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Hochsensibilität im Spannungsverhältnis von Licht und Schatten

Oder: Von der Prinzessin auf der Erbse zur Magie der Medialität

Vorabnotiz: Der folgende Text steht als sechster Text von sieben in einem Diskussions- und Arbeitszyklus, der vor Weihnachten 2017 sieben Wochen lang auf google+ stattgefunden hat. In der kleinen HSP-Community Eulennest wurde von den dortigen Mitgliedern ein Impuls gegeben, der mich zu einer kleinen Führung durch die literarisch-psychologischen Drama-Dreiecke inspiriert hatte. Was es mit der Übertragung des aristotelischen Erzählmodells auf beobachtbare zwischenmenschliche Spannungsfelder auf sich hat kann ebenso wie die anderen sechs Dreiecke auf Google Classroom nachgelesen werden. Es genügt eine Mail an mich, um einen persönlichen Zugang zu Google Classroom zu erhalten. Der Diskussionsraum dort ist ebenso geschützt wie der Raum der Community. Er ist aber kostenlos und unverbindlich zugänglich. Das hier beschriebene 6. Drama-Dreieck befasst sich mit dem Phänomen der Hochsensibilität im Spannungsverhältnis zwischen dysfunktionalem Schattenanteil und erlöstem Persönlichkeitsmerkmal.

Ich sage es lieber gleich, damit es raus ist und die Karten auf dem Tisch liegen: Die Eitelkeit und der Hochmut sind die Schattenpole der Hochsensibilität. Und die Prinzessin auf der Erbse ist die innere Schutzinstanz der Schattenpole. In den Schatten allerdings liegen in diesem Dreieck keine nicht verarbeiteten und verdrängten Verletzungen verborgen, sondern nur Gaben, die bisher nicht angenommen wurden. Nicht angenommene Gaben, unbewusste Talente und verdrängte essenzielle Wesenszüge aber äußern sich, wie in allen anderen Dreiecken und inneren Konflikten auch, auf physischer Ebene über die Sprache der Symptome. Deshalb kommt es zu Überempfindlichkeiten emotionaler und physischer Art, die als Leiden an der Hochsensibilität wahrgenommen und beschrieben werden. Bei mir hörte die Frühlingsallergie auf, als mir klar geworden war, dass sie keineswegs mit dem Prinzip des Aufbruchs und dem Lebensprinzip Mars in Verbindung stand, wie ich bisher dachte, nämlich über meine persönliche Verknüpfung von Geburt und Tod, sondern über die Jahreszeit mit dem Lebensprinzip Uranus und Neptun (Februar/März). In meinem Horoskop steht Uranus im ersten Haus, aber auch im Mond. Sein Potenzial, das mir von den 12 Feen (siehe das Märchen “Dornröschen”) als Tugend verliehen worden sein mag, war mir völlig unbewusst. Erfahrungen in der Kindheit haben dazu geführt, dass ich sie verdrängt hatte. So ergeht es vielen Hochsensiblen, bei denen mindestens eine der Planetenkonstellationen Uranus, Neptun und Mond eine erkennbare Rolle in ihren Horoskopen spielt, die als Kind aber in ihre Schranken verwiesen und in ihrem Ausdruck limitiert wurden.

Laut der Astrologin Barbara Egert (“Hochsensibilität im Horoskop”) und der Darstellung der Planetensysteme bei Ruediger Dahlke (“Die Lebensprinzipien”) spielen diese drei Planeten die Hauptrolle im Zusammenhang mit der
Hochsensibilität als Wesensmerkmal, auch wenn Dahlke zwar den Begriff der Medialität, aber nicht den der Hochsensibilität benutzt. Die Hochsensibilitätsforscherin Dr. Elaine Aron schreibt zehn Jahre nach dem ersten Erscheinen von “Sind Sie hochsensibel?” in einer überarbeiteten Neuauflage zum Thema Spiritualität und Medialität, dass Wissenschaftler sich ihrer Meinung nach heutzutage lächerlich machten, wenn sie das Phänomen der Medialität im Zusammenhang mit der Hochsensibilität länger zu negieren versuchten. “So gibt es zum Beispiel unter den HSM Hellseher, begabte Künstler oder Erfinder, ebenso wie besonders gewissenhafte, vorsichtige und gebildete Menschen.” (Elaine Aron: “Sind Sie hochsensibel?”, 10. Aufl., 2015). Wir kämen an der Empirie nicht vorbei, schreibt Aron, dass Hochsensible oftmals hellseherische Fähigkeiten hätten. Von der Medialität könnten auch andere Sinne betroffen sein und sich in Hellhören, Hellfühlen, Hellwissen oder in prophetischen Träumen offenbaren. Dazu zitiert Elaine Aron die psychologische Sichtweise, “dass wir dazu bestimmt sind, die Ganzheit zu entwickeln, die im menschlichen Bewusstsein so sehr benötigt wird. Schließlich haben wir eine besondere Gabe dafür, uns dessen bewusst zu sein, was andere nicht merken oder leugnen. (Es ist diese Ignoranz, die immer und immer wieder Schaden verursacht.)” (Elaine Aron: “Sind Sie hochsensibel?”)

Ich würde zur Illustration gerne einen Artikel über das meditative Schreiben anführen, um den praktischen Nutzen dieser These auszuführen. Der Artikel ist am 3. Dezember 2017 in der ZEITonline unter dem Titel “Wie das Schreiben das Denken verändert” erschienen. In dem Artikel wird eine Archäologin zitiert, die über das allererste Schreiben von Menschen mutmaßt: “Ganz am Anfang, (…) sei das Schreiben wahrscheinlich etwas sehr Spirituelles gewesen. Von Schamanen, Heilern, Anführerinnen. Da sitzt der Einzelne und schnitzt, ist im Dialog mit sich, vielleicht mit den Ahnen. ‘Die ersten Symbole des Menschen hatten immer auch etwas Mystisches und Magisches.’“

Und dann wird im weiteren Verlauf des Artikels auf Jacques Derrida verwiesen, der die These in die Welt gebracht hatte, dass es ohne das Schreiben gar kein Denken gebe. Schrift, hatte er behauptet, sei nicht nur Ausdruck des Gedachten, sondern gehe ihm voraus. Ganz ehrlich? Während meiner Arbeit als Schreibtherapeutin mache ich genau diese Erfahrung und versuche meine Klienten zu ermutigen, sie ebenfalls zuzulassen, sie sich wirklich und wahrhaftig selbst zu erlauben und zu schenken.

Friedrich Nietzsche soll in halberblindetem Zustand geschrieben haben: “Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.” Dabei bezieht der Artikel sich auf Studien, die belegen, dass handgeschriebene Texte einen anderen Duktus aufwiesen als maschinengetippte Texte. Die Vermutung lautet, dass einerseits die variantenreichen Bewegungen des Körpers, die der Handschrift folgen, andere Regionen im Gehirn aktivierten als es das Tippen vollbringe, bei dem die Hände keine taktile Variation erführen, und dass andererseits die Verlangsamung neue Verbindungen zuließen. Meine These ist, dass diese Verlangsamung, je meditativer sie ausgeführt wird, Verbindungen zu anderen Dimensionen des Denkens und Empfangens erlaubt. Immerhin wurde in bildgebenden Verfahren nachgewiesen, dass beim Schreiben mit der Hand mehrere Gehirnregionen, unter anderem die des kreativen Denkens, aktiviert würden. Bei Studenten des Hildesheimer Studienganges “Kreatives Schreiben” wurden sogar Veränderungen in der Hirnstruktur nachgewiesen. Allerdings weiß man jetzt nicht, ob sie diese andersartigen Vernetzungen vorher schon aufwiesen und deshalb wilde Schreiberlinge werden mussten oder ob sie zuerst wilde Schreiberlinge waren und sich daraufhin ihre Gehirnstrukturen verändert haben. Meine gänzlich spekulative Meinung dazu ist, dass sie vorher schon ein ausgeprägtes Yin gehabt haben könnten, eine extrem entwickelte Beobachtungsgabe aufgrund einer hohen Sensibilität und dass sich diese Besonderheit in einem Drang zu Schreiben manifestiert. So war es jedenfalls bei mir. Deshalb lade ich in der schriftlichen Coachingarbeit an dem einen Punkt, an dem es ganz und gar um das innere Unbewusste geht, dazu ein, den Stift und nicht nur die Tastatur dem inneren Kind zu übergeben. Und deshalb konnte ich diese Arbeit bisher nur mit Hochsensiblen wirklich in ihrem ganzen Potenzial erfolgreich absolvieren, weil nur sie bei diesem Kontakt wahrhaft wissen, wovon ich spreche. Die Schreibtherapeutin Silke Heimes allerdings weist auch auf den inneren Kritiker noch hin, der dem “weisen inneren Schreiber” gerne mal im Weg steht. Der weise innere Schreiber. Ist das nicht wundervoll?

Entwicklungspotenzial

Aber ja, da ist der Kritiker. Und nicht nur der. Da ist auch wieder der Wächter, der Saboteur, der Rebell und der Nimmersatt aus den fünf Dreiecken vor diesem sechsten hier. Die gute Nachricht aber ist: An diesem sechsten Dreieck muss überhaupt nicht gearbeitet werden. Es gibt nichts zu arbeiten. Die Dreiecksseiten bestehen aus Yin = Meditation und Yang = aktives Nichtstun. Und die Prinzessin auf der Erbse ist solange eine Prinzessin auf der Erbse, bis sie sich entscheidet, es nicht mehr zu sein. Dann fühlt sie sich ganz von selbst ihrem inneren Adel verpflichtet, erkennt, dass sie “eine richtige Prinzessin” ist und reift zur Königin. Männlicherseits funktioniert das auch, aber das Märchen von Hans Christian Andersen hat eben eine Prinzessin als Heldin. Dieses Dreieck zu erlösen unterliegt der Zeit und nicht der Anstrengung. Die Arbeit gehört an den Dreiecken eins bis fünf zu leisten!

 

In der archetypischen Psychologie wird dieses Dreieck im männlichen Individuationsprozess an den drei Polen mit den Archetypen “der verweigernde Ahnungslose” (Passivpol), “der gleichgültige Manipulant” (Aktivpol) und “der Magier” (vollendete Spitze) betitelt. Meine Beschriftung bezieht sich nicht auf einen geschlechtsspezifischen Individuationsprozess, sondern auf den des erwachsenen Menschen egal welchen Geschlechts, an dem ich in meiner Arbeit aber das Wesensmerkmal der Hochsensibilität festgestellt und zugleich beobachtet habe, welcher Konflikt dem Leiden an diesem Temperament zugrunde liegen könnte.

In der Literatur zur Hochsensibilität gibt es verschiedene Ansätze von Autorinnen und Autoren, die die Hochsensibilität als Konsequenz einer traumatischen Erfahrung sehen wollen. Diese Traumatisierung habe entweder bereits im Mutterleib stattgefunden, zum Beispiel durch den frühen Tod eines Zwillings oder in der Kindheit. Davon abgesehen, dass die Autoren unter dieser Perspektive die beiden Phänomene Überempfindlichkeit und Hochsensibilität miteinander verwechseln, leuchtet mir ein, worauf ihre Hypothese fußt. Die Angst vor der Verletzung greift über dieses sechste Konfliktdreieck hinaus, eigentlich zurück, auf die Verletzungspotenziale und Empfindlichkeiten der nicht integrierten Schatten vorheriger Entwicklungsreihen.

Die Angst vor Verletzung braucht einen Ankerpunkt der Verletzbarkeit. Sie muss sich auf etwas Konkretes beziehen. Verletzt fühlen kann ein Mensch sich aus der Angst heraus, für unzulänglich (1. Dreieck) oder für wertlos (3. Dreieck) gehalten zu werden. Er kann sich auch in seinem Bedürfnis übergangen und verletzt fühlen, gesehen, beachtet und anerkannt zu werden (5. Dreieck). Oder aber jemand fühlt sich in seinem Selbstvertrauen demontiert und in seiner Liebenswürdigkeit verletzt (4. Dreieck). Denkbar wäre auch, dass alte Verletzungen aus seinem impliziten
Gedächtnis aufgerufen werden, während man fürchtet, mit den emotionalen Konsequenzen nicht zurechtzukommen (2. Dreieck). In all diesen Fällen, in denen die Angst vorliegt, verletzt zu werden, handelt es sich um das Vorliegen von Überempfindlichkeit. Wir reagieren, als hätten wir eine offene Wunde zu schützen oder eine Wunde, von der wir wissen, dass der Schorf nur sehr dünn ist und leicht beschädigt werden könnte. In dem Moment, in dem wir zusätzlich hochsensibel sind, zusätzlich also zu den 20 Prozent der Menschheit gehören, die mit extrem feinen Antennen ausgestattet jedes Verletzungspotenzial schon im Ansatz erkennen, reagieren wir aus unseren Ängsten, aus unseren Schatten heraus so empfindlich wie wir nur können, um uns vor einer neuen Verletzung zu schützen, die unsere Kompetenz, unseren Selbstwert, unser Selbstvertrauen, unsere emotionale Stabilität oder unsere Zufriedenheit betreffen könnte. Aber es handelt sich um zwei Komponenten: Unser inneres Kind, das den Provokationen der Welt ohne inneren Erwachsenen an seiner Seite ausgeliefert ist, rebelliert (Dreiecke 1-5) und wir nehmen die Provokationen mit hochsensibler Wahrnehmung sehr früh zur Kenntnis (6. Dreieck). Zu den überempfindlichen Reaktionen kann es durchaus auch unter Abwesenheit eines hochsensiblen Gemütes kommen, allerdings müssen die Provokationen dann in der Regel etwas stärker dosiert präsentiert werden.

Um diese Theorie und ihre Zuordnung zu den Polen vorstellbarer und erfassbarer zu machen, würde ich vor den beiden relevanten Märchen gerne über einen Film sprechen.

 

“Im Auftrag des Teufels”

Wahrscheinlich erscheint es euch nicht besonders überraschend, dass sich die dargestellten Konflikte dieser sieben aristotelischen Drama-Dreiecke mit ihren sieben archetypischen Plots den sieben, von der katholischen Kirche definierten, Todsünden zuordnen lassen. Die Liste könnte ungefähr so aussehen:

  1. Dreieck: Jähzorn mit den Lastern Wut und Rachsucht. (Die Kirche unterscheidet zwischen Todsünde und den zugeordneten lässlichen Sünden oder Lastern.)
  2. Dreieck: Wollust mit den Lastern Ausschweifung, Genusssucht und Begehren.
  3. Dreieck: Geiz mit dem Laster Habgier.
  4. Dreieck: Neid mit den Lastern Eifersucht und Missgunst. Hier würde es um die Verlustangst gehen.
  5. Dreieck: Völlerei mit den Lastern Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht. Die Maßlosigkeit kann sich aber auch auf alles mögliche Andere außer Nahrung beziehen wie Wissen, Erkenntnis oder Anerkennung und Ruhm.
  6. Dreieck: Hochmut mit den Lastern Stolz, Eitelkeit und Übermut. Ich würde die Arroganz noch dazu nehmen als Eigenschaft, die uns am griffigsten erscheinen mag. Ganz intuitiv ist uns bei einem arroganten Menschen klar, dass er sich in Wahrheit zutiefst unsicher fühlt und Angst davor hat, verletzt zu werden. Wenn wir einem arroganten Menschen begegnen und mit seiner Arroganz in Resonanz gehen, uns also von seiner Arroganz verletzt fühlen, haben wir den Passivpol zu seinem Aktivpol besetzt. So funktioniert der Spiegel. Der von uns als arrogant wahrgenommene Mensch spiegelt uns unsere eigene Angst vor Verletzung. Hier kommen später die Märchen “Rumpelstilzchen” und “Die Prinzessin auf der Erbse” ins Spiel.
  7. Dreieck: Faulheit mit den Lastern Feigheit, Ignoranz, Trägheit des Herzens.

Im 16. Jahrhundert wurde den sieben Todsünden jeweils ein Dämon zugeordnet, von denen uns in diesem sechsten Dreieck hier jetzt nur der des Hochmuts interessiert. Es ist Luzifer. Und diese Zuordnung führt uns zum Film “Im Auftrag des Teufels”.

In dem Film aus dem Jahr 1997 geht es um einen jungen sensiblen Strafverteidiger, der in Florida eine steile Karriere hingelegt hat. Er hat noch nie einen Fall verloren als es zu dem Fall kommt, bei dem er erkennt, dass sein Mandant absolut schuldig ist. Er steht am Scheideweg einer Integritätsentscheidung und wählt aus Eitelkeit, den schuldigen Mandanten dennoch bis zum Freispruch zu verteidigen, indem er die Glaubwürdigkeit der Zeugin, die zugleich das Opfer ist, demontiert. Nach diesem spektakulär gewonnenen Fall erhält er das Angebot einer renommierten Anwaltskanzlei aus New York, die von dem Seniorpartner John Milton, der Personifikation Luzifers, geführt wird.

Zu Beginn des Kontakts zwischen Kevin Lomax und John Milton wird das Thema des Films aufgeworfen. Milton ist sich sicher, dass Kevin ein Geheimnis für seinen Erfolg haben müsse und nach ein wenig Koketterie rückt Kevin damit heraus, das Geheimnis sei die Herrentoilette. In der Wand der Herrentoilette gebe es ein Loch durch das hindurch er die Geschworenen abhören könne. Es geht um Informationen, mehr Informationen, auch wenn die Quelle zunächst eine ganz und gar irdische ist.

Kevin aber hat auch Zugriff auf eine andere Quelle, die er nicht benennen kann und die John Milton Instinkt nennt. Kevin nennt es “ich weiß nicht woher ich es weiß. Ich weiß es einfach”. Wenn Kevin eine Jury zusammenstellt, weiß er absolut intuitiv, welche Menschen er in seiner Jury brauchen kann und welche nicht. Er beobachtet sehr genau jedes Detail an den Menschen und nimmt zusätzlich alles Subtile wahr, erkennt verborgene Rachegelüste, tiefliegende Verletzungen, hochfliegende Pläne, Sympathien, Antipathien, Ambitionen und antizipiert jeden möglichen Einwand, den die Jury gegen einen Mandanten hegen könnte. Er besitzt ein sicheres Gespür für Menschen und ist den anderen Rechtsexperten darin weit überlegen. Typisch hochsensibel also.

Seine Schwäche aber ist sein Hochmut. Milton maßregelt ihn sehr direkt: „Tun Sie nicht so überheblich, mein Freund. Egal wie gut Sie sind, lassen Sie niemals zu, dass man Sie an Ihrem Auftreten erkennt. Das ist der Trick. Treten Sie als der nette Junge von nebenan auf, völlig harmlos. Spielen Sie den Unscheinbaren. Sie wissen schon: Den Trottel, den uninteressanten Fußgänger.“ In seiner Arroganz fällt es Kevin aber extrem schwer, diesem Rat zu folgen und John Milton konstatiert darauf: „Eitelkeit ist wirklich meine Lieblingssünde, Kevin. Es ist so eine typische Eigenschaft. Eigenliebe. Das naturreine Opiat.“

Für Kevin ist es das Opiat zu seiner Selbstwertunsicherheit. In seiner Ehe mit Mary Ann besetzen die beiden Ehepartner die Pole des 3. Dreiecks: Sie ist die fordernde Cinderella, das weibliche Pendant zum Narzissten, die eine schicke Wohnung will, Geld, Luxus, Kinder und sich zugleich nicht vernachlässigt fühlen will. Als die anderen reichen und verwöhnten Ehefrauen ihr von dem Preis erzählen, den sie für ihren Luxus zahlen, akzeptiert Mary Ann keineswegs, diesen Preis ebenfalls zahlen zu müssen. Sie stellt Forderungen an Kevins berufliches und finanzielles Engagement, aber auch an seine Zeit und seine Aufmerksamkeit. Kevin besetzt den Gegenpol des Märtyrers in der Version des Workaholics. Er will die Wünsche und Forderungen seiner Frau gänzlich erfüllen, weil er aus der Erfüllung seinen Selbstwert ableitet. Zugleich strahlt die Selbstwertunsicherheit (3. Dreieck) in sein Zufriedenheitsgefühl (5. Dreieck) hinein. Um die Schwierigkeiten in seiner Ehe will er sich später kümmern, dann nämlich, wenn er genügend Anerkennung und Ruhm angehäuft hat, so dass er sich ein wenig auf seinen Lorbeeren ausruhen kann, wie er glaubt. Milton warnt den jungen Ehemann und Anwalt, seinen Egoismus nicht über die Belange seiner Ehe zu stellen, aber Kevins Verblendung, die Milton eben Eitelkeit nennt und die in Wahrheit der Angst entspringt, von seiner Frau, seiner Mutter, den Kollegen und seinem Chef für wertlos gehalten zu werden, lässt ihn taub sein für die Ratschläge des teuflischen Mentors.

Wenn wir Kevin Lomax in dieser Figurenkonstellation im Aktivpol des Motivs Hochmut als Angstmerkmal der Angst vor Verletzlichkeit sehen, dann besetzt Mary Ann dazu den Passivpol. Kevin ist brillant und greift dazu auf seine intuitiven Fähigkeiten zu, weshalb Luzifer sagt, seine Eitelkeit sei durchaus gerechtfertigt. Davon abgesehen, dass Mary Ann ihren Selbstwert über Luxus, die Wohngegend, die Größe des Appartments und Gehalt und Ansehen ihres Mannes definiert, ist Mary Ann sensibel, vermutlich hochsensibel, und sie fühlt sich in ihrer Sensibilität extrem verletzbar. Nach dem Umzug nach New York wächst ihr der Alltag schnell über den Kopf. Sie fühlt sich von den neuen Anforderungen gänzlich überfordert und extrem einsam. Ihre größte Angst ist es, auf einer Party von Kevin allein gelassen zu werden und sich deshalb angreifbar zu erfahren. Als Kevin sie dennoch allein lässt, fühlt sie sich im Stich gelassen und gerät in Panik. Sie hält die Anwesenheit der vielen Menschen nicht aus. Indem Mary Ann von Kevin verlangt, dass er seine Belange hinter ihre zurückstellt, steuert das Ehepaar unaufhaltsam auf die Katastrophe zu. Aber auch Mary Ann ist eitel.

John Milton packt Mary Ann genau bei ihrem Wunsch, etwas Besonderes sein zu wollen. Er umschmeichelt sie, stellt ihre Schönheit heraus und widmet ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Die ungeteilte Aufmerksamkeit des Seniorpartners einer der renommiertesten Anwaltskanzleien New Yorks zu erhalten, verschafft Mary Ann den Flair von Besonderheit, den sie sich wünscht. Nur John Milton sieht die zarte Orchidee in ihr, die ihr Ehemann Kevin seit Neuestem sogar ganz übersieht. Dazu kommt die Information, dass die luxuriöse Penthousewohnung, die ihnen von der Kanzlei gestellt wird, für das Ehepaar viel schneller frei war als für andere Hausbewohner. Und auch, dass ihr Mann von dieser wichtigen Kanzlei für seine Brillanz derart hofiert wird, bestätigt sie selbst in ihrem Wunsch, besonders zu sein und füttert ihre Eitelkeit.

Aber Mary Ann ist eben vor allem sensibel und überempfindlich zugleich und im Gegensatz zu Kevin sieht sie das wahre Wesen der sie umgebenden Menschen oder ihre eigenen Projektionen. Sie erkennt das dämonenhafte Innere zumindest in den Anderen und wird, weil Kevin ihr nicht glaubt, traumatisiert und verrückt darüber. Ihre Angst, verletzt zu werden, erfüllt sich wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Vor lauter Angst bittet sie, ganz Sensibelchen, darum, man möge auf sie Rücksicht nehmen und sie möge dieses und jenes nicht tun müssen, aber ihr Urteilsvermögen ist außer Kraft gesetzt. Sie setzt keine Grenze, selbst dann nicht, als ihre Grenzen klar überschritten werden. Wie ein erschrockenes Kind entzieht sie ihre Hand und rennt weg oder tut, was man ihr sagt, obwohl sie sich unwohl fühlt. Sie klagt, jammert und weint über ihren Alltag, beklagt ihre Langeweile und versinkt in Selbstmitleid, statt ihr Leben in die Hand zu nehmen und es zu ändern. Sie bittet Kevin für sie zu sorgen und sie bittet darum, er möge dafür Sorge tragen, dass sie nicht verletzt wird. Er soll sie beschützen, was Kevin in seiner Arroganz mit der Aussage quittiert, sie würde langsam wirklich anfangen zu nerven.

John Milton, der sich inzwischen als Kevins Vater geoutet hat, will Kevin in seine ganze Macht hinein verhelfen. Er soll mit seiner Halbschwester ein Kind zeugen, das an Genie nicht zu überbieten wäre. Dafür verspricht Luzifer auch Kevin unermessliche Inspiration, höchste Einsicht, Charisma und
Erfolg. Das wäre der erlöste Pol der Hochsensibilität. Nur weil das Angebot von Luzifer kommt, ändert es nichts am Inhalt der Gabe an sich. Kevin würde es frei stehen, wie er seine Gabe nutzt. Denn das ist die Krux: Um vom Schatten, der Angst vor Verletzung, in den erlösten Pol, den des Magiers, zu gelangen, bedarf es einer freien Willensentscheidung. Man wird nicht hineinkatapultiert. Man muss sich dafür entscheiden, seine Gabe anzunehmen und dann muss man losgehen und sie für sich beanspruchen.

In jedem Schattenpol ist das Potenzial des erlösten Pols immer spürbar. Dass in der Hochsensibilität das Potenzial der Medialität liegt, ahnen Träger dieser Konstitution oft seit ihrer Kindheit, verharren aber nicht selten in ihrer Angst vor den Konsequenzen und projizieren sie, wie jede andere Angst auch, nach außen. Kevin Lomax nutzt sein intuitiv erworbenes Wissen über seine Gegner gnadenlos aus, um sie in ihrer Glaubwürdigkeit zu diskreditieren. Die Angst, selbst verletzbar zu sein, muss ihn also verfolgen, auch wenn er sie durch Arroganz kompensiert und seine Frau sie im Passivpol spiegelt. Solange Hochsensible das Potenzial der Medialität bestreiten, sich selbst die Erlaubnis zur intuitiven und inspirierten Brillanz versagen und sogar versuchen, die Existenz einer höheren Macht zu leugnen, verharren sie in ihrer Angst davor, verletzt zu werden – und werden prompt auch verletzt. Ihre Empathie, der sie kein angemessenes Maß an Vernunft entgegensetzen, führt immer und immer wieder zu Reinszierungen alter Verletzungen. Die Frage, die Hochsensible sich in einem bestimmten Alter stellen müssen, lautet: „Bin ich bereit?“

Kevin Lomax wird diese Frage von Luzifer gestellt und er wechselt für einen kurzen Moment in den erlösten Pol. Statt Arroganz zeigt er jetzt einen gesunden Stolz und entscheidet sich nun aus Selbstliebe und nicht mehr aus Eigenliebe gegen Luzifers Angebot. Als er nach seinem Selbstmord wieder am Ausgangspunkt im Gerichtssaal in Florida steht, wandelt er die Verletzlichkeit in eine empathiebasierte Vernunft um und entscheidet sich gegen seinen Klienten, den er für schuldig hält, eine Schülerin missbraucht zu haben. Er zeigt jetzt Mitgefühl für das Opfer, zeigt Konsequenz und will das Richtige tun. Konsequenterweise legt er sein Mandat nieder. Allerdings bleibt Kevin nicht in diesem erlösten Pol. Schon das nächste Angebot Luzifers, diesmal in der Gestalt eines Reporters, der die Story der Verweigerung ganz groß rausbringen will, triggert erneut seine Eitelkeit. Der Reporter ködert ihn mit der Aussicht darauf, dass die drohende berufliche und gesellschaftliche Entwertung, die Kevin zwangsläufig fürchten muss, durch eine gut aufbereitete Story abgewendet werden könnte. Sofort greifen Kevins und Mary Anns Überlebensinstinkte, um die Angst vor der Wertlosigkeit und die vor der Verletzung abzuwehren. Kevin stimmt einem Exklusivinterview zu. Und Luzifer kommentiert triumphierend: „Eitelkeit. Eindeutig meine Lieblingssünde!“

Bedeutung

Entwicklungspsychologisch findet diese Stufe der Individuation im Alter zwischen 35 und 42 statt. Manche Hochsensible ahnen schon in jüngeren Jahren, dass ihre Hochsensibilität sie zu noch mehr befähigt als die vier, in der wissenschaftlichen Forschung anerkannten, Aspekte der Hochsensibilität vermuten lassen. Manche erleben sich selbst bereits als Kind sensitiv begabt, hellfühlend, hellhörend, hellsehend oder hellwissend. Einige erfahren sich mit einem enormen kreativen und künstlerischen Potenzial ausgestattet. Gerade den künstlerisch begabten Menschen stellt sich die Frage nach ihrer Bereitschaft selten. In ihnen drängt die Gabe selbst, die elementarer Bestandteil ihrer Essenz ist, nahezu unaufhaltsam nach außen. Sie fühlen, wie die Inspiriertheit sie nichts Anderes in ihrem Leben tun lässt, außer ihrer Inspiration Ausdruck zu verleihen. Solche Hochsensiblen leiden weniger stark unter ihrer Hochsensibilität, was nicht bedeutet, dass sie nicht sehr wohl mit anderen psychologischen Schatten zu kämpfen hätten.

Eine interessante Beobachtung, die ich unter Klienten in meiner Coachingarbeit des Schreibspiels machte, ist, dass manches Mobbingopfer im Grunde eine Projektionsfläche für die Arroganz als Merkmal der Angst vor Verletzung ist und zwar, weil das eigene Genie, das in der Sensibilität geborgen liegt, unterdrückt wird. Andere Menschen spüren die Ambivalenz der unterdrückten Gabe. Sie ist beinahe als Vibration spürbar, und sie fürchten sich vor der Macht der Genies, sie in ihrem Selbstwert verletzen zu können. Indem sie der Gefahr mit Arroganz begegnen, versuchen sie die hochsensiblen Genies zu kontrollieren. Natürlich gibt es auch Mobbingopfer, deren Opferschaft ausschließlich im 3. Dreieck und einem mangelnden Selbstwertgefühl begründet liegt. Aber es gibt eben auch die Mobbingopfer, von denen Andere sagen, dass sie sie irgendwie aggressiv machten, weil unterschwellig noch etwas brodelt, das subtil als gefährlich wahrgenommen wird. Hier werden die beiden Dreiecke 3 und 6 miteinander verbunden. In der Arroganz der Anderen spiegelt sich unsere eigene Selbstwertunsicherheit. Zugleich macht die Selbstwertunsicherheit der Anderen ihre Arroganz notwendig. Oder es wird der Schmerz getriggert, selbst ungehobene Schätze im Schatten liegen zu haben. Dann sind es die Schätze, die an die Verliestür pochen. Und das tut weh. In dem Fall treffen sich zwei 6. Dreiecke über die Schattenebene.

Sobald die Gabe angenommen wurde, hört auch die Überheblichkeit auf, die einem vorher im Außen begegnet ist. Sie wandelt sich in einen klar zum Ausdruck gebrachten Respekt in dem Maße, in dem die unterdrückte Brillanz sich in uns in Charisma verwandelt. Falls die Arroganz einem jedoch noch einmal begegnen sollte, prallt der Hochmut der Anderen gänzlich an einem ab. Jetzt steht man nicht mehr in Resonanz mit ihm, sondern erkennt ganz einfach die Dynamik dahinter.

Märchengrundlage

Die erste Märchengrundlage ist “Rumpelstilzchen”. Ein armer Müller hat eine schöne Tochter. Um sich dem König ebenbürtig zu zeigen (3. Dreieck, Selbstüberhöhung), behauptet der arme Müller, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. In der Betonung der Armut des Müllers liegt implizit die ironische Frage: Weshalb hat die derart begabte Tochter den Müller dann bisher nicht reich gemacht? Die parallele Assoziation zum “Tapferen Schneiderlein” (3. Dreieck) ist nicht zufällig. Die Verletzbarkeit, vor der der Übermut des Müllers ihn schützen soll, bezieht sich auf seine Selbstwertunsicherheit. Das Attribut arm bezieht sich auf sein inneres Wertempfinden. Er ist arm, weil er sich selbst für wertlos hält. In einem Kompensationsversuch projiziert er seine Gelüste nach Reichtum auf die Tochter, die die Selbstwertunsicherheit des Vaters ausgleichen soll.

Der König begegnet dem Müller im Gegenpol des 3. Dreiecks, der Selbstwertunsicherheit, die auf das 5. Dreieck ausstrahlt und er erweist sich als habgieriger Nimmersatt. Beide Männer greifen, ja grabschen, ganz Yang-Energie, nach den Sternen. Der Müller will mehr Selbstwert heranschaffen in Form von Talent, der König mehr materiellen Wert in Form von Reichtum. Beide versuchen für sich eine Art von Paradies oder Himmel herzustellen, ohne zu wissen, wie dieser Himmel oder dieses Paradies eigentlich aussieht, nach dem sie sich sehnen. Mammon ist übrigens als personifizierter Reichtum der zugeordnete Dämon zur Todsünde Geiz mit dem Laster der Habgier.

Zugleich ist das Thema des Märchens im Motiv Stroh zu Gold zu spinnen benannt worden: Es ist die Alchemie. Die Alchemie ist ein alter Zweig der Naturphilosophie. Unter den Alchemisten fanden sich frühe Chemiker und Pharmazeuten. Inhaltlich befassten die Alchemisten sich mit Vorstellungen über die Herstellung und Umwandlung von Materie, zu der dem Mythos nach auch die Verwandlung von Blei in Gold gehörte. Tiefenpsychologen wie C. G. Jung interessierten sich im Kontext des Individuationsprozesses des Menschen und der Transmutation der Psyche für die Mystik der Alchemie. Wie kann Dunkelheit in Licht verwandelt werden, ist die zentrale Frage der spirituellen Alchemie. Wichtig im Kopf zu behalten ist die Auffassung der Alchemisten, dass für den Umwandlungsprozess jedes Element zunächst per Destillation, Extraktion oder Sublimation von unreinen Stoffen befreit werden müsse. Das wäre im psychologischen Kontext dann die Schattenarbeit, also das Befreien von Angst und Illusionen, um in die Liebe gelangen zu können. Die Verwandlung von Angst in Liebe, also Stroh in Gold, ist der alchemistische Prozess jeder therapeutischen Intervention.

Jetzt bietet also der Müller dem König aus Angeberei, Übermut und Eitelkeit seine Tochter an, sie beherrsche die alchemistische Kunst, Gold herzustellen. Die Strafe für die Todsünde Hochmut ist der katholischen Kirche nach drastisch, eben der Tod. Darum droht der König der Müllerstochter mit dem Tod, sollte es ihr nicht gelingen, das Stroh in der Kammer bis zum nächsten Morgen in Gold zu verwandeln.

Die arme Müllerstochter hat keinen blassen Schimmer von der Kunst der Alchemie. Der archetypischen Psychologie nach dürfen wir zwar davon ausgehen, dass die Tochter mit der Alchemie in Resonanz steht, dass der angeberische Vater den Aktivpol zum Passivpol ihrer Ahnungslosigkeit besetzt und die Wahrheit dort liegt, wo das Lot des Dreiecks herabfällt, aber zum Zeitpunkt des Erzählbeginns hat die Müllerstochter noch keinen Zugang zu ihrer Gabe. Sie liegt noch im Schatten des mangelnden Selbstvertrauens.

Ihre Art, mit der Forderung umzugehen, ist Weinen. Wir hatten das schon im “Froschkönig”. Vom Verletzungspotenzial her ist bei ihr das 4. Dreieck betroffen. Ihr fehlt das Selbstvertrauen, mit dem sie es einerseits wagen würde eine Grenze zu setzen und die beiden Männer in ihre Selbstverantwortung ihren Gefühlen gegenüber zu verweisen, wie es die Königstochter im “Froschkönig” zuletzt ja macht. Andererseits  fehlt ihr der Mut, sich zu  erlauben, ihre Gabe, die von ihrem Vater zu Recht erahnt wird, aus dem Schatten zu befreien. Stattdessen also weint sie einfach nur und gibt die Rolle des Sensibelchens.

Ein unbekannter Helfer aber, der fest verschlossene Türen zu öffnen versteht, versteht sich auch auf die Kunst, den Auftrag auszuführen und das Stroh in Gold zu verwandeln. Das Märchen gehört zum Märchentyp “übernatürliche Helfer”. Der Helfer lässt sich, wie schon der Frosch im “Froschkönig” von den Tränen der Müllerstochter anrühren: “Guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?”

Der Hergang des Märchens ist dann bekannt. Das Männlein verspinnt in zwei Nächten das ganze Stroh zu Gold, was die Gier des Königs keineswegs zu stillen vermag. Beim dritten Auftrag droht der König der Müllerstochter zwar nicht mehr mit dem Tod, denn immerhin handelt es sich bei der vermeintlich unter Beweis gestellten Fähigkeit jetzt nicht mehr um Hochmut. Der König muss die Angst vor Verletzung nicht mehr spiegeln, indem er die Königstochter mit dem Tod bedroht. Jetzt stellt er ihr die Vermählung als Belohnung in Aussicht, sollte es ihr gelingen, auch diese gänzlich maßlose Forderung zu erfüllen. “Eine reichere Frau”, so kalkuliert der gierige König, “finde ich in der ganzen Welt nicht.”

Weil die Müllerstochter an Material nichts mehr anzubieten hat, mit dem sie das Männlein entschädigen könnte, geht sie einen Teufelspakt mit ihm ein. Sie verspricht dem helfenden Männlein ihr erstes Kind, wieder – wie schon die Königstochter im “Froschkönig” – in der Erwartung, dass sie ihr Versprechen nie werde einlösen müssen. “Wer weiß, wie das noch geht, dachte die Müllerstochter und wusste sich auch in der Not nicht anders zu helfen.”

Alles verläuft nach Plan und die schöne Müllerstochter wird eine Königin. Die wiederum ein schönes Kind zur Welt bringt. Dass die Schönheit in der Wiederholung betont wird, deutet wieder das Prinzip “wie innen so außen” an. Die äußere Schönheit deutet, wie schon im Märchen “Frau Holle”, wieder auf innere Gaben hin.

Als der Königin ein Jahr später tatsächlich durch das helfende Männlein das Kind weggenommen werden soll, was die größte Verletzung ihres Selbsts darstellen würde, versucht die Müllerstochter, die nunmehr die Rolle der Königin spielt, zunächst in den Aktivpol des Schattens zu wechseln und bietet dem Männlein “alle Reichtümer des Königreichs an”.

Nachdem sie allerdings mit den materiellen Reichtümern so wenig weiterkommt, wie die Königstochter im “Froschkönig”, greift sie auf ihr bereits bewährtes Mittel der kindlichen Emotionalität zurück: “Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte.” Dass das Männchen, das immerhin irgendwie mit dem Teufel im Bunde steht, Mitleid mit der Frau hat, finde ich bemerkenswert. Man muss sich nur vorstellen wie herzzerreißend dieses Jammern und Weinen – oder sagen wir diese emotionale Manipulation – ausgesehen haben muss.

Das Männlein zieht sich zurück. Die Welt stellt also keine weiteren Forderungen an die überempfindliche Königin. Sie bekommt ihren Willen, muss ihr Versprechen nicht halten und bleibt unbeschadet. Das ist leider der Ruf, der die Hochsensibilität als Phänomen derzeit noch begleitet und so viele erbitterte Kritiker auf den Plan ruft.

Allerdings lassen sich “Welt” und “Leben”, egal durch wen repräsentiert, nie ganz zurückdrängen. Was durch Jammern und Weinen und Manipulation erreicht wird, ist immer nur ein Aufschub. Deshalb gewährt das Männlein eine Frist von drei Tagen und stellt eine neue Bedingung. Es ist die Aufgabe der Bewährung. Die Königin soll das Männlein beim Namen nennen können, wenn sie das Kind behalten will. Sie soll das Wesen dessen erfassen und begreifen, was da ein Jahr zuvor in den Strohkammern des Königs vor sich gegangen war. So kann sie ihr Selbst, für das das Kind steht, retten.

Aus der Traumdeutung C. G. Jungs ist nun die Figur eines Geistes von grotesker Zwergenform bekannt, mit der Leser dieses Rumpelstilzchen wohl assoziieren mag. Dieser Geist soll oft in Träumen von Frauen vorkommen, wenn sie sich in Lebenssituationen befinden, in denen guter Rat fehlt. Im Märchen zumindest ersetzt der Geist zuverlässig den fehlenden Zugang zur inneren Weisheit, indem er das Gold selbst spinnt. Damit wird aber nur die in der Müllerstochter liegende Gabe nach außen projiziert.

Indem die damalige Müllerstochter auf das Genie des Geistes zugegriffen hatte, hat sie ihr Unbewusstes mit einer höheren Intelligenz verbunden. Dass sie zuerst ihre Halskette, dann ihren Ring und schließlich ihr Kind als Gegenleistung geben muss, wird in der Märchenforschung so gedeutet, dass sie ihr Selbst opfert. In Wahrheit hat sie zu diesem Zeitpunkt allerdings noch gar keinen Kontakt zu ihrem (höheren) Selbst, sondern untersteht der Macht ihres Egos, repräsentiert durch Gier und Hochmut von Vater und König. Das Unbewusste ist für sie noch nicht zugänglich. Es braucht den Reifungsprozess der Müllerstochter (Passivpol Schatten) in die Rolle der Königin hinein (Aktivpol Schatten) und von dort in die Emanzipation von der Rolle, hinein in das wahre Sein einer Königin inklusive ihrer magischen Fähigkeiten (erlöster Pol), um ihre Durchlässigkeit für die Transzendenz, deren Manifestation ihre hohe Sensibilität ist, zuzulassen und anzunehmen.

Dass die Königin sich der Transzendenz schließlich öffnet, führt dazu, dass sie den Namen des geheimnisvollen Wesens erfährt. Im Märchen ist es der Archetyp des Boten, der Informationen von weither bringt. Die Königin schickt den Boten sogar aktiv los, das heißt, sie übernimmt jetzt Verantwortung für ihren Wissenserwerb. Der Bote wird in die Stadt geschickt, dann über Land und am dritten Tag ereilt ihn eine zufällige Beobachtung aus der Region, “wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen”. Die Distanz-Metapher auflösend könnte man sagen: Zuerst durchforstet die Königin ihr konditioniertes Denken und ihre persönliche Erinnerung, dann vertieft sie sich in ihr Unbewusstes, um an verdrängte oder vorbewusste Inhalte zu gelangen. Am dritten Tag aber verbindet sie sich mit ihrem Überbewusstsein und ihrer Intuition aus dem Stirnchakra und über diesen Weg mit der Transzendenz und einer höheren Intelligenz. Mit ihrem Yin, ihrer weiblichen Präsenz, geht sie jetzt in die Meditation und empfängt, was zu empfangen ist. Die Frage, die sie sich einzig zu stellen hat, lautet: “Bin ich bereit?”

In dem Augenblick, in dem die Königin das Wesen des Männleins zu benennen weiß und den Namen benennt, verliert es seine Macht und seinen Schrecken. Oder positiv formuliert: Die Königin gewinnt Vertrauen in ihre Macht. Indem sie den Namen ausspricht, nimmt sie ihre eigene Macht an. Sie integriert die Macht, die bisher im Schatten gelegen hatte, indem sie das Weibliche und das Männliche in sich selbst vereint. Die Reaktion des Männleins spielt auf diese notwendige Verbindung von Animus und Anima an. Nachdem es offenbart hatte, dass es selbst mit dem Teufel im Bunde steht, weshalb es vermutet, vom Teufel an die Königin verraten worden zu sein, stößt es zunächst “mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei.” In den ersten Textausgaben dieses Märchens, soll das Männlein lediglich davongelaufen sein. Offenbar erschien den Brüdern Grimm aber die Betonung der linken und rechten Körperhälfte besonders bedeutsam, wobei links für Yin und rechts für Yang steht, dass sie entschieden, den Text letzter Hand anders zu erzählen. Die Machtauflösung im Zerreißen des Männchens bewirkt die Machtzentrierung in der Königin.

Mutter Erde und die männliche Energie des Zorns verbinden sich. Der Gegenpol zum Zorn oder der neutralen Energie der Aggressivität ist die höchste Leidenschaft. Sich eine Aufgabe zu suchen, die einen an die Grenzen seiner Möglichkeiten führt, ist die Forderung, die an die, in der hohen Sensibilität gebundene Gabe der höchsten Einsicht, gestellt wird. Das ist das Symbol des Zerreißens. Es ist das Ego, das zerrissen wird, das aufgegeben wird, um über das Herz die Verbindung mit dem höheren Selbst zulassen zu können. Das Ego aber ist nichts Anderes als das innere, in seinen Schatten und Ängsten verhaftete Kind, das sich auf egoistische Art vor Verletzung zu schützen versucht.

Von uns, der inneren Königin und dem inneren König, die wir das Wesen der Alchemie kennen und ihre Kunst beherrschen, wird nichts weniger als das gefordert. Nicht wir haben etwas vom Leben zu erwarten, wie Müller und König es taten oder all die Schattenfiguren der anderen Märchen, sondern das Leben erwartet etwas von uns. Es ist der Archetyp des Magiers, der in der Angst vor Verletzung als unser größtes Potenzial gebunden liegt. Ohne die Angst, verletzt zu werden, wandelt sich der Hochmut und die Eitelkeit in einen gesunden Stolz, mit dem wir uns auf den Weg des liebenden Risikos machen können. Vielleicht gibt es diese Transzendenz und diese höhere Macht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist sie uns zugänglich und trägt und führt uns. Vielleicht auch nicht. Was uns kein bisschen weiterhilft, ist ein naiver Glaube an einen guten Gott, der die Dinge für uns und an unserer Stelle doch wohl hoffentlich richten wird. Was uns dagegen weiterhilft, ist nur das liebende Risiko, das wir eingehen, um herauszufinden, ob es etwas Größeres gibt, als wir selbst sind, ob es auch uns zugänglich ist und ob es uns trägt. Und wenn ja: Auf welchem Weg können wir es erreichen?

An diesem Punkt kann das Märchen “Die Prinzessin auf der Erbse” wieder als direkte Fortsetzung zu diesem Märchenende hier gelesen werden.

Das Märchen “Die Prinzessin auf der Erbse” von Hans Christian Andersen beginnt damit, dass ein Prinz eine Prinzessin heiraten will, “aber es sollte eine richtige Prinzessin sein”. Was ist eine richtige Prinzessin? Nach meinem Verständnis eine von echtem Adel.

Es stellt sich heraus, dass es zwar genug Prinzessinnen gibt auf der Welt, aber an ihrem Adel gibt es große Zweifel. “Immer gab es etwas, das nicht in Ordnung war.”

Als an einem Unwetterabend eine Dame in reichlich derangiertem Aufzug am Stadttor erscheint und behauptet, eine wirkliche Prinzessin zu sein, mischt sich die Königin in die Bewertung ein. Obwohl die angebliche Prinzessin am Stadttor bereits vom König in Empfang genommen worden war und es doch der Königssohn ist, der nach einer wahren Prinzessin sucht, braucht es zur Adelsüberprüfung definitiv weibliche Präsenz und anderen Adel. Nur Adel erkennt wiederum Adel.

Die Königin weiß also, worauf es ankommt, um eine richtige Prinzessin von einer falschen zu unterscheiden. Zwanzig Matratzen, zwanzig Eiderdaunendecken, eine Erbse und eine Nacht später ist der Adelstest vollbracht. Man könnte auch sagen: der wahre Hochsensibilitätstest.

Am nächsten Morgen wird die Prinzessin nach ihrer Nachtruhe befragt und die Prinzessin, ganz Adel verpflichtet, klagt der Königin ihr Leid: “Ich habe auf etwas Hartem gelegen, so daß ich braun und blau am ganzen Körper bin!” Der Beweis ist erbracht, “weil sie durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdaunendecken hindurch die Erbse gespürt hatte.”

Das Entscheidende an diesem Beweis ist allerdings nicht das Spüren an sich, auch wenn das die Basis ihres Adelsempfindens ist. Nicht nur ihr Yin war aktiv und hat mit hoher Sensibilität und Präsenz den Störfaktor erspürt, sondern auch ihr Yang hat sich hinzugeschaltet, indem die Prinzessin über ihr Gewahrsein spricht. Hätte die Prinzessin hier geschwiegen, aus Angst, für ihre Klage verurteilt zu werden, vielleicht als unhöflich, unerzogen oder unkultiviert zu gelten, wäre sie nicht als richtige Prinzessin erkannt worden. Sie hätte wohl als Sensibelchen gegolten, das still vor sich hin leidet und sich vielleicht zu Hause im eigenen Schloss beklagt hätte oder das sich fortan vor fremden Betten gefürchtet hätte. Oder sie hätte hochmütig andeuten können, dass man ihrem Adel in diesem Haus wohl nicht gerecht werden würde und dass sie (aus Angst vor weiterer Verletzung) auf die Heirat lieber verzichte. Die Prinzessin aber ist eine erlöste Hochsensible. Sie kennt ihren Adel und sie fühlt ich ihm verpflichtet. Der Hochmut wird durch den inneren Adel ersetzt. Erwachsen schützt sie ihr inneres Kind, ohne Angst vor Bewertung, und vertritt in aller Klarheit (Yang) und Bewusstheit (Yin) ihre Grenzen. Dadurch erkennt auch der Prinz, dass er eine richtige Prinzessin vor sich hat.

Die Erbse kommt auf die Kunstkammer, was heißen könnte, dass sie zum Stoff vieler fantasievoller Auseinandersetzungen werden wird. Und Hans Christian Andersen lässt es sich nicht nehmen, zuletzt anzumerken: “Seht, das ist eine wahre Geschichte.” Richtige Prinzessinnen gibt es also wirklich und sie sind keineswegs eine Erfindung.

Transfer

Dazu passt ein Zitat von Elaine Aron, das ich gar nicht weiter kommentieren muss: “Wir HSM erweisen uns und anderen einen schlechten Dienst, wenn wir uns im Vergleich mit weniger Sensiblen als schwach betrachten. Unsere Stärke ist eine andere, aber sie ist häufig wirkungsvoller. Sie ist oft die einzige Möglichkeit Leid und Bosheit zu begegnen. Gleichzeitig erfordert sie selbstverständlich Mut und wächst, je öfter wir sie einsetzen. Außerdem geht es bei dieser Stärke nicht immer um das Ertragen von Leid und darum einen Sinn im Leid zu finden. Manchmal besteht auch dringender Handlungsbedarf, der hervorragende Fähigkeiten und Strategien erfordert.” (Elaine Aron: “Sind Sie hochsensibel?”)

Musik

Weil ich vier Songs gefunden habe, die jeweils eine ganz eigene Perspektive auf dieses Entwicklungsdreieck zulassen, würde ich den Songs diesmal gerne eine eigene Überschrift widmen.

Adel Tawil: “Ist da jemand”

Die Frage, die Adel Tawil im Song “Ist da jemand” stellt, ist die erste, die wir für dieses 6. Dreieck klären müssen. Nicht abschließend und nicht in Absolutheit. Aber jeder für sich. Jeder muss für sich zu seiner eigenen Wahrheit auf die Frage finden, ob es eine Transzendenz gibt, ja oder nein? Hier hilft uns kein unbedingter Glaube an einen “lieben Gott” und auch kein genauso unbedingt ängstliches Negieren jeder Möglichkeit von Transzendenz und demnach der menschlichen Transzendenzfähigkeit. Wessen es bedarf, ist die eigene Erfahrung. Wir, allein, jeder für sich muss ausprobieren und die Erfahrung zulassen, ob er persönlich transzendenzfähig ist oder nicht. Und nur weil er vielleicht herausfindet, dass er oder sie es nicht ist, heißt das noch lange nicht, dass das auch für alle Anderen gilt. Pauschalurteile wie “so etwas wie Intuition gibt es gar nicht” oder “wir können immer nur spekulieren und projizieren” gehören nach dem Verständnis des 6. Dreiecks in den liebevoll geführten Kindergarten des Urteilsvermögens. Die Leitung dieses Kindergartens sollte die wahre und erwachsene Vernunft übernehmen – und nicht wieder das konditionierte Denken unserer Kindertage, das wir bisher für den Verstand gehalten haben. Ein erwachsenes Urteilsvermögen mag sich bei einem gesunden “ich weiß es nicht” einpendeln, aber das innere Kind, das vor Angst schlotternd jedes Maß an “Esotherik und Spiritualität” ablehnt und sie in manchen Kreisen sogar verbieten will, gehört von dem eigenen inneren Erwachsenen liebevoll und mitfühlend an die Hand genommen, statt dass es sich ungefiltert dem Außen zumuten darf und dort Gefühle verletzt oder heranwachsende Menschen in ihrer Entwicklung limitiert. Und zwar gehört dieses ängstliche innere Kind von einem Erwachsenen an die Hand genommen, der sich selbst die Frage stellt: “Wovor genau fürchtest du dich denn?”

aha: “Under the makeup”

In diesem Song geht es darum, dass ein Mann eine Frau einlädt, ihre Maske abzulegen, damit er ihr wahres Wesen erkennen könne. Er will sie lieben, ganz so, wie sie in ihrem Kern ist. Die Maske allerdings, zu der der Hochmut eine perfekte Version ist, verhindert wahres Gesehenwerden. Hier spielt das 6. Dreieck dem 5. Dreieck einen gewaltigen Streich. Aus der Angst vor Verletzung heraus tragen manche Hochsensible eine Maske, die ihrem Schatten entsprungen ist, hinter der sie sich hochmütig verstecken. Gerade weil sie es nicht wagen, sich zu zeigen, werden sie auch nicht gesehen. Und dann bleibt ihr innerer Nimmersatt hungrig oder sie müssen die wenigen Menschen ausbeuten, deren Aufmerksamkeit sie habhaft werden können. Die Psychologie nennt solche Menschen Energievampire. Der Grund, weshalb sie Energie nur abziehen, statt im Austausch welche zu geben, zum Beispiel indem sie selbst inspirieren würden, statt sich nur inspirieren zu lassen, liegt in ihrer inneren Blockade der Inspiration gegenüber. Aus lauter Vorsicht vor Überforderung lassen sie es nicht zu, die Verbindung zur Transzendenz wahrhaft einzugehen. So dümpeln sie in ein wenig mystischem Gehabe vor sich hin, langweilen und erschöpfen ihre Mitmenschen mit unergiebigem Gerede über ihre hervorragenden Kontakte zur geistigen Welt, die sich in ihrer Lebenswirklichkeit allerdings nicht zu manifestieren vermögen. Ihre Reden bleiben hohle Theorie, die ganz oft auch noch von Anderen stammen und einzig rekapituliert werden können, statt in überraschenden Synthesen oder originellen Praxisbezügen zu etwas Neuem geführt zu werden. In manchen Berufszweigen wird sich hinter diesen Theorien auch gerne versteckt und die Klienten sollen möglichst in ihre vorgefertigten Formen und Muster gepresst werden, statt dass der innere Heiler, der den erlösten Pol dieses 6. Dreiecks bildet, zum Einsatz kommt. Der innere Heiler jenseits von zitierfähigen Theorien besteht aus Ausstrahlung, Charisma und dem puren Licht der Erfahrung.

Dieser Song wurde mir übrigens von einem Syrer “geschenkt”, einem Drusen, dessen selbstverständliche Haltung der Spiritualität gegenüber mir dasjenige Vorbild war, das mich ermutigen konnte, mein 6. Dreieck zu erlösen. Davor waren es die im limitierten und limitierenden Denken verhafteten Menschen meiner eigenen Umgebung, die mich daran gehindert hatten, die Handbremse zu lösen, meine Transzendenzfähigkeit zu erkennen und mir insbesondere in meiner Arbeit meine persönliche Verbindung zu einer höheren Intelligenz zu erlauben.

KT Tunstall: “Suddenly I see”

Hier würde ich gerne kurz eine Übertragung des Textes liefern. Wenn wir dem Stirnchakra das Motto “ich sehe” zuordnen, wie es in der Chakra-Lehre getan wird, dann passt dieser Song über das Sehen und Erkennen von persönlichen Fähigkeiten perfekt zu einer Person, die, nach meinem Verständnis des Songtextes, ihr 6. Dreieck erlöst hat. Es könnte quasi die Hymne des 6. Chakras sein, die einen Menschen beschreibt, der ganz und gar in seine magischen Fähigkeiten hineingefunden hat, sich von anderen nicht mehr verunsichern lässt und sie stattdessen durch sein Vorbild inspiriert und ermutigt, sich ihrer eigenen Fähigkeiten bewusst zu werden. Diese Person ist sich ihrer Fähigkeiten aus ihrer persönlichen Erfahrung heraus sicher und spürt unendliches Vertrauen in ihr Gehalten- und Geführtsein durch eine höhere Macht, deren Weisheit sie ganz einfach in ihrem Leben beobachtet. Ganz offenbar kann ihr niemand diese Erfahrung streitig machen.

“Ihr Gesicht ist eine Landkarte,

du kannst sehen, dass sie eine Schönheit ist,

alles, was sie umgibt, ist in silbernes Licht getaucht,

Menschen, die sie umgeben, fühlen, wie sie davon profitieren,

es bringt dich zur Ruhe.

Sie hält dich gefangen in ihrer Hand.

Plötzlich sehe ich,

das ist, was ich sein will,

plötzlich sehe ich,

warum zum Teufel sie mir so viel bedeutet.

Ich fühle mich,

als würde ich die Welt ablaufen,

und überall hören, dass sie ein schönes Mädchen ist,

sie füllt jeden Winkel aus,

als wäre sie in Schwarz-Weiß geboren,

wärmt dich,

wenn du versuchst, dich an das Gehörte zu erinnern,

sie mag es, dich auf ein Wort festzunageln.

Plötzlich sehe ich,

das ist, was ich sein will,

plötzlich sehe ich,

weshalb zum Teufel sie mir so viel bedeutet.

Und sie ist größer als die meisten,

und sie sieht mich an,

ich sehe ihre Augen von einer Zeitschriftenseite schauen.

Sie gibt mir das Gefühl,

als könnte ich ein Rückhalt sein,

ein großer, starker Rückhalt.

Sie hat die Kraft zu sein,

die Kraft zu geben,

die Kraft zu sehen.

Plötzlich sehe ich,

das ist, was ich sein will…”

Michael Jackson: “Heal the world”

Und was ist dann anzufangen mit dem, was dann ist, wenn das 6. Dreieck erlöst ist? Wozu ist die Hochsensibilität dann gut, wenn man sich nicht mehr damit beschäftigen muss, an ihr zu leiden, weil man einerseits die Schatten integriert und andererseits sein Leben so eingerichtet hat, dass man seine persönliche Konstitution gut respektieren kann? Was haben die 20 Prozent hochsensiblen Menschen dann zu tun in der Welt? Was könnte ihre Aufgabe sein, die sich aus ihrer Gabe ergibt, wenn sie sich, ganz innerer König und innere Königin, ihrem Adel verpflichtet fühlen? Ich finde, Michael Jackson gibt mit der Popballade “Heal the world” darauf die beste Antwort von allen. Es geht um nichts weniger, als die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Er spricht aber von heilen, nicht von retten:

(Intro durch eine Kinderstimme):

“Denk über die Generationen nach und darüber, zu sagen, dass wir eine bessere Welt erschaffen wollen für unsere Kinder und unsere Kindeskinder. Damit sie wissen, dass es eine bessere Welt für sie gibt und selbst darüber nachdenken können, ob sie sie zu einem noch besseren Ort machen können.”

(Songtext):

Es gibt einen Ort in deinem Herzen

und ich weiß, dass es Liebe ist

und dieser Ort könnte so viel heller sein

als das Morgen.

Und wenn du es wirklich versuchst,

wirst du herausfinden,

dass es keinen Grund zu weinen gibt,

an diesem Ort fühlst du,

dass es keinen Schmerz oder Kummer gibt.

Es gibt Wege,

um dorthin zu gelangen,

wenn du dich für das Leben einsetzt,

erschaffe einen kleinen Raum,

erschaffe einen besseren Ort.

Heile die Welt,

mach einen besseren Ort aus ihr,

für dich und für mich und für die ganze Menschheit,

auch wenn da Menschen sterben.

Wenn du dich genug für das Leben einsetzt,

erschaffst du einen besseren Ort für dich und für mich.

Wenn du wissen willst,

weshalb es eine Liebe gibt, die nicht lügen kann:

Liebe ist stark,

sie interessiert sich nur für freudiges Geben.

Wenn wir es versuchen,

müssten wir eigentlich feststellen,

dass wir in dieser Glückseligkeit

keine Furcht und keine Angst fühlen können.

Wir hören auf, nur zu existieren

und fangen an zu leben.

Dann fühlt es sich so an,

als sei da immer genug Liebe,

in der wir wachsen können.

Erschaffe eine bessere Welt.

Erschaffe eine bessere Welt.

Heile die Welt…

Und der Traum,

von dem wir ein Teil sind,

wird sein fröhliches Gesicht enthüllen.

Und die Welt, an die wir einst geglaubt haben,

wird wieder in Anmut erstrahlen.

Warum also versuchen wir dem Leben alles abzupressen,

verwunden diese Erde,

kreuzigen ihre Seele,

obwohl es doch klar zu sehen ist,

dass diese Welt himmlisch ist.

Sei Gottes Glanz.

Wir können so hoch fliegen,

lass unseren Geist niemals sterben.

In meinem Herzen empfinde ich euch alle als meine Brüder.

Erschaffen wir eine Welt ohne Angst,

weinen zusammen Tränen der Freude darüber,

dass die Welt ihre Schwerter zu Pflugscharen werden lässt.

Wir könnten es tatsächlich schaffen,

wenn du dich nur genug für das Leben einsetzt.

Schaffe einen kleinen Raum,

um einen besseren Ort zu erschaffen.

Heile die Welt…”

Und die Antwort auf die Frage, warum wir das tun sollten und warum ausgerechnet wir, hat fünf Stimmen: 1. Weil wir es können. 2. Weil es eine großartige Erfahrung ist. 3. Weil es sehr vermutlich unserer Essenz entspricht und wir es uns ohnehin vorgenommen hatten. 4. Weil wir eine Individuation der Liebe sind. Und 5. Weil das unser authentischer Ausdruck ist. Nummer 6 ist keine Antwort, sondern ein Versprechen: Wir
sind dabei nicht alleine, sondern weise geführt, inspiriert und unterstützt. Wir müssen es uns nur gestatten, dass sich die Einlösung des Versprechens in unserem Leben manifestiert. Wir müssen uns selbst erlauben, es wahrhaft zu fühlen und zu erfahren. Und als Ausblick: Die Antwort, die Nummer 7 geben wird, lautet: Weil es sein kann, dass wir ein Königreich zu beanspruchen haben.

 

 

 

 

 

Posted on 5. Januar 2018 in Hochsensibilität im Alltag, Märchenhelden im Schreibspiel

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