst, dann richte ihr meinen Gruß aus, warm und herzlich, und sag ihr, dass sie mir im Schreibspiel willkommen ist. Dort erarbeiten wir, bevor wir irgendetwas Anderes tun, den inneren Erwachsenen oder die Vernunft, aber man kann es auch Verstand nennen. Den echten Verstand – und nicht den inneren Kritiker, der die verinnerlichte Nörgelei und Kritiksucht ihrer Mutter ist.

Bitte grüß deine Schwester von mir und eine warme Umarmung an dich, liebe Goldmarie. Ob in der Umarmung mit dir wohl ein wenig Gold an mir hängen bleibt? Das frage ich mich.

Deine Ariela