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Über die intuitive Verbindung

Eine Untersuchung und Weiterführung von Begrifflichkeit und Idee der intuitiven Verbindung nach Jesper Juul

Einordnung des Phänomens

Alle Eltern und Kinder haben miteinander eine Verbindung über das Herz. Vorausgesetzt, es besteht überhaupt eine emotionale Verbindung. Wenn eine emotionale Verbindung besteht, jedenfalls, dann geht sie über das Herzchakra. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul berichtet aus seiner therapeutischen Praxis von einer weiteren Verbindung, deren Ursache und Funktion er bisher nicht weiter beschreiben wollte, deren Phänomenologie er aber ein Essay unter dem Titel “Die intuitive Verbindung” gewidmet hat. Der Essay ist 2016 in seinem Buch “Leitwölfe sein” erschienen. Juul’s Beobachtung nach scheint zwischen einem Elternteil und einem Kind eine tiefere Verbindung möglich zu sein, die besonders dann Schwierigkeiten bereitet, wenn sie nicht anerkannt und nicht gelebt werden kann. Auf den ersten Blick mutet es an, als bestünde diese Verbindung häufiger zwischen Kindern und ihren Vätern. Tatsächlich aber sind das die häufigeren Fälle, in denen es aufgrund von Abwesenheit zu Schwierigkeiten kommt. Rein statistisch gesehen, entfernen sich Väter häufiger von ihren Kindern, als Mütter es tun. Die Abwesenheit der Väter innerhalb einer intuitiven Verbindung schafft dann beim verlassenen Kind extreme Probleme, deren Phänomenologie in der Praxis des Familientherapeuten aufläuft, so dass er darüber berichten kann. Die problematischen Fälle scheinen sich daher häufiger zwischen Kindern und ihren Vätern abzuspielen. Die intuitive Verbindung an sich wird quantitativ aber ein Gleichgewicht der Geschlechter-Verteilung aufweisen.

Meine weiterführende Hypothese zu Juuls Beobachtungen ist, dass möglicherweise zusätzlich zur emotionalen Verbindung, die auf bedingungsloser Liebe basiert und die über das Herzchakra verläuft, eine weitere Verbindung existieren könnte, die Juul als auf der Intuition basierend bezeichnet und die über das Kronenchakra verläuft. Nach meiner Beobachtung von Juuls Beobachtungen würde ich wiederum intuitiv vermuten wollen, dass die Bedeutung dieser Verbindung mit unserer Lebensaufgabe zusammenhängt. Ich würde gerne versuchen, diese Idee herzuleiten.

Zum Begriff der Intuition

In seinem Essay “Die intuitive Verbindung” spricht Jesper Juul von dem Phänomen, dass ein Elternteil eine besondere Bedeutung für ein Kind hat. Er hat dieses Phänomen über Jahrzehnte in seiner familientherapeutischen Praxis beobachtet. Im Vorwort zu seinem Essay sagt er, er habe den Begriff zur Benennung des Phänomens von jemandem übernommen, fühle sich mit dem Attribut “intuitiv” zwar nicht sehr glücklich, er wisse aber auch keine treffendere Bezeichnung. Ich wüsste jetzt auch keine, aber ich halte sie auch durchaus für treffend. Der Begriff “intuitiv”, schreibt Juul, verweise ihm zu sehr auf die New Age Bewegung, der er sich offenbar nicht verbunden fühlt, selbst wenn er an anderen Stellen des Essays den bedauerlichen Mangel an Offenheit gegenüber wissenschaftlich Unbewiesenem und Unbeweisbarem bespöttelt.

Ich für meinen Teil bin da weniger heikel und meine Klienten und Leser würden mir vermutlich Feigheit vorwerfen, wenn ich mich in der gleichen vornehmen Zurückhaltung üben würde, wie Juul es tut, um die Frage nach Objektivierbarkeit und Sinn des Phänomens nicht beantworten zu müssen. Juuls Leistung, die intuitive Verbindung als Phänomen erkannt zu haben und seine Beobachtung publik zu machen, ist allerdings bereits extrem wertvoll. Schon der Essay, der bisher lediglich die Beobachtung des Phänomens schildert, hat vielen meiner Klienten im Schreibspiel sehr geholfen, Zusammenhänge in der eigenen Familiendynamik besser einordnen zu können.

Rein aus Neugierde (in der Kombination Forschergeist und Entwicklungsdrang) würde ich gerne über Juuls Beobachtung hinausgehen. Ich würde gerne diskutieren, wie sich das Vorhandensein einer intuitiven Verbindung vor der Konzeption der von mir entwickelten Drama-Dreiecke und dem Modell der inneren Familie ausnimmt. Womöglich gibt es in der diskursiven Weiterführung eine fruchtbare Rückkopplung auf die Phänomenbeobachtung.

Phänomenbeobachtung

Ich fasse Jesper Juuls Beobachtung einmal kurz zusammen: Juul unterscheidet, was die Eltern-Kind-Beziehung angeht, also zwischen einer emotionalen und einer intuitiven Verbindung. Beiden Beziehungen liegt – im Idealfall – die gegenseitige Liebe zugrunde. Die erwachsenen Ressourcen liegen (mal nur für dieses Dreieck betrachtet) bei beiden Elternteilen in einer individuell gelebten Mischung aus Güte, Empathie, Wärme und Humor.

Die intuitive Verbindung allerdings hat zusätzlich zur Liebe einen weiteren Aspekt, den Juul im Moment über die Teilaspekte Intensität und Tiefe beschreibt.

Da er in seiner Praxis in der Regel mit denjenigen Kindern zu arbeiten hat, in deren Leben das Elternteil, zu dem eine intuitive Verbindung besteht, physisch nicht anwesend ist, kann er das Phänomen am ehesten über dessen Negation einordnen.

Kinder, die eine rein emotionale Verbindung zu einem abwesenden Elternteil haben, vermissen dieses Elternteil. Sie trauern nach jeder akuten Trennung, beruhigen sich aber nach einiger Zeit wieder, besonders wenn sie von den erwachsenen Ressourcen des anwesenden Elternteils gehalten werden, und finden zu einer inneren Balance zurück.

Kinder, die zu dem abwesenden Elternteil eine intuitive Verbindung haben, leiden dagegen unter der Trennung stark und auch ohne, dass ein Abklingen des Schmerzes und der leidvollen Konsequenzen im Verhalten der Kinder zu registrieren wäre. Es leiden sogar solche Kinder unter der Abwesenheit, die das jeweilige Elternteil nie gesehen haben und überhaupt nicht kennen. Juul sagt dazu, diese Kinder vermissen ihre Mutter oder ihren Vater nicht nur, sie haben also nicht nur eine Präferenz ihrer Anwesenheit gegenüber, sondern sie brauchen diesen Elternteil existenziell. Es sei ein existenzielles Bedürfnis im Leben des Kindes, dass der jeweilige Elternteil physisch anwesend und mental präsent sei. Wenn das nicht der Fall ist, zeigen die Kinder extreme Verhaltensweisen, die im instinktiven Passivpol von Hoffnungslosigkeit und im Aktivpol von verschiedenen Formen der Unduldsamkeit motiviert sind.

Affirmativ betrachtet, weist die Beschreibung der intuitiven Verbindung auf einen höheren Einfluss durch den Erwachsenen und eine tiefere Spiegelfunktion durch das Kind hin. Kinder innerhalb der intuitiven Verbindung scheinen ihre Bezugsperson uneingeschränkter zu spiegeln, was unbewusste Eigenschaften und Verhaltensmuster angeht. Zugleich hat das Verhalten dieses Elternteils einen sehr viel stärkeren Einfluss auf das Kind und beeindruckt das Kind nachhaltiger. Juul plädiert deshalb für die Verantwortungsübernahme in Form einer intensiveren, bewussteren Selbstreflexion durch den erwachsenen Teil in einer solchen Beziehung und hält sie für noch wesentlich notwendiger als innerhalb einer rein emotionalen Verbindung mit einem gewöhnlichen Einfluss von Elternteil zu Kind.

Existenziell und auch essenziell?

Man könnte sich fragen, ob “existenziell” in der Bedeutungsbeschreibung der richtige Begriff ist oder ob es nicht der Begriff “essenziell” ist, der es noch besser treffen würde. Denn existenziell brauchen wir als Kinder doch eher eine Bezugsperson, die uns in unseren physischen und psychischen Grundbedürfnissen nach Kontrolle über unser Leben, Lustempfinden und Schmerzvermeidung, Selbstwertsicherung und Bindung versorgt, uns also Nahrung, Schutz und Wärme zukommen lässt. Mir scheint es aber, dass es sich der Beschreibung nach, hier eher  um eine Verbindung handelt, die mit der Seele zu tun haben könnte. Juul sagt  zum Beispiel, dass so eine Verbindung auch zu verstorbenen Elternteilen bestehen könne, und dass sie auch dort ein Leben lang leidvoll erfahren werden könnte. Aus diesem Grund würde ich vorschlagen, dass die Essenz zumindest mit in die Betrachtung aufgenommen und also angenommen wird, dass es sich um ein existenzielles und essenzielles Bedürfnis handelt, das Elternteil, zu dem die intuitive Verbindung besteht, in seinem Leben zu erfahren.

Erfahrungen

In meiner Coaching-Arbeit innerhalb meines schreibtherapeutischen Ansatzes des Schreibspiels bin ich bei meinen erwachsenen Klienten schon mehrfach, eigentlich sogar auffallend häufig, auf diese intuitive Verbindung gestoßen. Thematisch zeigt die Manifestation der Problematik sich bisher in einer Verbindung mit den beiden Themen Bindung und Autonomie. Innerhalb der von mir entwickelten Drama-Dreiecks-Reihe wären das vierte und das siebte Dreieck oder in der Chakrenzuordnung das Herz- und das Kronenchakra betroffen. So, wie Juul bei den Kindern und Jugendlichen in seiner Praxis von schulischen Schwierigkeiten im Bereich Lernen, Konzentration und Sozialverhalten berichtet, berichten meine erwachsenen Klienten im Schreibspiel von Perspektivverengungen, mangelnder Kreativität, Schwierigkeiten im Hinblick auf Konzentration und Fokussierung, von Prokrastination und von einem Gefühl der fehlenden Daseinsberechtigung, aber auch von tiefen Verlorenheitsgefühlen.

Die emotionale Basis scheint meiner bisherigen Arbeitsbeobachtung nach im Grundbedürfnis nach Bindung angesiedelt zu sein. Hier liegt das Leid begründet, das Kinder und Erwachsene empfinden, die den Kontakt zu ihrem intuitiv verbundenen Elternteil entbehren müssen. Vor allem im Fall dass dieses Elternteil verstorben ist, habe ich innerhalb meiner Arbeit an den betroffenen Erwachsenen eine Untröstlichkeit beobachtet, die über das erwartbare Maß der Trauerzeit und der Trauerintensität weit hinausging. Es schien sich eine Verlustangst aufgebaut zu haben, die interessanterweise öfter mit der instinktiven Deprivation beantwortet wurde, also mit einem unsicher distanzierten Bindungsstil, als mit einem unsicher abhängigen Bindungsstil. Statt zu klammern, wird in dieser Art der Traurigkeit offenbar häufiger auf Distanz gegangen. Möglicherweise liegt das daran, dass diese Menschen instinktiv ahnen, dass ihr Leid von keinem anderen Menschen, als dem intuitiv verbundenen Elternteil gelindert werden kann. Sie wirken dann, wie trotzige Kinder, die niemand Anderen an sich heranlassen wollen außer Vater oder Mutter. Es kommt zur Entwicklung einer Pseudoautonomie, die das vierte mit dem siebten Dreieck verbindet. Möglicherweise handelt es sich um den Versuch, die tief empfundene Einsamkeit zu kontrollieren.

Wenn es sich um eine gegengeschlechtliche Eltern-Kind-Verbindung gehandelt hatte, scheint es ein potenzieller gegengeschlechtlicher Partner umso schwerer zu haben, solange er unbewusst instrumentalisiert werden soll, den Verlust auszugleichen. Erst die Bewusstwerdung des Phänomens entlässt den potenziellen Partner aus der unbewusst an ihn herangetragenen Erwartung, indem sowohl der schwere Verlust als auch die Unkompensierbarkeit des Verlustes anerkannt wird. Im Fall einer gleichgeschlechtlichen Eltern-Kind-Verbindung auf intuitiver Basis scheint meiner Beobachtung nach der gegengeschlechtliche Partner nicht in die Pflicht der Kompensation genommen zu werden und wird demnach auch nicht als Bedrohung empfunden, diese Kompensation ohnehin nicht leisten zu können. Für eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft gilt meine Beobachtung bisher analog.

Das Thema der Autonomie verbindet sich mit dem Thema der Bindung, so wie ich es bisher beobachte, über das dringende Bedürfnis, Einfluss auf die als mangelhaft und leidvoll empfundene Situation der Abwesenheit nehmen zu wollen, aber keine Gestaltungsfreiheit zu haben, also nicht darüber entscheiden zu können, ob die vermisste Person an- oder abwesend ist. Dem gewöhnlichen Vermissen gegenüber scheinen die Kinder irgendwann, spätestens als Erwachsene, in die Akzeptanz gehen zu können. In der als leidvoll empfundenen Abwesenheit des intuitiv verbundenen Elternteils allerdings scheint ein starker Drang zu bestehen, die Situation auch weiterhin ändern zu wollen, selbst wenn die emotionale Basis sich äußerst zerrüttet darstellt. Die Unfähigkeit zur Veränderung, zum Beispiel aufgrund des mangelnden Verständnisses des fehlenden Elternteils oder aufgrund seiner anhaltenden Abwesenheit scheint als quasitraumatische Autonomieverletzung wahrgenommen zu werden. Klienten aus solchen unerfüllten intuitiven Verbindungen, die das Elternteil entweder nie kennengelernt oder als Kinder verloren haben oder die Abwesenheit des Elternteils nach einer Trennung der Eltern erleiden mussten, berichten von Zuständen der Ungeduld als Persönlichkeitsstil, häufiger aber noch von ihrem Gegenpol, der Prokrastination in einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit.

Unterstützung

In der Auflösung des leidvollen Gefühls ist meine bisherige Arbeitserfahrung bei erwachsenen Klienten die, dass hierzu das Gleiche gilt, wie Juul es mit seinen kindlichen Klienten sehr hilfreich praktiziert: Zunächst müssen Bedürfnis und Leid anerkannt werden. Dazu gebe ich dem inneren Kind innerhalb eines kreativtherapeutischen Settings des Schreibspiels Raum, sich frei zu äußern. Anschließend werden in Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Ressourcen wie Kompetenz, Selbstfürsorge und Humor gestärkt. Im Schreibspiel übernimmt die aktivierte Instanz des inneren Erwachsenen Verantwortung für die Gestaltung der weiteren Wahrnehmung des Phänomens. Hier stellt sich dann sofort die Frage, die auch Jesper Juul offenbar schon gestellt wurde: Nehmen wir an, die intuitive Verbindung wird auf heilvolle und segensreiche Art gelebt, wozu ist sie dann gut?

Jesper Juul schreibt, er wisse es nicht und es sei ihm eigentlich auch egal. So versucht er, zu einer möglichen New Age-Spekulation auf Distanz zu bleiben, denn eine wissenschaftliche Erklärung ist so wenig vorlegbar wie über Ursache und Sinn des Phänomens der Hochsensibilität bei Menschen und Tieren. Aber keiner meiner Klienten, die durchweg hochsensibel sind, würde mich mit so einer Aussage vom Haken lassen. Spätestens im Schreibspiel würden sie mich fragen, was ich denn glaube, wozu sie gut sein könnte oder welche Erfahrung ich damit gemacht habe. “Mal ganz unter uns”, würden sie dort schreiben, “mal nur so als Spekulation…”

Also “mal nur so als Spekulation…”

Wenn ich Juuls Beobachtung der tiefen Einflussnahme über eine intensivere Spiegelung des Erwachsenen durch das Kind mit meinem Intuitionsbegriff zusammendenke, bei dem ich den Instinkt durch die Aktivierung der erwachsenen Ressourcen auf eine höhere Ebene gehoben erlebe, würde ich spekulieren wollen, dass die Bedeutung (und explizit nicht der Sinn) der intuitiven Verbindung in einer zusätzlichen Kooperations- und Unterstützungsfunktion von Eltern Richtung Kind liegen könnte. Im Fall von Eltern, die mit ihren Kindern zusammenleben, mag das aufgrund der menschlichen Fehlbarkeit nicht immer als Potenzial erkannt werden. Die Einflussnahme über die Spiegelneuronen kann innerhalb einer intuitiven Verbindung auch negativ ausfallen, und dann sogar wesentlich negativer als in einer rein emotionalen Verbindung. Wenn Eltern ihre Schwächen, Verletzungen und Ängste an ihre Kinder weitergeben, weil sie es versäumt haben, Verantwortung für ihre Bewusstwerdung und Heilung zu übernehmen, wirkt sich das auf die Biografie des Kindes immer ungünstig aus, aber im Fall der tiefen Einflussnahme über die intuitive Verbindung könnte es fatale Folgen haben. Es können Co-Abhängigkeiten kreiert, destruktive Verhaltensweisen unbewusst übernommen und fortgesetzt werden oder tiefe Verlassenheitsgefühle produziert und Verlustängste konditioniert werden. Das alles kann bis hin zu lähmenden Ängsten und Blockaden führen.

Falls die Verantwortung der inneren Arbeit allerdings von den Eltern übernommen wird und Konditionierungen, Traumata und Muster integriert werden, scheint es sogar eine wechselseitige Heilung zu geben, die sich über die intuitive Verbindung auch von dem erwachsenen Kind auf das Elternteil übertragen kann. Es wäre demnach also egal, wer von den beiden, nunmehr Erwachsenen, es übernimmt, die innere Arbeit zu leisten. In meiner Praxis des Schreibspiels konnte ich schon erleben, dass sich erwachsene Kinder, die sich von ihrem Elternteil abgewandt hatten, plötzlich wieder gemeldet haben, nachdem das Elternteil bereit war, die innere Arbeit zu leisten und eine bedeutsame Konditionierung aufgelöst wurde, die bisher die Beziehung belastet hatte. Umgekehrt berichten erwachsene Kinder aber auch von wundersamen Entspannungen und sogar Wachstumsprozessen in der Beziehung zu ihrem intuitiv verbundenen Elternteil, wenn sie für sich zu einem neuen Selbstbewusstsein finden konnten. Gerade diese neuen Respekts- und Nähebekundungen, die dann möglich werden, wirken offenbar extrem erleichternd und befreiend und viel stärker als “nur” eine neue Akzeptanz oder auch ein Verzeihen nach der Heilung einer Beziehungsdynamik zu einem rein emotional verbundenen Elternteil. Interessanterweise ist zu beobachten, dass die Übertragung nicht automatisch für beide Elternteile gilt, sondern nur den intuitiv verbundenen Elternteil betrifft. In einem Fall meiner Arbeit hatte sich die Beziehung zur Mutter sogar zunächst deutlich verschlechtert, als der Klientin die versteckt wirkenden Muster klar geworden waren, die immerhin durchaus von beiden Elternteilen, wenn auch in den Gegenpolen liegend, ausgingen. Die Beziehung zum Vater, dessen “Vergehen” eigentlich viel stärkere Auswirkungen auf die Klientin gehabt hatten, hatte sich dagegen auf wundersame Weise noch während des Prozesses so sehr entspannt, als habe die Klientin für beide gearbeitet. Ab der ersten entspannten und heilsamen Begegnung stand der Vater danach als Quelle für Wärme und Humor, ebenso wie für Verständnis und Güte zur Verfügung, was zuvor von der Klientin sehr schmerzhaft vermisst worden war. Die Klientin berichtet extrem bewegt und bewegend von einer allerersten spontanen Umarmung, die von ihrem Vater ausgegangen sei, und die sich zum ersten Mal echt und Halt gebend angefühlt habe. Sie habe sich zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt, schrieb die Klientin, nach einer Umarmung aufgefüllt gefühlt, statt leer und gefühllos, so als habe gar kein Austausch stattgefunden.

Die Funktion der Präsenz

Für den Fall, dass das Elternteil sich selbst als starke und gesunde erwachsene Person wahrnehmen kann und von dem Kind so wahrgenommen wird, liegt das Potenzial der intuitiven Verbindung für meine Begriffe also darin, dass von dieser Verbindung eine zusätzliche, tiefere, intensivere Unterstützung, Führung und Stärkung im Hinblick auf die Ausbildung von erwachsenen Ressourcen ausgehen kann. Sie verläuft nicht über die verbale Belehrung, sondern über Präsenz und Vorbild.

Es ist eine energetische Stärkung (wie auch Schwächung), die über das stärkere morphogenetische Feld zwischen den beiden intuitiv Verbundenen zu laufen scheint. Jesper Juul nimmt den Präsenzaspekt in seinem Essay ebenfalls auf, wenn er von seiner Vorstellung der “quality time” spricht und was sie im Kontext der intuitiven Verbindung bedeuten müsste. Was Juul dort schildert, ist genau jene Präsenz zwischen Eltern und ihren heranwachsenden Kindern, wie sie auch von der Ethnologin Jean Liedloff aus ihrer Beobachtung des Alltags der Yequana-Indianer geschildert wird. In diesem indigenen Volk, von dem Liedloff in ihrem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ berichtet, nimmt das Kind einfach aus eigenem Antrieb und mit völliger Selbstverständlichkeit am Alltag der Mutter und des Vaters teil und profitiert in seiner natürlichen Entwicklung von der liebevollen Präsenz und dem einfachen Vorbild seiner Eltern. Lernen geschieht hier unaufdringlich, im eigenen Tempo und nach eigenem Vermögen, weil in einer intuitiven Verbindung das Interesse an der anderen Person noch höher ist als in einer rein liebevollen Verbindung. Über die Beobachtung des intuitiv verbundenen Elternteils lernt das Kind sich selbst wie in einem Spiegel kennen. Aus diesem Grund ermutigt Jesper Juul Eltern, ihr intuitiv verbundenes Kind (oder einfach das Kind, dem das Angebot Spaß machen würde) einzuladen, an Aktivitäten teilzunehmen, die dem Erwachsenen Freude machen. Er empfiehlt, die Einladung auch so auszusprechen: „Ich würde gerne diese oder jenes tun, und ich hätte dich gerne dabei. Würde dir das Freude machen?“ Und dann könne dieses oder jenes auch das Autowaschen am Samstag sein. Indem das Kind Gelegenheit bekommt, zu beobachten, WIE Vater oder Mutter dieses Autowaschen bewerkstelligen, WIE sie sich im gesamten Drumherum noch bewegen, ausdrücken, positionieren, lernt das intuitiv verbundene Kind sich selbst kennen. Für ein „nur“ emotional verbundenes Kind würde das nicht funktionieren. Es würde sich langweilen, so Juul, es sei denn, es hätte eine Leidenschaft für Autowaschanlagen.

Weitere intuitive Verbindungen?

Übrigens bin ich mir nicht sicher, ob es intuitive Verbindungen wirklich nur zwischen Eltern und Kindern gibt oder ob das, was manche Menschen als Seelenpartner bezeichnen und was durchaus selten genug vorkommt, nicht letztlich ebenfalls eine intuitive Verbindung ist, was natürlich die Idee der Seelenpartnerschaft nicht ausschließt oder aushebelt. Aber auch hier wird sowohl die intensivere Spiegelfunktion, wie auch die energetische Wohltat betont, die es in anderen Partnerschaften nicht in dieser Doppelung und Intensität gibt oder gab. Solche Partnerschaften erweisen sich als extrem unterstützend, so dass persönliche Ziele, Lebensträume und Visionen in dem Umfeld so einer Partnerschaft wirklich gedeihen und realisiert werden können. Oft läuft diese Unterstützung über ganz selbstverständlich eingebrachte erwachsene Ressourcen in Form von Anerkennung, Ermutigung und Stärkung. In der Anerkennung der Persönlichkeit des Anderen fühlt der Partner sich gespiegelt und erfährt durch diese Reflexion eine Erhellung seines Wesens, seiner Talente, seiner Stärken und Potenziale, aber auch seines Wertes, den er nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für andere Menschen hat. Solche Partner könnte man sich wie Sonne und Mond für einander vorstellen. Der Mond in der Funktion der Ermutigung reflektiert das Licht des Anderen, so dass er zur Sonne wird und sein Licht strahlen lassen kann, wobei beide Partner füreinander beide Funktionen innehaben. Der Partner, der durch den reflektierenden Mond zur Sonne wurde, wird wiederum zum Mond, damit auch das Licht des Anderen reflektiert wird, um ihm sein Sonnenpotenzial zu zeigen.

Man könnte sich also vorstellen, dass die Aufgabe jeder Eltern-Kind-Beziehung zwar die ist, das Kind über die Spiegelfunktion in die Lage zu versetzen, seine Essenz zu erkennen und sie in seiner Existenz zu verwirklichen, dass aber die intuitive Verbindung dazu in höherem Maße befähigt ist, diese Aufgabe zu leisten als eine rein emotionale Verbindung. Hier würde ich nochmal einen Bogen zwischen den Aspekten Autonomie und Liebe schlagen wollen. Menschen, die eine Vision ins Leben mitgebracht haben und sie in sich fühlen, messen ihrem Autonomiebedürfnis eine extrem hohe Bedeutung bei. Wenn die intuitive Verbindung jetzt dazu dienen könnte, die Kinder in der Realisierung ihrer Vision zu unterstützen und ihre Ressourcen zu reflektieren und zusätzlich zu stärken, würde das erklären, weshalb ein so großes Leid entsteht, das sich in Unduldsamkeit oder ihrem Gegenpol, der Prokrastination niederschlägt, wenn die intuitive Verbindung nicht anerkannt, gewürdigt und gelebt wird. An dieser Stelle wird die intuitive Verbindung nicht nur essenziell, sondern eben auch, wie Jesper Juul es sagt, existenziell bedeutsam. Möglicherweise ist es das umgekehrt fließende Interesse des Erwachsenen an der Entwicklung des Kindes, das das Kind motiviert und anspornt, sich in dieser stärkenden und ermutigenden Resonanz, der Reflexion nämlich, ganz zu entfalten und die eigene Essenz in die Wirklichkeit einzubringen. Wie enttäuschend, demotivierend und lähmend kann es dagegen empfunden werden, wenn wir eine intuitive Verbindung zu einem Menschen wahrnehmen, der selbst nicht reif genug ist, ihr gerecht zu werden. Ich vermute, unter Erwachsenen fließen Ermutigung und Stärkung aus so einer Verbindung wechselseitig und es kommt darauf an, dass exakt dasjenige an Aufmerksamkeit erbracht wird, was der Neigung des Partners entspricht. Ermutigung bedeutet für verschiedene Menschen unbedingt Unterschiedliches. Das gilt für Kinder in besonders hohem Maße, weshalb eine erwachsene, weise Präsenz unerlässlich ist, wenn man der Bedeutung einer intuitiven Verbindung, wie ich sie jetzt verstehe, gerecht werden will.

Die intuitive Verbindung zu einem verstorbenen Elternteil

Einen Aspekt, der mich an dem Phänomen der intuitiven Verbindung besonders interessiert, ist die intuitive Verbindung mit einem verstorbenen Elternteil. Obwohl ich Klienten mit verstorbenen Elternteilen hatte, bei denen ich ihren Erzählungen nach eine intuitive Verbindung vermutet hatte, steht mir hier mehr Material aus meiner persönlichen Erfahrung zur Verfügung, das ich gerne teilen würde.

Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich von meiner Großmutter erfahren, das meine leibliche Mutter verstorben war. Sie war nicht etwa gerade erst verstorben, sondern schon zwölf Jahre zuvor, aber aus Gründen, die ganz wenig mit Vernunft, aber ganz viel mit den Schatten meiner Familie zu tun hatten, ist mir die Information zwölf Jahre lang vorenthalten worden. Sie ist mir selbst dann noch vorenthalten worden, als ich mit acht Jahren die Familie meiner Mutter kennengelernt und mich sehr schwer damit getan habe, eine emotionale Beziehung zu den mir gänzlich fremden Menschen aufzubauen, deren mir gegenüber deklarierte Familienbeziehung ich mir nicht erklären konnte.

Da der Tod meiner neunundzwanzig Jahre alten Mutter für alle Beteiligten ein traumatisches Ausmaß gehabt haben muss, erfuhr ich in der Folge wenig über meine Mutter. Kaum jemand hat sich in der Lage gefühlt, aus einer emotionalen Distanz heraus über meine Mutter zu sprechen. Meine Fragen endeten auch 30 Jahre später immer noch in einem Fluss von Schmerz und Tränen. Und doch hat sich meine eigene Untröstlichkeit gelegt und ist einer warmen Gewissheit gewichen: Ich bin gar nicht alleine. In der Welt bin ich es schon. In der Welt habe ich nur zu ganz wenigen Menschen eine tiefe Beziehung aufgebaut, von der ich mich getragen gefühlt habe oder fühle. Eine davon war meine Beziehung zu meiner Großmutter, die allerdings ebenfalls inzwischen verstorben ist. Die andere Beziehung ist die zu meinem Ehemann, die ich persönlich nach meiner obigen Beschreibung von Sonne und Mond ebenfalls für eine intuitive Verbindung halte. Es gab Augenblicke, in denen eine Situation in Form von einem Missgeschick, wie die in einer Bibliothek eingeschlossenen persönlichen Sachen, äußerst unangenehm hätte enden können, wenn nicht plötzlich mein Ehemann am Ort des Geschehens aufgetaucht wäre mit den Worten: “Ich weiß nicht, warum ich hier bin, ich hatte nur das Gefühl, ich sollte herkommen.” Ganz davon abgesehen, dass meine Perspektive auf die Beziehung die ist, dass ich hier pure Unterstützung in der Realisierung meiner Vision erfahre und immer erfahren habe. Es gab noch jemanden mit Potenzial zu einer intuitiven Verbindung, die allerdings wegen fehlender mentaler Reife nicht weiter wachsen konnte. Alle anderen Beziehungen waren freundliche oder auch unfreundliche, flüchtige oder auch intensive, auf jeden Fall aber deutlich vorübergehende Beziehungen. Es waren wertvolle Beziehungen, aber keine, die mein Verlorenheitsgefühl in der Welt hätten lindern können oder überhaupt dazu gedacht waren. In der Welt fühlt es sich für mich so an, als ginge es bei Beziehungen entweder um den Pol “oberflächliches Vergnügen” oder um “nutzenstiftender Kontakt”. Den dritten Pol der erwachsenen Interdependenz sehe ich so gut wie nie besetzt. Ob ein Teil der Welt in der Lage war, mich zu lieben oder ob ein anderer Teil, der mich hätte lieben sollen, es aus verschiedenen persönlichen Gründen nicht war, hat für mein Gefühl, mich geliebt zu fühlen, allerdings keine so große Rolle gespielt.

Die Stimme des zweiten Gedankens

Von der späteren Frau meines Vaters, die dann meine Stiefmutter wurde, bin ich explizit abgelehnt und für allerlei Unbill in ihrem Leben verantwortlich gemacht worden. Mein Vater war ein gebrochener, traumatisierter und gänzlich abwesender Mensch in seinem eigenen und in meinem Leben. Meine Verwandten kannte ich nicht und konnte später keinen echten Kontakt mehr herstellen. Meine Halbgeschwister und ich wurden eher gegeneinander ausgespielt, statt dass sich ein nahes Verhältnis hätte aufbauen können, selbst wenn Nähe von unseren Persönlichkeiten her durchaus denkbar gewesen wäre. In meinem Leben war ich also alleine, aber meine Mutter wohnte in meinem Herzen. Das war kein Spruch für mich, sondern Realität. Wobei ich den Ort ihrer Ansässigkeit anders lokalisiert hatte. Ich dachte, sie säße in meinem Kopf. In meinem Kopf nämlich hatte ich eine Unmenge guter Gedanken und kreativer Einfälle, fühlte mich in meiner Bildung von dort aus geführt und vernahm in Momenten tiefster Verzweiflung dort eine zweite Stimme, die ich später “die Stimme des zweiten Gedankens” nannte. Sie hatte die Angewohnheit, sich hartnäckig und konsequent über meine eigenen destruktiven Gedanken zu legen, wenn die Zeit reif war, einen neuen Gedanken zu denken. Wenn der Erfahrung, mich ungenügend, inkompetent, wertlos, klein, hässlich und hilflos zu fühlen, genug Raum gegeben worden war, dann kam diese  zweite Stimme in meine Gedankenproduktion hinein, egal, wie laut das Getöse in meinem Innern sich ausnahm. Diese zweite Stimme ist für meine Begriffe immer schon da gewesen. In Ermangelung besserer Erklärungen hatte ich sie je nach Lebensphase zwischen 5 und 35 Jahren für die Stimme der Trauerweide gehalten, in der ich als Kind Zuflucht gefunden hatte oder als meine Fantasie und eigenen Gedanken, als Stimme der Schizophrenie und Zeichen, dass ich langsam verrückt würde, als Stimme Gottes oder als Stimme meiner Mutter. Die Stimme meiner Mutter hatte ich noch ausgeweitet zur Stimme meiner Seelenfamilie, Stimme meiner inneren Lehrer, Stimme der Liebe und Stimme der kosmischen Intelligenz. Seit ich bei Jesper Juul über die intuitive Verbindung gelesen hatte, bin ich zur Stimme meiner Mutter zurückgekehrt, auch wenn mir New-Age-Vertreter verschiedentlich sagten, das könne nicht sein, solange meine Mutter sich noch im Inkarnationszyklus befände. Ohne solche Kommentare weiter kommentieren zu wollen, liebe ich den Gedanken, es könnte sich um die intuitive Verbindung zu meiner kurz nach der Geburt verstorbenen, leiblichen Mutter handeln. Die Erfahrung, die ich mit dieser Verbindung mache, geht über jene Synchronizität hinaus, mit der die meisten Menschen dann und wann in glücklichen Kontakt kommen. Zwar gestaltet sie sich keineswegs übersinnlich, sondern vielmehr hochsinnlich, aber ihre Manifestation, die mich lange Zeit hat staunen lassen, verschafft mir heute ein absolut sicheres Gefühl des Gehalten- und Geführtseins. Wenn ich eine Information oder eine neue Kompetenz brauche, landet meiner Erfahrung nach todsicher ein passendes Buch, ein Bildungsangebot oder auch nur ein Film, ein Kommentar oder auch mal ein Werbeplakat in meiner Aufmerksamkeit. Mir kommt es vor, als hätte ich meinen eigenen Lehrer, der kompetenter als jeder irdische Lehrer mein Lektüreverhalten anleitet. Davon abgesehen, dass mein Leben ohnehin eine Manifestation der Schönheit ist, habe ich die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich etwas wirklich brauche, es einfach da sein wird. Das werde ich jetzt nicht weiter ausführen, weil das Erzählen an sich ja keinerlei Beweiskraft haben kann. Ich will jedenfalls sagen: Um herauszufinden, wer ich bin, bin ich zielsicher an die merkwürdigsten Orte und in die seltsamsten Konstellationen hinein- und wieder herausgeführt worden. Und war dabei immer vor ernsthaftem Schaden geschützt, den solche Situationen hätten mit sich bringen können. Meine reichliche Erfahrung mit Narzissten und mit gewaltbereiten Menschen in Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenalter hat mich kaum Schaden an meinem Selbstwertgefühl nehmen lassen, kaum stärker jedenfalls, als eine vorübergehende Erschütterung in der Frage nach meiner Identität. Musik war für mich immer eine äußere Ressource, um die innere Ressource der inneren Weisheit und des Gehaltenseins zu aktivieren und mich schnell wieder in mein Gleichgewicht zu führen. So scheine ich mental ganz gut überlebt zu haben, aber emotional auch.

Die Liebe der intuitiven Verbindung

Ich erinnere mich daran, dass ich mich als Kind immer geliebt gefühlt habe, sobald ich draußen in der Natur war. Mir geht es heute noch so, weshalb ich mir eine tägliche Liebeskur auf dem Spaziergang mit meinem Hund gönne. Irgendwann war mir aufgefallen, dass sich das Gefühl noch als Empfinden ausweiten lässt, wenn ich bei meinem Spaziergang einen Schal um die Schultern trage. Er imitiert das Gefühl eines Arms, der liebevoll um meine Schultern gelegt ist, wodurch die äußere Ressource des Schals meine inneren Ressourcen Wärme und Geborgenheit aktivieren kann. Ich meine, auf meinen Spaziergängen stets einer intuitiven Verbindung gewahr zu sein, die mir Ideen, Gedanken, Verbesserungen oder neue Perspektiven eingibt. Und wenn ich arbeite, habe ich ohnehin von Anfang an, schon seit dem Literaturstudium, das Gefühl, das hier nicht alleine zu machen. Aus emotionalen Tiefs und Enttäuschungen komme ich ohne große Introspektion nach kurzer Zeit wieder heraus, es sei denn, das Lauschen auf die Stimme des zweiten Gedankens gilt als Introspektion.

Ich würde sagen, selbst wenn die intuitive Verbindung nicht ursprünglich mit der Emotion der zwischenmenschlichen Liebe verknüpft ist, so ist die Liebe als Energie vielleicht dennoch ihre Basis. In einer gesunden und gelebten intuitiven Verbindung führt das Interesse und die Aufmerksamkeit automatisch ein tiefes Gefühl des Geliebtseins mit sich. Man stelle sich nur die vielen Geschichten um die fruchtbare Beziehung von Sonne und Mond vor. In seinem eigenen Wesen reflektiert zu werden und sich im Wesen eines Anderen zu erkennen, um so wachsen zu dürfen, geht über die irdische Liebe hinaus und erreicht meinem Empfinden nach das Maß der kosmischen Liebe, das in uns allen schwingt, wenn es uns auch zumeist nicht bewusst ist.

In der intuitiven Verbindung zu meiner verstorbenen Mutter habe ich die Reflexion vor allem über Bücher erfahren, sowohl in den literarischen Texten, in denen ich mich mit den Heldinnen und Helden identifizieren konnte als auch in den Fach- und Sachtexten, die meine Kompetenz immer exakt passend erweitert oder ermutigend bestätigt haben. Ein zweiter Weg ist das meditative Schreiben, über das ich ihre Stimme, die Stimme des zweiten Gedankens und meiner inneren Weisheit, sehr zuverlässig empfangen kann.

Weiterführung der Hypothese

Wenn wir als Hypothese nun also gelten lassen, dass die Bedeutung der intuitiven Verbindung darin liegen könnte, dass wir in unseren Entwicklungsaufgaben zuverlässig und intensiv unterstützt werden, Kinder und Eltern sich dabei auch durchaus gegenseitig bereichern und helfen, Wachstumsaufgaben zu lösen, dann könnten wir ihr die zweite Hypothese angliedern, dass die intuitive Verbindung ihre Bedeutung über den Tod hinaus behalten könnte. Somit erhielten wir eine Hypothesensynthese, die manchen verzweifelten Kindern in einem neuen Gedanken über den Tod ihrer Eltern Trost spenden könnte.

Mich fragte mal ein junger Vater, ob ich glaubte, seine Mutter, die sich das Leben genommen hatte, als er zwei Jahre alt war, habe ihn nicht genug geliebt, um bei ihm zu bleiben. Der junge Mann litt sehr an seiner Trauer und unter anderem an chronischen Rückenschmerzen. Ich sagte ihm damals, dass es meiner Meinung nach sein könnte, dass sie ihn sogar sehr geliebt habe und fragte ihn, ob es sein könne, dass er manchmal eine zweite Stimme in seinen Gedanken höre, die anders sei als seine eigene innere Stimme. Er sagte, das sei bei ihm anders, er habe manchmal Gefühle, die nicht zu seinen Gedanken passten und er habe lernen müssen, seine Gedanken dann abzustellen, um diese Gefühle, die irgendwie weiser seien als seine Gedanken, wahrnehmen zu können. Ob das seine Mutter sei, fragte er. Ich sagte ihm, ich wüsste es nicht, aber es gebe da einen dänischen Familientherapeuten, der aus seiner professionellen Beobachtung heraus von der Existenz einer intuitiven Beziehung berichte.

Nachtrag zum Text aus den Textdiskussionen

Die Lektüre des Textes hatte bei meinen Lesern ganz unterschiedliche Abwehrreaktionen hervorgerufen, die mich haben aufhorchen lassen. Einige meiner Klienten und Communitymitglieder sagten mir, sie würden die intuitive Verbindung zu einem anderen Menschen zwar spüren, aber sie fühlten sich zugleich extrem wütend über die Abwesenheit dieser Menschen. Sie fühlten sich im Stich gelassen und sie fühlten sich betrogen. Das hat mich in die Arbeiten mit den Menschen nochmal stärker hineinhorchen lassen und im inneren Vergleich der Texte meiner Klienten ist mir aufgefallen, dass die Gemeinsamkeit in genau diesem Schmerzpunkt liegt. Es war die Anwesenheit in der Abwesenheit, die in den Menschen, die mir jetzt Rückmeldung zu diesem Text hier gegeben haben, das Wunder der Bewusstwerdung ihrer Lebensaufgabe gegenüber bewirkt hat. Der Vater, der immer nur ganz kurz vorbeigeschaut hat, die Mutter, die weggesehen hat, der Vater, dessen Anerkennung das Kind schmerzlich übersehen hat und dessen Lob damit schmerzhaft an der Persönlichkeit des Kindes vorbei ging, die Mutter, von der es nur die erzählte Illusion eines Engels gab und so weiter, sie alle haben mit der kurzen Anwesenheit von etwas Leuchtendem einen Samen gelegt, wenn dann, wenn das Leuchtende mit dem Bewusstsein kaum wirklich erfasst worden war. In der Abwesenheit der Wohltat, von der es womöglich sogar nur die Sehnsucht nach ihr gab, ist zuerst der Schmerz entstanden und er wurde gefühlt. Er wurde als bitteres Leid, als Enttäuschung und als Desillusionierung empfunden. Aber unsere Lebensaufgabe liegt immer hinter unserem Schmerz. Im Wunsch, der durch den Schmerz hindurchscheint – “das Licht des Vaters soll bei mir bleiben”, “die Mutter soll mir sagen, wer ich bin”, “sie soll mich beschützen”, “er soll mich wirklich sehen und soll mir ein Lehrer sein” – glimmt das Samenkorn, das zu unserer Aufgabe wird. Es ist unsere Aufgabe, dieses Samenkorn des Wunsches zum Wachsen zu bringen. Indem wir das Licht kurz gesehen haben, haben wir erfahren dürfen, wie sich das Gehaltensein anfühlen müsste. Indem wir das Licht verloren haben, haben wir einerseits erfahren, wie der Schmerz entsteht und wie er sich anfühlt, andererseits ist auch der Wunsch in uns entstanden, das Licht zurückzubekommen. Und der Wunsch ist die schöpferische Kraft.

Gerade, indem das intuitiv verbundene Elternteil uns mit unserem Wunsch alleine lässt, ihn also nicht erfüllt, motiviert es uns, in die Kraft in uns selbst zu hinein zu finden. Wir haben gesehen, wie die Heilung aussehen könnte. Wir haben sie ganz kurz gespürt und wir wollen sie haben. Und jetzt werden wir in unserem späteren Leben unsere ganze Kraft darauf verwenden, das erfahrene Licht in unser Leben zurückzubringen, es selbst zu produzieren, es uns selbst zu verabreichen. Genau damit wurde der Vertrag der intuitiven Verbindung erfüllt. Wäre das Elternteil ständig anwesend gewesen und hätte geleistet, wonach wir uns gesehnt haben, wären der Schmerz und die Sehnsucht nicht entstanden. Es hätte keine Kraft in uns gegeben, die uns gedrängt hätte, das Suchen nicht aufzugeben. Es ist ja gerade der Hunger, der uns die Anstrengung unternehmen lässt, uns Nahrung zu besorgen. Zugleich aber wüssten wir nichts davon, wie es anderen Menschen mit dieser Erfahrung gehen könnte. Hier hebt sich unsere persönliche Lebensaufgabe uns selbst gegenüber auf eine höhere Ebene der Menschheit gegenüber. Wir wären nicht in der Lage, Mitgefühl aufzubringen und schon gar nicht wüssten wir, wie wir die Heilung eines Anderen unterstützen könnten, wenn wir diese bittere Erfahrung nicht wirklich selbst gemacht hätten. Indem wir den Schmerz aber selbst erfahren haben, können wir die erste wichtige Komponente der Heilkraft einbringen, die der Empathie und der wissenden Zeugenschaft. Indem wir selbst herausfinden mussten, wie wir das Licht zurückgewinnen, können wir anderen gegenüber von diesem Weg berichten und sie darin unterstützen, ihre Selbstheilungskräfte ebenfalls zu aktivieren. Und das ist unsere Lebensaufgabe. Das ist es, was die Welt aktuell braucht: Menschen, die aus eigener Erfahrung wissen, wie man Heilung selbst anstoßen kann. Wir müssen nicht alle als spirituelle Heiler unterwegs sein. Die allermeisten von uns heilen durch ihre Präsenz. Das aber tun genau diejenigen, die ihre Schmerzen, ihre Verletzungen und ihr Leid so integriert haben, dass sie es in Weisheit verwandeln konnten. Diese Menschen leuchten auf eine bestimmte Art. Und wenn sie uns nur mit ihrem ganz eigenen, auf magische Art freundlichen Lächeln die Brötchentüte über den Tresen reichen, können sie heilend wirken und ihre Lebensaufgabe erfüllen.

Posted on 27. Juli 2018 in Die Drama-Dreiecke, Hochsensibilität im Alltag

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