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Nummer 21: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

Eine Märchenmeditation

Übersicht der Märchen im siebten Dreieck zum Thema Souveränität und Autorität




Prophezeiung

Weshalb dieses Märchen nicht den Titel “Das Glückskind” trägt, ist mir rätselhaft. Und ich finde die Titelgebung auch irreführend. Der Teufel ist nur ein Helfer, aber er ist nicht der Held des Märchens. Der Held des Märchens ist ein Junge, der einer armen Frau geboren wird und bei seiner Geburt “eine Glückshaut umhatte”. Darum wird es Glückskind genannt. Dem Kind wird geweissagt, dass es im Alter von vierzehn Jahren die Tochter des Königs heiraten werde, was der König zu verhindern versuchen wird. Das ist die Geschichte des Märchens.

Es ist gleichgültig, dass es im Augenblick der Prophezeiung ziemlich unwahrscheinlich erscheint, dass dieser Knabe von armen Eltern einmal der Gatte der Königstochter und damit später König sein würde. Man ist völlig zuversichtlich über den Wahrheitsgehalt der Prophezeiung, denn über die Bedeutung der Glückshaut wird gesagt:

Tatsächlich glaubt auch der König an die Wahrheit der Prophezeiung und ist nicht gerade erfreut. Er wird explizit als jemand mit einem bösen Herzen beschrieben, so dass es folgerichtig erscheint, dass er versucht, die Weissagung zu sabotieren. Er will den Jungen sofort loswerden, kauft ihn den Eltern ab und wirft ihn in einer Schachtel in den Fluss. Die Eltern stehen dabei mit ihrer Reaktion auf das Kaufangebot des Königs im Passivpol. Sie handeln gegen ihre Überzeugung, überreden sich dann selbst und werden zu Opfern der tyrannischen Macht des Königs. Zugleich aber haben sie volles Vertrauen in das Wesen des Glückskindes. Im Grunde müsste jede Entscheidung die richtige sein, denn egal, wie entschieden wird, dem Glückskind ist es inhärent, dass ihm alles zum Glück ausschlägt.

Das Motiv der Aussetzung und Errettung des Schicksalskindes

Der König wird den Jungen in eine Schachtel legen und wird die Schachtel in einen Fluss werfen. So geschah es dem Alten Testament nach auch dem Propheten Mose, der in einem Schilfkörbchen am Nilufer ausgesetzt wurde, wo er, statt vom Fluss mitgerissen worden zu sein, von der Tochter des Pharao gefunden wurde, die wiederum eine Amme einstellte, die zufälligerweise die leibliche Mutter des Kindes war. Das Kind wurde von der Tochter des Pharao als Sohn angenommen, erhielt den Namen Mose und entkam so der vom Pharao angeordneten Tötung aller männlichen Nachkommen der Israeliten. Als erwachsener wird er das Volk Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft befreien. Es handelt sich um das Motiv der Aussetzung und Errettung des Schicksalskindes. 

Der Prophezeiung gemäß überlebt der Junge mit der Glückshaut hier im Märchen ebenfalls und wird an Kindes statt von einem Müllerspaar aufgenommen, das vielleicht wesentlich besser geeignet ist, den Jungen großzuziehen, als die ursprünglichen Eltern. Sie empfinden den Jungen als göttliches Geschenk und widmen sich ihm in liebevoller Fürsorge. Ob er genau diese Fürsorge von Eltern erhalten hätte, die ihr Kind für ein paar Goldmünzen zu verkaufen bereit waren, wäre fraglich gewesen. So wurde der König unfreiwillig zum Erfüllungsgehilfen der Prophezeiung, denn in der Fürsorge der Müllersleute wird der Junge angenehm in seinem Wesen, so dass er der Königstochter später überhaupt gefallen wird. Wäre er in der Obhut seiner habgierigen Eltern geblieben, wäre diese Charakterbildung womöglich ausgeblieben.

Der Schatten spielt der Prophezeiung in die Hände

Glückskind und König aber begegnen sich auf seltsame Art wieder. Das müssen sie, denn sonst könnte die Prophezeiung sich nicht erfüllen. Es werden gerade die schattenmotivierten Handlungen des Königs sein, die den jeweils nächsten notwendigen Schritt in Richtung Erfüllung einleiten. Der Widersacher wird von einem Gewitter ausgerechnet in die Mühle getrieben, in der der Junge lebt, so dass dem König zur Kenntnis gelangt, dass der Junge noch lebt. Er versucht erneut, die Prophezeiung zu sabotieren, wird diesmal aber noch stärker als beim ersten Mal, wenn auch weiterhin unfreiwillig zum Erfüllungsgehilfen des Schicksals. Der König schickt den Jungen mit einem Brief von tödlichem Inhalt zur Königin ins Schloss. In dem Brief wird die Königin aufgefordert, den Jungen bei dessen Ankunft sofort zu töten. 

Was ein echtes Glückskind ist, das hat archetypische Helfer

Jetzt kommt das Schicksal ins Spiel und zwar das persönliche Schicksal eines Glückskindes. Die Grundhaltung des Jungen, seine Schwingung, man könnte sagen, die Hintergrundmelodie seines Lebens ist die der Prophezeiung und deren Wesen: “Was so einer unternimmt, das schlägt ihm zum Glück aus”. Man könnte sagen, so jemand ist mit den Füßen im Himmel verankert, wie Ruediger Dahlke es als Ziel für das Lebensprinzip Neptun beschreibt (vgl. Ruediger Dahlke: “Die Lebensprinzipien”). So jemand hat ein unbewusstes Bewusstsein dafür, dass Gott nichts über der Welt Stehendes und die Welt Lenkendes ist, sondern als Intelligenz der Liebe der Welt immanent ist, selbst wenn diese Intelligenz in ihrer Logik pervertiert erscheint, wie es für gekränkte und überforderte Kinder völlig normal ist. Gott in der Welt oder die Transzendenz in der Immanenz, während von der Immanenz auf die Transzendenz geschlossen werden kann. Das Symbol des Sternzeichens Fische, das zum Lebensprinzip Neptun gehört, zeigt zwei Fische, die in entgegengesetzte Richtungen schwimmen. So ein Glückskind hat die Gegensatzvereinigung von Anfang an im Blut. Sie ist Teil seiner Veranlagung und seine einzige Aufgabe ist es, die in der Veranlagung liegende Prophezeiung zu verwirklichen und damit ein weiteres Stück Freiheit in die Welt zu bringen. Mit dieser Schwingung der einem Glückskind inhärenten Gegensatzvereinigung wird alles Schattenhafte anstrengungslos transzendiert. In jüngeren Jahren wird alles Unangemessene und Unangenehme nur transzendiert, einfach weil so ein Mensch ganz unbewusst, aber konsequent den Himmel in sich spürt und verwirklicht. In späteren Jahren wird die Schattenhaftigkeit der Welt zusätzlich auf ihre höhere göttliche Ordnung hin durchschaut und das Transzendieren der schattenhaften Form wirkt mit seiner zutage tretenden Weisheit über den Wert des Menschseins zugleich harmonisierend und befreiend auf die Welt. Jetzt dient so ein Mensch dem Jupiter-Prinzip, dem Prinzip von Wachstum, Evolution und Sinnfindung (vgl. Dahlke: “Die Lebensprinzipien”), das der Lebensqualität der Weisheit verpflichtet ist.

Bemerkenswert an diesem Glückskind hier ist seine erstaunliche Klarheit, mit der er sich selbst stets klar und deutlich zum Ausdruck bringt: 

Der Junge hält keine Information zurück, macht sich nicht wichtiger oder unwichtiger als er ist, sondern berichtet voller Klarheit alle relevanten Fakten. Würde er es nicht tun, könnte das Schicksal nicht für ihn arbeiten. Würde er seine Müdigkeit verbergen statt sie zu verbalisieren (wie es gekränkte oder überforderte Kinder tun), könnte die Dame des Hauses kein Mitgefühl mit ihm aufbringen und könnte sich ihm nicht als hilfreich erweisen, indem sie ihm einen Platz in der Höhle anbietet und ihn unter ihren Schutz nimmt. Würde er den Brief an die Königin verschweigen, würden die Riesen nicht von ihm erfahren und könnten ihn nicht zu seinen Gunsten umschreiben. Gerade, weil er nichts verheimlicht, sondern alles zum Ausdruck bringt, was ihn betrifft, können die Dinge ihren positiven Lauf nehmen. Dieser Ausdruck allerdings ist unbedingt authentisch und nicht manipulativ. Er sagt, wie er sich fühlt, was er will und was er braucht und lässt dem Gegenüber die Freiheit, sich den eigenen freien Ressourcen gemäß einzubringen. So macht er es hier bei der alten Frau, und so macht er es später bei der Großmutter des Teufels und hat mit dieser offenen Art unumwunden Erfolg, so dass man wird sagen können: Was er unternimmt, das schlägt ihm zum Glück aus, eben weil er etwas unternimmt.

Der Junge verirrt sich nun also im Wald. Es ist gerade der Einfluss des Verirrens, das Vom-Weg-Abkommen, das bei Rotkäppchen noch so unbedingt vermieden werden sollte, der dem Glückskind nun die Rettung bedeuten wird. Hätte sein Weg ihn schnurstracks ins Schloss geführt, wäre die Botschaft des Briefes ausgeführt worden und der Junge wäre längst tot. So aber schlägt er, wenn auch versehentlich, einen Umweg ein, geht ihn voller Vertrauen und Zuversicht und landet in einer Räuberhöhle. Schützt das Wissen um die Glückshaut ihn? “Mag kommen, wer will”, entgegnet der Junge der besorgten Alten, die den Räubern den Haushalt führt, “ich fürchte mich nicht.” Interessant ist, dass der Junge zugleich ein gutes Gespür für sich selbst und für die Situation hat und dem Gespür gemäß völlig angemessen handelt:

Er hätte ob der Erklärung der Alten, in welcher Gefahr er sich befände, jetzt auch in Angst verfallen, die Höhle wieder verlassen und mit dem Weiterwandern über seine Kräfte gehen können. Indem er der Angst nachgegeben hätte, hätte er womöglich sein eigenes Unglück heraufbeschworen, denn die Räuber hätten ihn vielleicht an einer Stelle im Wald gefunden, an der er keine Fürsprache gehabt hätte, ganz davon abgesehen, dass der Brief nicht umgeschrieben worden wäre. Es ist also das Innehalten, die Pause, das Ausruhen und aktive-Nichttun, das dem Schicksal die Möglichkeit gibt, im Sinne des inneren Plans, der im Hintergrund schwingenden Seelenintention, tätig zu werden.

Von dem Jungen aber geht eine absolut vertrauensvolle und friedliche Schwingung aus, mit der andere Wesen in Resonanz gehen. Die Alte in der Räuberhöhle schützt den Jungen vor den Räubern und die Räuber schützen ihn vor des Königs Befehl. Sie formulieren den Brief, den sie in den Sachen des Jungen finden, neu, und lassen den Jungen ahnungslos seiner Wege ziehen. Die alte Frau und die Räuber werden zu vernünftigen Helfern, die im Drama-Dreieck der erwachsenen Energie aus Präsenz und Empathie (Yin) und Konsequenz und Solidarität (Yang) zugeordnet werden können.

Das Schicksal bedient sich der Hände in der Welt und so haben die Räuber ausgerechnet jenen Text in den Brief geschrieben, der dazu führen wird, dass sich die Prophezeiung erfüllt. Die Herzen aller archetypischen Helfer wurden von der Vertrauensseligkeit des Jungen angerührt, und die Helfer nehmen sich jeweils die Freiheit, ihre eigenen Werte schöpferisch zu verwirklichen: Barmherzigkeit im Fall der Alten und Gerechtigkeit im Fall der Räuber und zuvor im Leben die Fürsorge im Fall des Müllerspaares. 

So unwahrscheinlich die Weissagung ursprünglich mal geklungen haben mag, es hat nun eins zum anderen geführt, so dass der Junge jetzt tatsächlich die Tochter des Königs heiratet.

Eigentlich könnte das Märchen hier zu Ende sein. Die Königstochter ist mit der Wahl ihres Ehemanns zufrieden und das Paar könnte ein gutes Leben führen.

Unternehmungen

Das Märchen ist aber noch nicht zu Ende. Bisher hätten wir von dem Jungen mit der Glückshaut eher den Eindruck gewinnen müssen, dass ihm die Dinge einfach so zufallen, ganz ohne sein Zutun, dass er einfach “den Dusel hat”, wie man so jemandem im Rheinland nennt, der immer wieder unverdientes Glück hat. Das scheint aber nicht die wahre Bedeutung einer Glückshaut zu sein, denn es heißt ja: “Was so einer unternimmt, das schlägt ihm in Glück aus.” Bisher ist der Junge aber noch nicht selbst aktiv geworden, sondern ist – was allerdings eine große Lebenskunst ist – mit dem Leben mitgeflossen.

Im zweiten Teil des Märchens kommt der König an den Hof zurück und sieht sich betrogen. Er will dieses Schicksal, seine Tochter an einen Habenichts verheiratet zu sehen, keineswegs akzeptieren und er versucht noch immer, Widerstand zu leisten und das Schicksal zu kontrollieren. So kommt erst jetzt der titelgebende Teufel mit den drei goldenen Haaren ins Spiel. Die drei goldenen Haare vom Haupt des Teufels zu holen wird vom König als Prüfung erdacht, um die Würdigkeit des Jungen als Gemahl der Königstochter zu überprüfen. Das ist die offizielle Version. Tatsächlich versucht der König das Schicksal zu überlisten, denn er hofft auf den sicheren Tod des Jungen in der Hölle.

Der Junge fürchtet sich allerdings auch nicht vor dem Teufel, obwohl die Prophezeiung nicht weiter ging als bis zur Heirat mit der Prinzessin. Ob der Junge auch verheiratet bleiben oder vorzeitig sterben würde, darüber hat er keine Auskunft. Es ist nur seine Glückshaut, die ihm weiter bedingungslose Zuversicht gewährt und ihn darum vertrauensvoll, ja sogar schon souverän antworten lässt. Er verstrickt sich nicht in den ausgeworfenen Fängen des Königs. Von ihnen hält er sich fern, geht nicht auf die Form und nicht auf die Motivation des Ansinnens ein, sondern bringt ganz einfach sich selbst ein, sich und sein Vertrauen in sein Schicksal. Dabei handelt es sich nicht um mangelndes Urteilsvermögen wie im Märchen Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, das den Jungen dazu bringt, den Teufel nicht zu fürchten, sondern es ist sein würdevolles, ja souveränes Selbstvertrauen, das ihn dem König in ebensolch souveräner Haltung mitteilen lässt: “die goldenen Haare will ich wohl holen, ich fürchte mich vor dem Teufel nicht.” Eine Bedingung stellt er nicht, denn damit würde er sich mit dem König einlassen. Falls er die Schikane erkennt, steht er darüber. Er lässt sich auf das Spiel des Königs nicht ein, sondern behält sein Ziel im Auge, das er der Großmutter des Teufels gegenüber später formulieren wird: Er will seine Frau behalten. Und so nimmt er einfach Abschied und begibt sich auf die Wanderschaft. Kommentarlos. Gelassen. Voller Selbstsicherheit. Der Himmel ist in ihm und er muss ihn nur verwirklichen.

Weisheit

Drei Menschen begegnen ihm auf seinem Weg, die ihn unterwegs um einen weisen Rat bitten. Was er wüsste, wollen sie zunächst von ihm wissen und der Junge antwortet: 

Die Antwort ist keine Hybris, die wir in den Aktivpol des Schattens schreiben müssten. Es ist der Ausdruck des Vertrauens eines Menschen in sein kosmisches Gehalten- und Geführtsein. Der Junge hat mit diesem Gehaltensein nun ausreichend Erfahrung in seinem Leben gemacht, so dass ihm klar ist: Er wir für alles eine Lösung in sich selbst finden, indem er dem Außen gut zuhört. Das ist die Basis von Weisheit. Es ist nämlich nicht so, dass er sich tatsächlich für allwissend hält oder eine Antwort fantasieren würde. Im Grunde beschäftigt er sich gedanklich nicht weiter mit dem Problem der Leute, sondern vertröstet sie auf einen späteren Zeitpunkt. Er will ihnen die Antwort bei seiner Rückkehr mitbringen. Damit macht er klar, dass nicht er die Quelle der Antwort sein wird, sondern dass er lediglich ihr Kanal sein wird. Seine Zuversicht in seine Kompetenz basiert auf der Selbstsicherheit, dass er schon herausbekommen werde, was an Informationen benötigt wird, auch wenn sie ihm im Moment nicht vorliegen. 

Wir könnten jetzt meinen, die Geschichte spielte sich im ersten Dreieck ab und es ginge um die persönliche Kompetenz des Jungen, wie im Märchen Die goldene Gans. Die Glückshaut aber bringt eine spirituelle Komponente ins Spiel. Wenn man sich den Körper als in einen Kreis gelegt vorstellt, bei dem Scheitel und Fußspitzen sich berühren (im Yoga gibt es so eine Position), berühren sich Wurzel- und Kronenchakra. Vom Element der Glückshaut ausgehend wird jedes Lebensthema auf eine höhere Ebene gestellt und so wird die persönliche Kompetenz und die Frage: “Was weißt du?” zu einer Frage nach der spirituellen Verbundenheit des Glückskindes, auf die es antwortet: “Ich weiß alles.” Und zwar weiß es nicht aus sich selbst heraus alles, sondern aufgrund seiner Anbindung an die kosmische Intelligenz, die ihm seine Glückshaut bringt. Dessen ist der Junge sich offenbar bewusst. Darum ergeht er sich den Fragenstellern gegenüber weder in Selbstzweifeln, dass er die nötige Antwort nicht erbringen könne, noch stürzt er sich in einen unangemessenen Beweiszwang und tut so, als könne er hellsehen. Stattdessen wartet er intuitiv ab, bis der Augenblick und der Ort richtig sind, so dass er seine Antworten erhalten kann, und er weiß im Voraus, dass sie ihm von einer höheren Macht gewährt werden.

Das Resonanzprinzip

Ganz der Resonanz des Glückskindes gemäß nimmt die Großmutter des Teufels den Jungen in der Hölle genauso freundlich auf, wie die Alte in der Räuberhöhle es getan hatte und das Ehepaar in der Mühle. Der Junge hat nichts weiter zu tun, als klar und offen zu formulieren, was er will:

Kein Handeln, kein Überreden, keine versteckten Motive. “Ich wollte gerne drei goldene Haare von des Teufels Kopf, sonst kann ich meine Frau nicht behalten.” Andere würden es so in der Bäckerei formulieren: “Ich wollte gerne drei Semmeln kaufen.” Es scheint keinen Grund zu geben, eine andere Erwartung als die zu haben, dass der Wunsch erfüllt wird. Und vielleicht weil er die klare Erwartung hat, wird ihm der Wunsch erfüllt. Dem kosmischen Manifestationsgesetz jedenfalls würde der Mechanismus entsprechen. Zweifel halten uns von dem fern, was wir uns zu wünschen glauben. Die Illusionsbildung und damit die innere Lüge bringt uns auch nicht weiter, denn sie entspringt ebenfalls der Energie der Angst. Die Ehrlichkeit des Jungen und die Information, dass er sonst seine Frau nicht behalten könne, was ein Herzenswunsch ohne jeden Hintergedanken und ohne Betrugsabsicht ist, rühren das Herz der Großmutter. Es sind sein Vertrauen und seine eigene Redlichkeit, die sich in der Welt spiegeln und sich bewahrheiten. Die Großmutter des Teufels versteckt ihn in Gestalt einer Ameise in ihren Rockfalten.

Der Junge legt nicht nur die Beschaffung der Haare, sondern auch die der erbetenen Informationen in die Hände der großmütigen Großmutter des Teufels, die nun auf seiner Seite steht. Das Fragenstellen ist die Basis der Weisheit. Was er selbst danach noch zu tun hat, und was sein Genie ausmacht, ist, sich still zu verhalten und achtsam zuzuhören. Die Großmutter verwandelt ihn in eine Ameise, so dass er aus des Teufels Gewahrsein verschwinden und selbst dennoch ganz präsent sein kann. Er nimmt sich selbst völlig zurück, überlässt sich dem Flow der Dinge und er erfährt alles, was er braucht, indem er genau zuhört, den Menschen, Gott und dem Teufel.

Das Glückskind überlässt sich einfach dem Plan seines Schicksals, fließt mit dem Flow der Dinge und hört zu. Gott und Teufel sind beide allwissend und so erhält das Glückskind durch die List der Großmutter seine Informationen und die drei goldenen Haare.

Eine Gegenleistung wird nicht von ihm verlangt. Dem Glückskind wird um seiner selbst willen geholfen und die fruchtbare Polarität verlangt keine Gegenleistung. In der Durchführung der Kooperation an sich ist bereits ausgleichende Energie entstanden.

Auseinandergefallenes wieder zusammenführen

Auf dem Rückweg zeigt sich dann der Weitblick und die Synthesefähigkeit des Glückskindes und damit sein eigener Beitrag zum Gelingen dessen, was es unternimmt. Der Junge bringt alle Informationen an die richtigen Stellen, bringt sie vor allem zum richtigen Zeitpunkt an und nicht etwa zu früh, was im Fall des Fährmanns fatale Konsequenzen für den Jungen gehabt hätte, und stellt die Information über die direkt informierten Menschen dann noch einem weiteren Kreis, nämlich den Dörfern der Stadtwächter zur Verfügung, die die Fragen gestellt hatten. An jeder der drei Stellen, an denen die Information gegeben worden war, finden nun erneutes Gedeihen, Wachstum und Entwicklung statt.

Obwohl der Junge selbst für den Erhalt der Informationen von höchster Stelle keine Gegenleistung erbringen muss, wird er von denjenigen, für die er die Informationen eingeholt hat, fürstlich entlohnt! Die Empfänger sind ihm dankbar, dass er ihnen seine Fähigkeiten, der kosmischen Intelligenz zu lauschen, zur Verfügung stellt und aus ihrer Dankbarkeit heraus sind sie, dem Äquivalenzprinzip entsprechend, sehr bereit, für Ausgleich zu sorgen. Zugleich aber sind sie auch bereit, die Informationen umzusetzen und Auseinandergefallenes bei sich selbst wieder zusammenzuführen. Diese selbstverantwortliche Konsequenz ist wichtig für die Wirkung, die das Glückskind in der Welt erzielt, damit das, was es unternimmt auch tatsächlich zum Glück ausschlägt. Der Junge stellt sich als Medium für die Weisheit der Liebe zur Verfügung und übermittelt die benötigten Informationen als Ratschlag. Die Tatsache, dass die beiden Stadtwächter sich für den Rat des Jungen bedanken und ihn dafür mit Eseln voll Gold entlohnen, sagt, dass sie den Rat für dienlich und wertvoll halten und ihn befolgen werden. So schlägt das, was das Glückskind unternimmt, zum Glück der Anderen und demnach zu seinem eigenen Glück aus. Die Weltwirksamkeit ist die Ernte aller Beteiligten. Würde die erwachsene Seite der Konsequenz bei den Ratempfängern allerdings fehlen, würde der Glücksfluss leider unterbrochen werden. Für ein Glückskind aber scheint es dem Gesetz der Resonanz nach nicht vorgesehen zu sein, dass es auf Menschen trifft, die sich seiner medialen und weisen Arbeit als nicht würdig erweisen und an dieser Stelle in die Verweigerung gehen würden, die exakt zum unerlösten Pol des Dreiecks gehört, das hier besprochen wird:

In der therapeutischen oder beratenden Praxis würde man dazu sagen: Er arbeitet ausschließlich mit echten Klienten, die einen Auftrag an ihn haben, nicht mit Menschen, die nur jammern und sich selbst bemitleiden, aber an ihrem Leben nichts verändern wollen. Solche Menschen würden ihn nämlich auch nicht angemessen honorieren, weil die Arbeit für sie keinen Wert hätte, sie also aufgrund der eigenen Verweigerung keine Ernte erhalten würden. Prokrastination bedeutet in so einem Fall, dass jemand das, was ihm eigentlich dienlich wäre und was er als notwendig erachtet, dennoch aufschiebt und nicht ausführt. So ein Mensch geht zu sich selbst in den Widerstand statt eine Synthese in sich selbst zu leisten und die auseinandergefallenen Instanzen Gefühl und Verstand wieder miteinander zu verbinden. Würden die Stadtwächter die Kröte nicht von der Brunnenquelle nehmen und die Maus nicht von den Baumwurzeln entfernen, wären das gerade solche Pseudoklienten, die mit der Arbeit des Beraters auf einer unreifen, nicht erwachsenen Ebene in Resonanz stünden und folglich aus der Beratung auch kein Glück einfahren würden. An dieser Stelle würden dann weder das Glückskind noch die Stadtwächter Glück, also Erfolg und Ernte erfahren.

Den Tyrannen loswerden

Der Ausgleich und die Ausgeglichenheit, die der Junge nach Hause bringt, wird zunächst in der Liebe und ehrlichen Freude seiner Ehefrau gespiegelt. Der Reichtum entfacht allerdings auch die Gier des Königs, der gegenüber der Junge sich gänzlich gelassen zeigt.

Das Glückskind geht wiederum nicht in den Passivpol, verstrickt sich nicht mit einem geizigen Verheimlichen und Verstecken der Schätze in der Gier des Königs, sondern es ignoriert den Schattenbereich und agiert wieder aus seiner eigenen Ausgeglichenheit und völligen Souveränität heraus, die der Junge bereits daraus gezogen hatte, dass ihm alles so gut geglückt war und die sich darin erweitert, dass er zuhause von seiner Frau voller Freude empfangen wird.

Ein Schelm, der…? Ganz genau. Nun startet das letzte Gefecht der Kräfte: die Angst gegen die Liebe, die Emotion der Gier gegen die ruhige, souveräne Vernunft. Jetzt verknüpft das Glückskind sein erhaltenes Wissen aus dem einen Kreis mit einer Notwendigkeit der Grenzsetzung in einem anderen Kreis und bewirkt eine Befreiung in einem dritten Kreis. Der Modus, in dem das Glückskind diese Informationen miteinander verknüpft, entspricht dem Archetypus des weisen Narren. Er hält den König zum Narren, hält ihm den Spiegel vor, der seinerseits aber nicht erkennt, dass ihm der Spiegel vorgehalten wird und dass er pure Gier zeigt. Der König selektiert die Informationen seiner Gier gemäß so, dass sie ihn dazu bringen, dem Fährmann die Stange abzunehmen, ohne zu erfahren, wie man die Stange wieder los wird. 

So eine konsequente List hätte man dem sanften Wesen des Glückskindes gar nicht zugetraut. Aber ein Glückskind zu sein bedeutet eben, dass einem das Leben gelingt, auch wenn man dazu den Mantel der Weisheit gegen die Narrenkappe austauschen muss, was man mit derartiger Weisheit unternimmt, dass die Wirkung wieder zum Glück gereicht – sogar für diejenigen, die vermeintlich Opfer dieser Narretei werden. Es obliegt dem König selbst, ob des menschenfreundlichen Spotts aufzuwachen und seine Gier zu reflektieren.

Im Großen und Ganzen jedenfalls hat man als Glückskind nichts weiter zu tun, als dem Leben nicht im Weg zu stehen. Das bedeutet dagegen nicht, dass man naiv wäre, keine Grenzen setzen könnte und nicht wüsste, wie man sie durchsetzt, wenn es nötig sein sollte, es wird für ein Glückskind aber nur selten nötig sein. Meistens erledigen sich die Dinge für ein Glückskind von selbst, wenn es nur in seiner Weisheit bleibt, mit der es die höhere göttliche Ordnung und die Sinnhaftigkeit des Kosmos durchschaut hat. Mit einer Glückshaut geboren zu sein bedeutet, das höchste Lebensprinzip verwirklichen zu können und dazu mit Jupiter im Bunde zu sein, dem Prinzip von Wachstum, Evolution und Sinnfindung. Den Sinn allerdings muss ein Glückskind nicht selbst finden, sondern es muss nur in die Stille gehen und sich ruhig verhalten, und so wird es vom Sinn gefunden. Das ist die Bedeutung der Glückshaut, mit der so einem gelingt und zum Glück ausschlägt, was er unternimmt. Wachstum, Evolution und Sinn sind die Komponenten seiner Lebensmelodie, so dass sein Lied, wenn es in die Welt kommt, voller Weisheit sein wird und sich hoffentlich in der Welt verbreiten wird.

Kurzportrait der Autorin.

Posted on 16. November 2019 in Allgemein